Ohne Liebe kein Talent

Arno Geiger las in der Berliner Kulturbrauerei aus „Unter der Drachenwand“
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Shelly Kupferberg und Arno Geiger

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Am Fuß der Drachenwand ruht der Mondsee. An seinem Ufer liegt eine Ortschaft gleichen Namens im Salzkammergut. Dahin gerät der Rekonvaleszent Veit Kolbe 1944. Ihn hebt die Gewissheit, dass der Krieg für Deutschland und seine Vasallen verloren ist. Er will nur nicht noch sterben vor der Kapitulation.

Seiner Genesung verordnet er einen langsamen Fortgang.

Die Drachenwand ist Imponierarchitektur der Natur. Der Mensch in ihrem Schatten erscheint im Plural seiner Vereinzelung kläglich. Er punktiert die Landschaft und moussiert in der Liebe. Die Kammer, in der sich Kolbe eingerichtet hat, bietet in ihrer Hellhörigkeit die Gegenwärtigkeit eines Darmstädter Flüchtlings in der Ausführung Mutter mit Kind.

Soweit der Aufriss. Nun las Arno Geiger in einer „Berliner Premiere“ aus „Unter der Drachenwand“ und sprach über den Roman mit Shelly Kupferberg. Er fand griffige Formulierungen für die Arbeitsweise eines „Glückskindes“. Man erfuhr, dass Geiger als Heranwachsender nie Hochdeutsch gesprochen hat. Schließlich brach er aus den „Drahtverhauen (dialektaler) Wörter und Wendungen“ aus, um auch von Berlinern verstanden zu werden. Seine „literarische Sozialisation“ sei ein selbstgebauter Spielplatz gewesen. Von daher erklärt Geiger ein urwüchsiges Verhältnis zu Silben und Zeichen.

Kupferberg sprach ihn auf ein Establishment der Schrägstriche im Roman an; Geiger nannte die Schrägstriche einen „sechsten Kontinent der Sprache“.

„Ein Schrägstrich ist mehr als ein Punkt und weniger als ein Absatz. Er eignet sich zur Rhythmisierung des Textes.“

Der Krieg bleibt Kolbe fremd

Gleich hinter Mondsee kommt Schwarzindien. Evakuierte Kinder leben da, viele kennen nichts anderes als Krieg. Dessen Zeiger stehen so, dass jede Maßnahme nur noch dem Zweck der Organisation des Untergangs dient.

„Alles ist Masse, es wird nur noch in großen Zahlen gerechnet.“

Geiger schreibt: „Man hatte sich mit dem Teufel ins Bett gelegt“ und war nun soweit, als Braut zu sterben.

Kolbe ist der „geborene Zivilist“. Das Martialische haftet nicht an ihm. Das wird so ein bisschen dementiert, wenn er mit Beil und Bajonett eine Reibe bastelt und an sich selbst „das Seehundaroma der (in Marsch gesetzten) Männer“ wahrnimmt. Geigers interessanteste Bemerkung zum Krieg begreift den Schrecken in seiner Aktualität als das geringere Übel im Vergleich mit den nachgehenden Wirkungen vor einer alpin-olympischen Kulisse. Kolbes Erinnerungen stinken nach Blut. Sie trumpfen auf in der Gleichzeitigkeit von Horror und Idylle. Sie zeichnen Städte, in denen nur noch Kamine stehen.

In ungehobelter Kälte streift Kolbe nachts durch Mondsee.

„Die Häuser liegen wie Felsbrocken in den verdunkelten Gärten.“

Kolbe trifft den Brasilianer. So nennt man den Bruder von Kolbes Wirtin, da er in Brasilien sein Glück gemacht hat. Der Krieg schneidet ihn täglich von seinem Glück ab.

Geiger nennt den Brasilianer einen Hängengebliebenen. Zehn Jahre arbeitete es im Autor, dann war die Struktur der „Drachenwand“ da. Der Rest war ein Klacks. Vier Monate verbrauchte die Niederschrift.

Geiger variierte Tolstoi: „Ohne Liebe kein Talent.“

„Ich weiß über meine Figuren mehr als über meine Geschwister. Meine Figuren sind aber mir gegenüber auch mitteilsamer. Ich gebe ihnen, was sie brachen: Atem & Puls.“

Geiger weiß: „Aus Abgrenzung entsteht nichts.“

Arno Geiger, „Unter der Drachenwand“, Roman, Hanser, 480 Seiten, 26,-

07:32 21.03.2018
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