Omas Bettpfanne

#Leben Paula verwendet das Waschgeschirr und die Bettpfanne der Wagner-Oma; Vorkriegsemaille, angeschlagen, aber funktionstüchtig.
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Paula verwendet das Waschgeschirr und die Bettpfanne der Wagner-Oma; Vorkriegsemaille, angeschlagen, aber funktionstüchtig. Sie gewinnt Zeit, indem sie Emma für ihre Eigenarten interessiert.

„Erinnerst du dich an Eisen-Leiser in der Heidestraße? Er sang im Innungschor der Bäcker, gelitten wegen der Obermeisterschaft seines Vaters.“

Paula steht mit dem Rücken zu Emma vor der Schüssel. Der Lappen fährt in die Achseln. Paula verwandelt sich in eine Altvordere, daheim im Glauben und im Mangel.

Emma Eisenstein schweigt auf einem Campingstuhl, die Meister singen jeden Mittwoch in der Burg. Leiser war ein Verehrer der Schwestern in ihrer Jugendblüte gewesen, seine ambivalente Zuneigung blieb in Jahrzehnten Thema. Die Schwestern sind Emmas Mutter und Tante. Sie schätzen Leiser, er kam in Frage. Leiser gewährt jeder Eisenstein besonderen Rabatt. Da geht die Minne weiter. Seine Frau arbeitet im Geschäft, ihr kann die Unterströmung nicht entgehen. Emma bedenkt Leiser als Feind der Hast. Sie denkt an einen Mann im Kittel, umsichtig, leise, überlegen.

Paula plappert mit ihren Puppen. Sie erzählt den Puppen, was Emma den Abend über gesagt, getan und gegessen hat. Sie beschwert sich, dass Emma nicht antwortet, wenn man sie was fragt.

„Wenn du nicht gleich betest, dann musst du es allein tun.“

„Hört ihr, so streng ist sie.“

Die Puppen empören sich, Beaverman ist in Frankreich, es gehört zu den ersten Verabredungen, dass eine Beziehung nicht bloß deshalb scheitert, weil Emma nie wegfährt. Sie hat Klassenfahrten verweigert. Sie glaubt nicht, dass Beaverman allein gefahren ist. Sie vermutet eine Raverin auf der Ferienrückbank. Eine reaktivierte Ex. Emma hört die Kellertür, wie sie sich öffnet. Dass in der Nacht jemand in den Keller kommen könnte, lag bis eben außer Reichweite ihrer Vorstellungen. Emma erwartet Abstiegsgeräusche, sie legt die gute Hand ans Messer. Aber da ist jemand an der Tür erst stehengeblieben und dann umgekehrt. Die Tür fällt ins Schloss. Stille breitet sich aus wie ein ballistisches Geräusch.

„Ist das schon mal passiert?“

Paula verschanzt sich hinter ihren Puppen, ihre überlebensgroße Angst nimmt reale Bedrohungen nicht ernst. Sie hält die Hand vor den Mund und wispert hinter dem Schild wie verrückt.

„Du kannst nicht im Keller bleiben“, entscheidet Emma, als müsse sie Paula einen kontaminierten Spielplatz verbieten.

„Fahl von Farbe, mutlos, scheu und schüchtern, fordern sie den Angriff heraus in diesem Land, wo jedes menschliche Wesen seinen Marktpreis hat.“ John H. Speke

„Darf ich baden?“

Leicht könnte Paula eine andere sein, hätte sie nur ein Bad wie alle Welt. Emma stellt das Nötige bereit. Sie ahnt, dass Paula nur bürgerlich einziehen kann. Im Museum* endet die Trennung von Wohlfahrt & Wohlleben. Kellerassel war gestern. Emma richtet das Gästebett, Paula wechselt den Rahmen mit Emmas Duftstoffen.

*So heißt Emmas Wohnung im Frankfurter Volksmund. Warum, das erfahrt ihr bald.

08:54 28.02.2021
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