Normal ist der Ausnahmezustand

Systema M. Pavličenko Clarice Carangaria verliert  ihre angolanischen Eltern auf dem Weg nach Europa.
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Es war stets die gleiche Leier auf einer Skala der Variantenarmut. Vorgedrehte Zigaretten in einer originellen Box. Der R4 oder die Ente. Die Kerzen auf dem verwitterten Sims. Das verzogene Fensterkreuz. Dalís zerlaufene Uhren. An der nächsten Ecke eine Kneipe, in der Alexis Korner's Blues Incorporated gespielt hatten.

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Was zuvor geschah

Der Anfang beschreibt eine Aussetzung da, wo andere in eine Gemeinschaft hineinwachsen. Clarice Carangaria verliert ihre angolanischen Eltern auf dem Weg nach Europa. Auf Lampedusa gerät die Waise (unbegleitete Minderjährige) an einen Tributpflichtigen in Mario Montanas Mafia-Imperium. Clarice geht durch die harte Schule der Feldarbeit. Sie existiert in der Erniedrigung und erfindet da eine Capoeira-Variante. Überbordenden Einfallsreichtum beweist sie, sobald es darum geht, einen Feind zu bekämpfen. Sie strukturiert, ordnet und mathematisiert das Thema, bis endlich das ganze Gebiet so überschaubar wie ein Kinderspielplatz erscheint. Martialische Typen mit Verbrecher*innenstammbäumen bis in die Steinzeit kapitulieren vor Clarices Raum-Zeit-Mühlen. Du machst die Mühle auf und kapitalisierst den Faktor Zeit. Du machst die Mühle zu und profitierst von einem Raumgewinn.

Die effiziente Verwaltung von Zeit und Abstand generiert Konfliktkapital. Clarices Management lässt sich schließlich auch der Pate erklären. Restlos überzeugt, vertraut Mario der Aufsteigerin sein Wertvollstes an.

Clarice betreut Marios Tochter Maria als Chefleibwächterin. Die Schatten der Frauen sind verzahnt. Die Betrachtungsmetaebene verschraubt ihre Körper vertikal. Für die Eingeweihten: Sie haben eine gemeinsame Zentrallinie.

So geht es weiter

Geduldige Schatten

Sie spielen mit dem Anfang. Maria und Binh suchen ungewöhnliche Orte für ihre Begegnungen. Sie klappern touristische Anziehungspunkte ab. In den Verhältnissen der Einheimischen erscheinen die Kathedralen, Schuldtürme und Zeughäuser beinah exotischer noch als sie Fremden vorkommen, die auf die Reiseführerhistorie spekulieren.

Binh erlebt sich als Navigator auf einer Expedition in das Ungewisse des vor Ort Eingemachten. Gemeinsam genießen Maria und Binh Überraschungen so wie ein Schauer erregender Kirchenorgelrausch. Eine Meisterin spielt sich in Form, und die Liebenden gewinnen ein neues Weißt-du-noch. Bald schert sich auch Binh nicht mehr um die geduldigen Schatten hinter Maria.

Binh fehlt alles, um im Montana-Reich präsentabel zu sein. Er müsste eine Protzuhr (Rolex Explorer II 1655 zum Beispiel) und noch mehr superwertvollen Schmuck sowie Markenklamotten vom Feinsten tragen und mit einem Maserati vorfahren. – Und das wäre die Understatement-Variante in einer Sphäre, in der man Respekt nur jenen zukommen lässt, die sich Respekt verschaffen können. Du kriegst da nichts geschenkt. Bedürftigkeit disqualifiziert dich.

Binh fühlt sich von dem Gedöns in keiner Weise angesprochen und deshalb auch nicht in Frage gestellt. Er muss keinen Ehrenmänner-Ansprüchen genügen. Marias Reichtum fließt wie Wasser aus der Quelle in seine Richtung. Warum sollte er auch nur für ein Eis bezahlen bei diesem Wasserfallgefälle?

Binh tut nichts weh, wenn Maria ihn an jedem Schalter überholt, um den männlichen Part auszufüllen. Sie atmet Geld. In ihrer Nähe ist es so da wie Kuhscheiße auf dem Weg zur Weide.

Einschub/ Biologisches Misstrauen

Binh bittet Maria, in seiner Gegenwart keine Stiefel und auch keine hochhackigen, farblich exaltierten Schuhe zu tragen. Er drängt auf die Verfolgung seiner ästhetischen Leitlinien.

Immer wieder höre ich, man könne sich leicht über Präferenzen hinwegsetzen, sofern ein Ausgleich im Angebot sei. Ich habe da kein Urteil. Axel Buether erwähnt in seinem Werk „Die geheimnisvolle Macht der Farben“ die Funktionen von Farben in den sieben Kategorien „Orientierung, Gesundheit, Warnung, Tarnung, Werbung, Status und Verständigung“. In jedem Fall muss das Objekt der Begierde diesen Anforderungen genügen. Wer also einer Person, die lackrote High Heels für ein probates Mittel zur Wertschöpfung hält, von ganzem Herzen widersprechen möchte, den bestimmt - nach Buether - ein biologisches Misstrauen zu seinem Widerspruch.

Sinnlose Schulterknöpfe

Gerade fällt mir ein, wie ich einmal als Patient im Krankenhaus an eine Schwester geriet, die mir ein Interesse nicht vorenthielt. Eine burschikose Attitüde kontrastierte den Typus, den ich bei Frauen meiner Generation nicht mehr identifizieren und bei Jüngeren überhaupt nicht entdecken kann. Ich wittere ihn mehr als ich ihn erahne bei apfelgesichtig ergrauten Floristinnen und Buchhändlerinnen in Wollpullovern mit wagenradgroßen, vermutlich sinnlosen Schulterknöpfen. Da verwest ein erotisches Wir.

So war sie, diese Krankenschwester, ursprünglich dazu bestimmt, mich attraktiv zu finden und von mir attraktiv gefunden zu werden. Heute stoße ich mich am Stereotypen und Seriellen. Es war stets die gleiche Leier auf einer Skala der Variantenarmut. Vorgedrehte Zigaretten in einer originellen Box. Der R4 oder die Ente. Die Kerzen auf dem verwitterten Sims. Das verzogene Fensterkreuz. Dalís zerlaufene Uhren. An der nächsten Ecke eine Kneipe, in der Alexis Korner aufgetreten war.

Was ich sagen will: wir hatten keine Wahl. Damals gab es noch Kuren, die über sechs Wochen gingen. Der Rekonvaleszent verblieb solange wie in einem mittelprächtigen Hotel. Ich nahm alle Anwendungen und Muskelaufbaustunden mit. Man drehte ein Video mit mir in der Hauptrolle, weil ich mich so akkurat-gelenkig bewegen konnte. Das war kein Wunder, hatte ich doch nie groß etwas anderes getan, als zu trainieren.

Die Krankenschwester, die mir in ihrer Dienstkleidung als zwanglose Wohltäterin angenehm aufgefallen war, kam als Lady in Red zu unserem ersten und einzigen Date. Sie trug ein Lackminirock zur Lackweste, mir brannten die Augen.

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Verabredet war eine Antwort auf die Frage, ob ich nach einer schweren Operation, über die wir ein anderes Mal gern reden können, noch zum Geschlechtsverkehr in der Lage sein würde. Darüber hatten die Schwester und ich uns (sie auf jeden Fall entspannter als ich und sowieso ungemein heiter) auf ihrer Station verständigt. Was für eine lustige Idee.

Und nun das. Roter Lack. Gibt es noch etwas Affigeres? Denken Sie an Buether: „Orientierung, Gesundheit, Warnung, Tarnung, Werbung, Status und Verständigung“. Wir machen das alle nicht zum Spaß. Wir wittern, genesen, warnen, tarnen, werben, prahlen und finkeln nach den Vorgaben unseres genetisch-sozialen Strichcodes.

Nackt war die Welt wieder in Ordnung, doch blieb das Unbehagen. Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster. Ich glaube nämlich nicht, dass die Schwester in ihrem Lieblingsaufzug angefahren kam. Vielmehr glaube ich, dass sie dachte, mich so begeistern zu können. (Rot als Abwechslung zum Krankenhausweiß.) Natürlich gibt es keine Brücke über solche (wahrscheinlich gut im Sinne von animierend gemeinten) Missverständnisse.

Gleich mehr.

Tödlicher Liebreiz

Die Tochter des Paten hat passionierten Sex mit Professor Páscha auf dem Uniklo. Das erschöpft Maria Montana eine Weile und hält gleichzeitig die Spannung hoch. Sex ist für die Studierende auch ein kosmetisches Abenteuer. Bei jeder Begegnung mit der Koryphäe fragt sich Maria, ob ihre Hautpflegerin ganze Arbeit geleistet hat. Dann zieht sich Maria im Tennistraining eine Sehnenentzündung am Innenschenkel zu. In der Physiotherapie verfällt sie temporär einem kindlichen Greis mit goldenen Händen.

Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme.

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Ihn schmücken nicht nur die Titel der akademischen Hochform. Ágio Páscha trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. Sie haben bestimmt gedacht, das ist was Türkisches. In Deutschland würde Ágio Páscha als Professor Doktor Ostern (Ágio Pás-cha) kursieren.

„Orthodoxe Christen feiern zu Ostern die Auferstehung Jesu von den Toten. Das orthodoxe Ostern – in den Ostkirchen auch Páscha genannt – findet einige Tage nach dem Osterfest der westlichen Kirchen statt, da für die Bestimmung des Datums der Julianische Kalender verwendet wird.“Quelle

Akademisch dilettierend

Der unerhörte Liebreiz von Ágio Páschas Geliebten Maria ist jetzt noch nicht das Thema, so wenig wie die Stelldicheins auf den Klos der Universität von P. Beide, Lehrkraft und Studierende, lieben das Abortale in seinen internalen Spielarten. Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme.

Sie müssen sich stets vor Augen halten, dass Mario seine Tochter nirgendwo allein hingehen lässt. An der Peripherie des Geschehens lungern Leibwächter*innen herum, die übrigens keine Ähnlichkeit mehr mit dem Lino-Ventura-Typus haben. Der Wrestler hat ausgedient. Die Killer*innen sind zartwüchsig. Sie tauschen mit Maria ihre Kajalstifte. Sagen Sie ruhig divers und fluid, ich sage, das bleibt sizilianisch, auch ohne Schmerbauch, Dreitagebart und Lupara.

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Feudal-fidel

Der über alles informierte Mario lässt seiner Tochter freie Hand als zukünftiger Führungspersönlichkeit. Töchter sind die neuen Söhne nach dem aktuellen Mafia-Komment. Man setzt auf Frauenpower und Sizilianischen Feminismus. Das heißt, die Frauen können schießen und haben Nahkampfkompetenz. Mehr Feminismus geht doch gar nicht, sagt der Pate.

So wie man in den alten Zeiten in dunklen Gassen und verrufenen Häusern mit seinem Sperma hausieren ging, so kommt man jetzt feudal-fidel zur Sache. Same same but different eben.

Checks and Balances

Maria wünscht sich eine Jungfrau zum Mann. Aber noch nicht jetzt. Im Jetzt des Zenits ihrer sexuellen Explosivkraft checkt sie die Balance der Akteure im Feld. Ágio Páschas Mundgeruch erzählt schon von dem alten Mann, der er gleich sein wird. Binhs Einfühlungsgenie dient der Erkundung von Schleichwegen der Migration. Im Schatten der Magistralen, die der Mehrheitsgesellschaft vorbeihalten sind, erstreichelt er sich ne passable Wohnung, genug zu essen und solche Sachen. – Und Maria kapiert das Konzept. Kapiert es und goutiert es. Für sie ist der lautlos agierende Binh ein Bringer im unerklärten Bürger*innenkrieg um alle möglichen Ressourcen.

Maria und die Migration

Maria sitzt in einem Café und liest einen Bericht über die Gegend, in der das Café liegt. Die Rede ist von „Afrikanern und Kleinbürgern“. Die Leserin erkennt unverstandenen Rassismus. Unter den Afrikaner*innen sind gewiss genug Kleinbürger*innen (dies als Beispiel für nachholendes Gendern). Man identifiziert sie nur nicht als kleine Leute, die von ihrem Schlendrian getrennt wurden; die nicht mehr einkehren können in ihre kleinen Ich-Gehäuse. Auch Maria hat keine Chance auf das Glück eines kleinen Lebens. Sie trägt die Glock am Mann (umgangssprachlich) und eben nicht in der Handtasche, so wie die anderen Pastorentöchter. Dem Ernst der Lage als Tochter des Paten von … entspricht sie scharf rasiert.

Die Tochter des Paten

Maria liebt es, vermeintlich allein an einem Cafétresen Normalität zu simulieren. Die allzeit bewachte Tochter des Paten existiert in einem Sonderuniversum akuter Todesnähe. Ihre Ermordung ist beschlossene Sache. Es geht nicht um das Ob, sondern bloß um das Wann & Wie. Maria weiß das. Trotzdem bleibt sie cool. Die Erzählerin Ljudmila Michailowna „Systema“ Pawlitschenko schwafelt etwas von genetischem Mut. Das gibt es doch gar nicht.

Was zuvor geschah

Italien in seiner Prä-Pandemie-Verfassung. Maria Montana studiert Germanistik an der Universität von ... Die Tochter des Paten Mario führt ein Granden-Leben unter feministischen Vorzeichen. Sie darf all das, was früher den ältesten Patriarchensöhnen vorbehalten war. Maria lebt sich frenetisch aus. Vehement liest sie sich durch ihre Interessengebiete. Sie spielt Tennis und genießt eine Mafia-Spezialausbildung, die der Geheimhaltung unterliegt.

Aber das ist nicht unser Thema. Wir sind im Alltagsmodus. Von mir aus -trott. Maria im Café, bei der Massage, auf dem Laufband, in der Ambulanz ... im Hörsaal, auf einem Uniklo mit dem durchaus verheirateten Professor Doktor Ágio Páscha, den es seltsam berührt, von einer Studierenden mit gut gefülltem Schulterhalter geküsst zu werden. Maria legt zwar ihren Büstenhalter, aber doch nicht den Holster ab.

Die Bewaffnung törnt den alten Páscha an. Maria hat nichts gegen solche Benefite des Erotischen. Was geil macht, ist gut. So hat Maria es von Mario gelernt. Auch er kam als starker Mann/einst bei den Frauen vortrefflich an. Nun geht er gebeugt und sieht aus wie geschwefelt. Die Macht zersetzt ihn. Die vielen Todesurteile wiegen schwer auf seinem Gewissenskonto, während Maria für diese Not noch kein Empfinden hat. Sie genießt ihre Wirkung auf alles, was kreucht und fleucht.

Gern nimmt sie einen Kaffee im Stehen am Tresen einer Bar.

So geht es weiter

Dynastischer Kleinhandel

Maria überlässt sich einer Phantasie, die sie in Rimini zum ersten Mal gestärkt hat. Darin führt sie in dritter Generation einen Kiosk. Der dynastische Kleinhandel wirkt sich physiognomisch aus. Alle damit Befassten sehen sich ähnlich. Sie sind auf die gleiche Weise robust und anfällig.

Maria pflückt Lachs von einem Avocadobett und verlängert den Tagtraum, bis sie in der Bar ihres Verweilens (Illycaffé, free WiFi, originelle Backpackerbewertungen und endlos-stummgeschalteter Rai Uno auf einem zweiundvierzig Zoll Plasmabildschirm) jobbt, so wie die meisten ihrer Kommilitoninnen in Cafés jede Menge Schichten abreißen, um sich soeben über Wasser zu halten. Sie stellt sich vor, wie der offenbar skandinavische Barista (Maria tippt auf Schweden) um sie herumstreicht und die Nähe ihres Hinterns eine Glut entfacht. Neben ihr saugt eine Frau ihren Smoothie aus einer aufgepeppten Schnabeltasse. Maria baut die Frau in ihre Geschichte ein. Die Frau trägt ein Kleid aus erhabener, reliefierte Rankenmotive zeigender Spitze, mit einem fest vernähten Chiffonüberwurf, der wie ein Schleier kaum anliegt.

Ob ihr der Tod einmal so gut angezogen begegnen wird?

Das internationale Auftragsmordwesen ist längst eine weibliche Domäne.

Maria beneidet das geringe Volk um den Verschleiß, der es umgibt. Verstohlen registriert sie abgewetzte Stellen, geborstene Kanten, gesplitterte Kacheln, den Routinen entgangene Staubinseln; antike Zeichen, die zurückweisen in die Zeit, als in Bars noch geraucht wurde. Maria fürchtet jede Auffälligkeit. Ihre Sicherheitschefin Clarice Carangaria erstattet dem großen Mario Bericht. Maria darf nicht den Eindruck einer Saumseligen erwecken. Man erwartet Tatkraft von der Designierten.

Normal ist der Ausnahmezustand

Nichts sollte uns mehr überraschen als der funktionierende Alltag. Aber das überrascht uns nicht. Etwas macht uns glauben, wir hätten einen Anspruch auf Wärme im Winter. Obwohl all die Geflüchteten am Rand unserer Strecken die Kunde von der permanenten Dysfunktionalität weitertragen.

Angeregt von Antonio Gramscis Erkenntnissen, ist Marias Vater schon von zehn Jahren dazu übergegangen, die auf Lampedusa gestrandeten und von ihm eingesammelten Migrant*innen nicht so zu missachten, wie es die schieren Machtverhältnisse erlauben. Mario versteht den Mehrwert des kaum halbwegs fairen Umgangs als Bollwerk gegen die Konkurrenz. Ihm ist man gewogen. Die Plantagenarbeiter*innen springen jederzeit für den Boss in die Bresche. Im Hinterland mafiöser Weitsicht entsteht eine neue Wehrkultur.

Clarice Carangaria ist eine Flüchtlingstochter, die es weit gebracht hat im Imperium der Montanas. Mario vertraut ihr seinen Augenstern an.

14:45 16.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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