Offene Misogynie

Schwarzer Feminismus In dem Aufsatz „Jenseits männlicher Maßstäbe“ charakterisiert Roxane Gay den US-amerikanischen Kulturbetrieb als männliche Domäne.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Was, so fragt Gay, wäre geschehen, wenn John Updikes „kleinstädtisch-häusliches“ Erzähluniversum „weiblicher“ Prioritäten wegen im Frauenliteraturregal einen Platz gefunden - und die Kanonisierung des Werkes der Genre-Vorgabe entsprochen hätte.

Eingebetteter Medieninhalt

In dem Aufsatz „Jenseits männlicher Maßstäbe“ charakterisiert Roxane Gay den US-amerikanischen Kulturbetrieb als männliche Domäne. Die Essayistin fragt nach dem Ursprung maskuliner Dominanz in der Literatur. Die männliche Herrschaft setze eine Übereinstimmung voraus – einen Beschluss, der feststellt, „dass Texte von Männern mehr Wert sind“.

Das literarische Establishment ist männlich.

Mit dieser Feststellung eröffnet Roxane Gay eine Erörterung der Rollen von Frauen im US-amerikanischen Kulturbetrieb. Gays einmal wieder genial zugespitztes Credo lautet: Wer die Debatte über Empfängnisverhütung und Abtreibung dominiert, beherrscht auch die metapolitischen Arenen. Da, wo gesellschaftspolitische Reizthemen ihre Rezeptionsgarnituren verpasst bekommen, bleibt kein Raum für freiwilligen Machtverzicht.

Roxane Gay, „Bad Feminist“, Essays, aus dem amerikanischen Englisch von Anne Spielmann, btb, 415 Seiten, 10,-

Präsidenten werden (auch) auf dem Buchmarkt gemacht. Jede Bedeutung beginnt mit Erzählungen im Rahmen einer gesellschaftlich aufschlussreichen Situation. Der Abstand zu gegenwärtigen und zukünftigen Powerbasen bestimmt den Rang. Gay definiert den Zusammenhang negativ: „Bei den Preisen für Magazinjournalismus gab es in mehreren Kategorien – Reportage, Feature, Porträt, Kritik, Kolumne, Kommentar – keine weiblichen Nominierten“.

Epidemie der Frauenrücken

„Das Für und Wider in dieser Debatte ist vorgezeichnet und langweilig“, schreibt Gay. Die Kodierung der Ablehnung von Teilhabeverhandlungen sind schlicht. Die Rede ist von Scheindiskussionen. Statistiken werden in Zweifel gezogen und Quoten in Aussicht gestellt.

Warum funktionieren Strategien der Frauenmissachtung in einem Kulturkampf, der männliche Domänen reduziert? - Zumal in einer Industrie, „in der überwältigend viele Frauen arbeiten“?

Gay zitiert eine Kollegin, die eine „Epidemie der Frauenrücken auf Covern von Büchern aller Art“ entdeckt; produziert von einem Herstellerinnenheer. Was sich mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen und als „Frauenliteratur“ verkaufen lässt, unterliegt einer Betrachtungs- und Bewertungsautomatik, die den männlichen Blick als Maßstab perpetuiert.

Was, so fragt Gay, wäre geschehen, wenn John Updikes „kleinstädtisch-häusliches“ Erzähluniversum „weiblicher“ Prioritäten wegen im Frauenliteraturregal einen Platz gefunden - und die Kanonisierung des Werkes der Genre-Vorgabe entsprochen hätte.

Das Zauberwort lautet Marketing. Marketing verlangt Kooperation und Marktrationalität – und verstellt den Blick auf die Immanenz. Gay führt John Updike und James Salters als Urheber „vorstädtisch-häusliche“ Erzähluniversen an, die nach der herrschenden Literatur-Kosmologie selbstverständlich aus dem Kleinen das Große destillierende, folglich weltumspannende „Gesellschaftsromane“ geschrieben haben. Wären sie Frauen gewesen, so Gay, hätten sie als Galionsfiguren der Nachrangigkeit präsidiert.

Neben einer Wahrnehmungslücke klaffen da Impaktkrater der Misogynie. Doch am Horizont der Verwerfungen zeichnet sich für Gay Folgendes ab:

„Es gibt mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede in den Texten von Männern und Frauen.“

Gay fragt nach dem Ursprung maskuliner Dominanz in der Literatur. Die Marke setzt eine Übereinstimmung voraus – einen Beschluss, der feststellt, „dass Texte von Männern mehr Wert sind“.

Bald mehr.

11:31 05.08.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 3