Olympischer Sellerie

Philipp Ruch/Rache Bemerkungen zu Philipp Ruchs „Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“ - 3. Folge
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Der Kapitalismus wird von der Romantik für das gehasst, was er am erfolgreichsten betreibt … die Bändigung des Trieblebens (in einer Abkehr) von der Ehre.

Wir hofften viel und taten wenig ... Hölderlin

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Philipp Ruch, „Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“, Campus, 437 Seiten, 39,95 Euro

Wir waren gestern beim Feindrecht. Dazu fand ich „Köpfe abschneiden zur Erleichterung der Herzen“ in „Geschichte und Gefühl - Grundlagen der Emotionsgeschichte“. Man stelle sich den Jubel leichter Herz vor.

„Die Jugend begehrt Überlegenheit“, schreibt Aristoteles.

Die Verwandlung der Überschüsse in Triumphe erlaubt dann wieder den Greisen auf der Gegenschräge zu punkten, indem sie den Nachwuchs mit „olympischem Sellerie“ abspeisen, heimlich die Tunika des Nachbarn als Rotzfahne missachtend.

Die Bereitschaft, in wertlosen Zeichen Auszeichnungen zu erkennen, kommt aus der Gewohnheit, Ehrenkränze, Ölzweige und den nachfolgenden Blechkreuzen Bedeutung beizumessen. Jedem athletischen Kind erscheint der „bloßer“ Ehre wegen engagierte vorchristliche Olympionike vorbildlich, und die Geschichte von der Verwässerung eines Ideals im Zuge eines Niedergangs (des olympischen Gedankens) prägt sich ihm ein und bestimmt sein Leben als eine im Vergleich zur Antike herabgestuften Angelegenheit.

Ruch behauptet, dass die olympische Ehre einen materiellen Gehalt hatte, der schwer wog.

„Grundbesitz verirrt sich zuhauf in die klassischen Ehrenkataloge.“

Die gehaltvolle Anerkennung stand in keinem Widerspruch zu einem Ideal. Der Geehrte musste sich nicht selbst verleugnen, um „ganze Städte“ anzunehmen.

Ruch wird nicht müde, seine Leser*innen dahin zu stoßen, wo folgende Einsicht ein Massiv in die Luft jagt. Hinter der antiken Ehre steckt bereits Geld und das Geld liefert Turniergründe und entfacht den Wettbewerbseifer.

Wo mehr Ehre als Geld im Spiel ist, exponiert sich das Verhältnis.

Ruch trägt zum olympischen Sellerie die (Göttern und Siegern vorbehaltenen) „Erstlingsblumen“.

„Ebenso verweisen Erstlingsblumen auf die Idiotie, Entbehrungen und Schmerzen im Austausch für Stirnbänder und Blumen zu ertragen.“

Ruch packt das Gemüse in ein Egal für die „desymbolisierbaren Ehren“. Symbolische Ehren brauchen, so Ruch, die Begriffe einer Gemeinschaft. Außerhalb ihrer Zeitbindung werden sie notleidend.

„Dass der Kranz Unverletzlichkeit versichert, den Staat visualisiert, das Haupt strahlend macht … bleibt unverstanden.“

Ich widerspreche ungern. Doch steht außer Frage, dass wir sehr wohl in der Lage sind, die „klassische Siegerikonografie“ wenigstens in der Nähe ihrer Bedeutungen zu begreifen. Und fiele es jemandem ein, für Stärke ein Beispiel zu nennen, müsste er einen Schwächeren aufrufen, sollte ihm Herkules nicht in den Kram passen.

Wird fortgesetzt.

12:41 21.03.2019
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