Die Grammatik der weißen Verlierer:innen

#Leben Die längste Zeit ihres Lebens hat Claire in Autos und Wohnwagen verbracht.
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Die Grammatik der weißen Verlierer:innen kennt keine Vergangenheit. Immer ist jetzt. Jetzt kriegt Claire den Küchenjob in einer Fressgass-Schwemme. Jetzt ist Claire schwanger vom Chef. Jetzt heiratet sie. Jetzt kommt Jenny auf die Welt. Jetzt lässt Claire sich scheiden und jetzt heiratet sie Harald. Und wieder geht alles schief. Trotzdem glaubt Claire fest daran: Es ist nicht egal und kein Zufall, weiß zu sein. Einmal wundert sich Claire so: Du bist doch eine Weiße, wieso machst du ...?

Frankfurt am Main 1969

Claire ist Nomadin in der zweiten Generation. Die längste Zeit ihres Lebens hat sie in Autos und Wohnwagen verbracht. Sie deckt Dächer und schneidet Hecken, falls es sich ergibt. Sonst macht sie was anderes. Sie nimmt, was sie kriegt. Sich zu wundern, liegt ihr fern. Das Leben ist noch verrückter als Scheiße. Man muss Glück haben, das ist Claires Standpunkt.

Keine Anlageberaterin könnte Claire je von dem Nutzen der Vorausschau überzeugen. Claire kommt ohne Erklärungen aus. Sie findet die Gattung stark in der Erwartung und schwach in der Erfüllung. Besser ist, man wünscht sich nichts. Claire trottet mit, was sie nicht alles schon gesehen hat. Zum Beispiel Leute, die vor Hunger und Erschöpfung schwachsinnig geworden sind.

Gerade erfüllen amerikanische Einheiten in Vietnam „ein Wochensoll an toten Feinden“. Sogar ermordete Kinder listen sie als Vietkongs, Irm berichtete darüber auf einer Wandzeitung. Ihre radikale Solidarität reicht noch für Claire, die sich im Gegenzug dazu bequemt, ein Interesse an Irms Themen zu heucheln. Natürlich will sie nicht mehr über „das Töten am Fließband eines verbrecherischen Krieges“ erfahren. Auf diese Überschrift ist Irm stolz. Sie trennt sich gerade von Wolf, einem Betriebsrat, der Pearl S. Buck für den Gipfel der Literatur hält.

„Das Geschäftsjahr war für Krauss-Maffei sehr erfolgreich“, steht in der Zeitung, neben dem Bett liegengelassen von Wolf. Irms Mutter besteht auf ein richtiges Bett. Der Erfolg hört auf den Namen Leopard. Auch das geht an Claire vorbei, Irm kommt vom neunten Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Wolf hat sich in Berlin sehr um sie bemüht. Wegen ihr besuchten sie die documenta auf der Heimreise. Immer mehr Künstler sind so weit, sich zu organisieren. Irm hat den Kongress als Revisionisten-Veranstaltung und die documenta als „bourgeoisen Nonsens“ abgeschrieben. Sie braucht einen radikaleren Geliebten, um selbst entschlossener sein zu können.

Sie liegen unter einem Himmel aus durchhängenden Tüchern. In der Küche ist Streit. Die Genoss:innen sind gereizt. In den Hamburger Kollektivbüros von Grönewolf, Reinhardt und Degenhardt wurden Brandsätze gezündet. Reinhardt vertritt Gudrun Ensslin, die Genossen machen Generalbundesanwalt Ludwig Martin für den Terror von rechts verantwortlich. Wolf führt das große Wort, das bedeutet, die stets besser als der Rest Informierten ziehen um die Häuser. Wolf führt den Rest an, Irm zählt sich nicht mehr dazu. Politisch ist Claire Idiotin, wenn nicht Schlimmeres. Warum distanziert sie sich nicht vom amerikanischen Imperialismus und seinen Verbrechen?

Gleich mehr.

08:58 28.02.2021
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