Ökonomische Ursachen

Rassismus hat u.a. „ökonomische Ursachen ... (er) ist ein Erbe der Nationalstaatenbildung, des Kolonialismus.“
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„Rassismus (hat u.a.) ökonomische Ursachen ... (er) ist ein Erbe der Nationalstaatenbildung, des Kolonialismus, der europäischen Aufklärung und der europäischen Geistes- und Naturwissenschaften. Somit handelt es sich in keiner Weise um ein natürliches Phänomen.“

Das stellt Aladin El-Mafaalani in seiner jüngsten Analyse fest.

Aladin El-Mafaalani, „Wozu Rassismus? Von der Erfindung der Menschenrassen bis zum rassismuskritischen Widerstand“, Kiepenheuer & Witsch, 12,-

Mit dem Auftritt des Renaissance-Menschen ändert sich die frühneuzeitliche Spielanordnung. Bereits die Kolumbus-Mission findet ihren tragfähigsten Rahmen im Big Business. Die Medicis statten die (spanischen Interessen dienenden) Expeditionen des Genuesen aus. Sie kombinieren Geld mit allem, was gerade seine Vermehrung verspricht: Macht und Nautik. Sie finanzieren Unternehmungen der großen katholischen König:innen und bewegen so die royalen Entrepreneur:innen auf dem Schachbrett der Welt. Zwar war von Gleichheit nie die Rede, aber im Zuge einer Optimierung von allem, bedarf auch die Ungleichheit neuer Parameter. Man relauncht den faustrechtlichen Sockel lodernder Sklaverei mit christlichen Erklärungen, in denen die weiße Überlegenheit gefeiert wird.

Die schlichte Entrechtung „entdeckter“ Völker braucht einen moralischen Mantel. Rassismus wird zum Vehikel der Ausbeutungskampagnen. Heute kommt es uns so vor, als sei Rassismus immer schon dagewesen, etwa zur Begründung von Xenophobie. Deshalb ist es verdienstvoll, klarzustellen, dass institutioneller Rassismus ein Basiselement in den postmittelalterlichen Geschäftsmodellen kolonialer Exploitationen des Globalen Südens war und noch ist.

Aus der Ankündigung
Seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd in Minneapolis 2020 wird auch in Deutschland offen, kontrovers und hitzig über Rassismus debattiert. Wie funktioniert Rassismus, wem dient er und wozu? Dieses Buch gibt einen Überblick über die Begriffsverständnisse, die Geschichte und die Gegenwart dieser prägenden menschenfeindlichen Herrschaftsideologie. Dabei werden die jüngsten Entwicklungen und Diskurse unter die Lupe genommen und eingeordnet. Wie definiert man Rassismus, wann ist er entstanden, wie hat er sich bis heute gewandelt? Woran kann man erkennen, ob eine Handlung oder eine Aussage rassistisch ist? Was ist der Unterschied zwischen strukturellem und institutionellem Rassismus – und warum sollte man das wissen? Wie wird Rassismus von Betroffenen wahrgenommen? Welche Verantwortung haben pädagogische Institutionen?
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Zum Autor

Aladin El-Mafaalani, 1978 im Ruhrgebiet geboren, ist Professor für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück. Nach dem Studium war er Lehrer am Berufskolleg Ahlen, dann Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Münster und später Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf. Er studierte an der Ruhr-Universität Bochum Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Pädagogik und Arbeitswissenschaft und wurde dort in Soziologie promoviert. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt 2020 den Preis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie.

Sehen Sie außerdem meine Besprechung zu Aladin El-Mafaalanis Grundlagenwerk „Das Integrationsparadox“, Kiepenheuer & Witsch, 239 Seiten, 15,-

Autochthone Verlierer

Die offene Gesellschaft ermöglicht Austausch, Kooperation und Streit. Ihre Gegner sind im Konservatismus vereint. Sie kultivieren Ausschluss und Verweigerung. Sie verschanzen sich hinter Barrieren der Exklusivität und schüren die Angst vor Überfremdung. Ihre Kultur gründet in der Angst. Die Angst haben Salafisten und Rechtsradikale gemeinsam. Die mentale Nähe ist da am größten, wo die extremsten Positionen formuliert werden. Zu diesem Ergebnis kommt Aladin El-Mafaalani in seinem Aufklärungsbuch „Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Darin beschreibt er die Geburtsschmerzen einer neuen Gesellschaft, die nach den Leistungsmaximen und entgegen völkischer Devisen autochthone Verlierer im Staub der Vergangenheit liegen lässt. Die Migration befeuert einen evolutionären Prozess der Umverteilung. Wie eh und je geht es um Verdrängung und Partizipation.

Der Unterschied zwischen Skandieren und Skalieren

„Die Verbesserung der Teilhabechancen führt nicht zu mehr Konsens in der Gesellschaft, sondern zu Neuaushandlungen.“

El-Mafaalani erklärt, „warum es gut ist, dass gelungene Integration das Konfliktpotential steigert.“ Der Politikwissenschaftler besichtigt den Grand Canyon der Differenz zwischen Skandieren (von Parolen) und Skalieren (ziviler Chancen).

Wir haben längst Verhältnisse, in denen die ethnische Herkunft nichts mehr garantiert. Die Minderheiten drängen in den öffentlichen Raum und auf die Märkte der Ur-Einheimischen. Manchmal bestimmen sie den Diskurs und verstärken so den Protest der schweigenden Mehrheit, die sich von ihren demokratischen Gewalten nicht ausreichend repräsentiert sieht. Es zeigt sich die Effektivität der Versprengten, die eine im Grunde aktivistische Empowerment-Politik betreiben, die sich nicht gegen sie ins Feld führen lässt. Die Initiativen der Beteiligung machen sich in Räumen der Sozialarbeit und der Nachbarschaftshilfe unauffällig. Sie werden dezent begrüßt, in einem evolutionären Sog der Anpassung - Wen du nicht besiegen kannst, den musst du umarmen.

Manchmal bleibt El-Mafaalanis Analyse im Vokabular stecken. Der Autor exponiert die Gewinne für viele und unterschlägt Kosten der Transformation. Er spricht von einem „breit verankerten Problembewusstsein“ in den Instanzen, die etwa zur Verbesserung der Sprachkompetenz führt. Syrische Flüchtlinge seien in einem Parcours der Deutschkurse und des ehrenamtlichen Engagements schneller zur Mitte aufgerückt als sämtliche älteren Einwanderergenerationen. Sie leben in Deutschland gleichwohl nicht so wie zum Beispiel koreanische Migranten in Amerika, die ohne Anlauf verbürgerlichen.

Deutschplus

Die Zugangskodes werden mit den Qualifikationen verteilt. Jeder individuelle Fortschritt steigert die Erwartungen und setzt die Schmerzgrenzen herab. Verminderungen der Hinnahmebereitschaft sind folgenreich. Einzelbewertungen ergeben sich aus divers gegossenen Fundamenten. Religion, Qualifikation, Geschlecht, Alter, soziale und ethnische Herkunft so wie politische Überzeugungen ergeben tausend Muster in einer Gesellschaft.

El-Mafaalani feiert die Integration, wo eine Avantgarde längst in der Zukunft der Desintegration das Gold der Beteiligung schürft. Wie es Max Czollek gesagt hat: Es gibt kein ohne uns mehr. Die Operation Metamorphose läuft. Der fünfte Teil der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, davon die Hälfte mit deutschem Pass. Die neuen Deutschen nennen sich „deutschplus“ und sorgen in den Ballungsräumen für Superdiversity. „National befreite Zonen“ können da nicht entstehen.

El-Mafaalani verlässt sich oft auf anekdotische Evidenz. Er erinnert an die Ära der durchsetzungsfähigen Hausmeister, die in Blockwartmanier die Grünflächen zwischen den Siedlungshäusern bewachten. Sie verteidigten den Rasen gegen Heranwachsende. Man war aneinander gewöhnt. Die Verschiebung der Machtverhältnisse ging fast unmerklich über die Bühnen der Teilhabeverhandlungen. Irgendwann tauchten die Hausmeister als zustimmend rauchende Zeitgenossen an den Spielfeldrändern auf und in den Quartierskadern schnürten sich Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil, Lukas Podolski und Miroslav Klose die Siegerschuhe. Das war eine Abstimmung mit den Füßen. Sie änderte alles.

09:52 08.09.2021
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