Normative Zivilisationszumutungen

#Zivilisationszumutungen Die „Kombination aus Fortschritt und Rückschritt hat normative Zivilisationszumutungen … produziert, die sich in … Affekte der Entzivilisierung flüchten.“ O. Nachtwey
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Aus dem Lattenrost meiner Sozialisation ragt der Nagel des Scheiterns von Willy Brandt. („Der Herr badet gerne lau.“ Herbert Wehner über Brandt/„Wo waren Sie, Herr Frahm?“ Franz Josef Strauß im Bundestag.) Das Scheitern deckte den Bedarf an politischen Visionen („Mehr Demokratie wagen“) beim kleinen Mann. Der kleine Mann war in der Siedlung meiner Kindheit Erzieher aller Kinder. In seiner Wahrnehmung hatten die Silos unserer Unterbringung gegenüber Altbauten gravierende Vorteile. Zu denken war an Heizkosten, die in großräumigen Jugendstiletagen angeblich den Gegenwert von Yachten verschlangen. Die Leute lebten gern in der Platte, sie zogen die Norm der Individualität vor. Für Terroristen brauchten sie die Todesstrafe auch als SPD-Wähler. Sich vom Falschen das Richtige sagen zu lassen, war nicht vernünftig. Das Hemd saß jedem näher als die Jacke. Wer verlangte, solche Binsen außer Acht zu lassen, war ein Idiot, säuisch-dumm wie die revoltierenden Studenten. Das Publikum entwickelte sich so wie Didier Eribon es in „Rückkehr nach Reims“ beschreibt. Der reaktionäre Kern glitt wie geschmiert aus dem SPD-Parteipudel, in dem er sich lange wohlgefühlt hatte.

Ich hörte Genossen sagen: „Diesen haben sie vergessen zu vergasen und jenen auch.“

Die alte Arbeiterkampfgeschichte interessierte nicht. Es ging um Umverteilung und Vermögensbildung im kleinen Stil. - Um Bausparverträge, Eigenheime und Gärten. In meiner Gegend gab es eine „Flüchtlingssiedlung“, aufgebaut von einem Kollektiv aus den „verlorenen Ostgebieten“, und eine Häuserzeile, die von organisierten Arbeitslosen vor Dreiunddreißig errichtet worden war. Beide Beispiele für die Überwindung von Armut in sozialistischen Initiativen fanden im Kanon des Wünschenswerten und Guten keine Aufnahme; sowenig wie die zwei Graswurzlerfamilien auf dem Lindenberg, die Ostermarschorganisatoren im Messinghof und andere Widersacher der „ewig Gestrigen“. Stattdessen war eine greise Witwe berühmt, die aus ihrer Wohnung ein Windhoek-Museum gemacht hatte. Sie diente der Aufgabe und erhielt dafür offizielle Anerkennung, den Siedlungs- und Dorfkindern die deutsche Kolonialgeschichte als eine gute Sache nahezubringen. Sie hatte als junge Frau mit ihrem Mann in Namibia gelebt und vergreiste nun in einer Gegend mit Straßennamen, die im Verein mit ihr an Deutsch-Südwestafrika erinnerten.

Es war normal zu sagen: „Bei denen sieht es aus wie bei den Hottentotten.“

Diesem fast geschlossen SPD wählenden Milieu erschienen Rassismus und so ein bisschen Faschismus („das hätte es unter Adolf nicht gegeben/es war nicht alles schlecht im Dritten Reich“) so unerheblich wie die Kaugummiautomaten an den Hauswänden. Partei & Gewerkschaft(en) waren die Interessenvertretungen des kleinen Deutschen. Alle anderen gehörten zumindest nicht selbstverständlich dazu. Die tausend Ausschlussriegel wurden als Versicherungen begriffen von Leuten, die sich vereinzelt an die Großeltern ihrer Nachbarn erinnern konnten. Mein Vater, 84, bis heute ein Linker, sprach von „gewachsenen Verhältnissen“ wie die AfD von der Homogenität.

Die Leute in der Umgebung meiner Kindheit waren politisch so immobil wie sie es beruflich, privat und geistig waren. Mobilität erschöpfte sich in „freier Fahrt für freie Bürger“, am besten in einer „autogerechten Stadt“.

Die Kinder wussten, wem welches Auto gehörte. Daran maß sich das Ansehen der Väter. Man kannte die Mütter, die putzen „gehen mussten, weil es sonst nicht reicht(e)“. Wer auf dem Büro arbeitete, hatte es geschafft.

Die Freaks an der Spitze

Im 19. Jahrhundert hagelte es Revolutionen und Umstürze in (aus der europäischen Perspektive) entlegenen Weltgegenden, wo die Prozesse der Zivilisation verschleppt worden waren. Sie führten nicht selten zu karnevalesken Monarchien und anderen Formen burlesker Gewaltherrschaft. Alexis de Tocqueville warnte die Stürmer & Dränger seiner Zeit: „Wer Freiheit will, muss Unsicherheit in Kauf nehmen.“

Wir verdrängen diesen Zusammenhang und erwarten Schutz vom Staat, die Gegenleistung gern erbringend. Denn wieviel weniger wert ist unbeschränkte Freiheit im Vergleich mit Sicherheit. In dieser Einschätzung trafen sich die von Weltanschauungen gesicherten BRD-Milieus. Angetrieben von sozialen Stagnationen, mutieren sie schon lange in Fusionen der gesellschaftlichen Ränder mit Mittellagen; im Takt einer Karnevalisierung der Politik, die zu den Freaks an der Spitze passt.

Das SPD-Milieu meiner Kindheit und Jugend nickte alle Freiheitseinschränkungen ab, angefangen bei den Notstandsgesetzen über den Gewaltverherrlichungsparagrafen, mit dem Heinrich Böll traktiert wurde, bis zum Radikalenerguss, der Datenerfassungs- sprich Überwachungstechnologie und der Polizeiaufrüstung. (Mein Vater: „Ich habe nichts zu verbergen.“) Das Milieu war staatstragend und doch viel weiter von der irgendwie zuverlässiger staatstragenden CDU entfernt, als man sich das heute vorstellen kann. Ich behaupte, dass es an die Grünen („das sind die Enkel der CDU“) und die Linke wenig Wähler verloren hat. Ich glaube, es verödete im Nachgang der alten Bundesrepublik als irrelevante Kohorte, deren deplatzierten Erben, wären sie Amerikaner, Trump als Präsidenten akzeptabel fänden. Der gesellschaftliche Bedeutungsverlust erzeugt Kränkungen. Ich glaube nicht allein, dass viele Milieuerben der SPD-Wähler von 1969 ihre Interessen auf keinem Feld mehr ausreichend repräsentiert sehen.

Die Spitzenkombination von Egoismus & materieller Anerkennung zieht da nicht mehr. Kein Eigeninteresse stimuliert Entscheidungen bis zu jener Euphoriemarke, die (von Friedens- und Wohlstandshoffnungen kolonisierte) SPD-Republikanerfamilien einst im Friesennerz und unter einem Himmel aus Schirmen und Transparenten im Kundgebungsrausch spielend erreichten. Stichwort „Willi wählen“.

Das Ja zu den Ostverträgen. Wandel durch Annäherung. Brandts Kniefall …

Ich möchte an dieser Stelle, den Kollegen Leo Fischer zitieren:

„Ich habe in den letzten Tagen (2017) sehr viele Beiträge und Tweets von Trump-Unterstützern gelesen; nirgendwo sehe ich, daß seine Wähler ernsthaft glauben, es würde ihnen jetzt wirtschaftlich besser gehen. Nirgendwo sieht man die Hoffnung, jetzt höherbezahlte Jobs zu erhalten oder am berühmten Monatsende mehr in der Tasche zu haben. Hier wurde gar nicht erst aus Eigeninteresse gewählt, sondern gewissermaßen selbstlos.

Die viel größere moderate Fraktion seiner Unterstützer war offenbar allein vom Ressentiment geleitet.“

Zum Typus sagt Oliver Nachtwey: „Die „spezifische Kombination aus Fortschritt und Rückschritt hat normative Zivilisationszumutungen und vermeintliche Verlierer produziert, die sich in regressive Affekte der Entzivilisierung flüchten.“

Nochmal Fischer:

„Aber wenn sich die Leute keine materiellen Vorteile von ihrer Wahl versprechen, welche Belohnung erwarten sie dann? Ich glaube ja, eine rein affektive: Sie wollen spüren, wieder Herr im Haus zu sein; sie wollen ihren schwarzen Nachbarn gängeln und Lesben aus dem Café weisen können.“

Erstickt der Fortschritt im Rückschritt?

Wäre man als Marginalisierter bereit für den schwebenden Zustand der Selbstlosigkeit, böte sich einem, so Fischer, die Chance, beim Wegrutschen den Feind noch fallen zu sehen. Bis dahin könnte man den Durchmarsch der aktuellen Internationalisten aka linksliberale urbane Mittelschicht und ihrer Agenturen, zum Beispiel die Neuen Sozialen Bewegungen - Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, LGBTQ – (im Folgenden NSM für New Social Movements), bremsen.

Trump ist ein Schlag ins Gesicht der NSM. Nach Fischer erklärt dies seinen Erfolg nicht zuletzt. So ferner Robert Misik: Traditionelle gesellschaftliche Hegemonialkräfte „haben … das Gefühl, sie würden nicht mehr respektiert“.

Noch besser Nachtwey: Es hat nicht viel gefehlt, und auf den ersten schwarzen US-Präsidenten wäre eine Frau gefolgt. Stattdessen hat dieses Amt nun ein misogyner, fremdenfeindlicher und paranoider ...

Bald mehr.

15:28 26.01.2019
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