Opfergespenst

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Ich schlug Holgers nächster Ex-Freundin vor, zum Herkules zu fahren, um den Blick auf Kassel im Morgengrauen zu monopolisieren.

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Bis heute ist es das meistgespielte Stück des Rowohlt Verlages. Im sich hinziehenden Nachkriegsdeutschland kam keiner an „Draußen vor der Tür“ vorbei – und wenn es das einzige war, was man in der Unfreiheit schulischer Maßnahmen – abgesehen vom „Räuber Hotzenplotz“ – in einem Theater auszuhalten hatte. Wolfgang Borcherts „um den Preis der Poesie“, so sagte es Wolfgang Weyrauch, in rasender Niederschrift gewonnene, 1947 zur ersten Aufführung gebrachte Trümmerdrama, ließ sich leicht verstehen und begreifen als ein von halb erfrorener Verstörung diktierter Text. Im Zentrum der stolpernden Handlung humpelt ein in jeder Hinsicht versehrt aus Krieg und sibirischer Gefangenschaft heimkehrender Unteroffizier herum in seiner nicht minder desolaten Geburtsstadt Hamburg. Das ist Beckmann. Seine Krisen kollidieren mit einem Kollektivverlangen nach Verdrängung. Es treibt ihn zu reden, wo andere nur im Schweigen ihr Heil suchen. Den Störer will man auf den Schlussstrich schicken. Er soll umkommen und darf doch nicht sterben. Das wäre zu einfach.

Martin nahm eine Breitseite der Kritik mit dem kleinen Lächeln, das Leute an sich haben, die wissen, dass sie nicht gut ankommen in der Welt. Sie entschuldigen sich ständig dafür, dass die Welt es mit ihnen aushalten muss – sie es aber nicht mit ihr aufnehmen können.

Die Beflissenheit löst Wut aus. Martin steckte in der Beckmannrolle wie eine Dattel im Speckmantel. Iris hatte ihm die Hauptrolle gegeben. Es war ihre erste Inszenierung am Staatstheater des Kleist Gymnasiums. Bis dahin hatte die künftige Superregisseurin Schlechteren den Vortritt gelassen. Jetzt drückte die Last, etwas Sensationelles abliefern zu müssen.

Weinerliche Herrenmenschen

Auch „Draußen vor der Tür“ diente der Verdrängung. Das war Iris und mir gemeinsam klar geworden. Das Stück hatte eine Ventilfunktion. Es wirkte katalysierend. Wie konnte so ein Textfetzen so viel Dreck aufwischen. Den großen Worten des Dritten Reichs hinterhergeheult.

Das war übriggeblieben von Germania. In den landläufigen Vorstellungen gelangte man nicht hinaus über das Opfergespenst Beckmann, zerschlagen in zerschlagener Heimat. – Geradezu aufgesprengt der eine wie die andere. Es drehte sich, so hieß es in den Anleitungen zum falschen Verstehen, um Psychologie in Ruinen. Hannah Arendt beschrieb die absurde Gleichgültigkeit der Verlierer in ihren Kohlfurzwolken gegenüber der jüngsten Vergangenheit, inklusive Holocaust. „Die Herzlosigkeit war offensichtlich“, erkannte sie. Verstanden wurde das auch als „Flucht aus der Wirklichkeit einer untragbaren Verantwortung“.

Ich hatte die Leichtigkeit erlebt, mit der die Schuld getragen wurde. Der Antisemitismus war einfach weitergegangen. Die Verbrechen waren nicht tabuisiert, sie waren immer da in den Unterströmungen der Gespräche zwischen Tür und Angel und manchmal ploppten sie auf und das regte keinen auf. Das Gleiche spielte sich in infamen Betrachtungen anderer Opfergruppen ab. Da ließ sich viel in einem Atemzug der Verachtung sagen.

Ich glaube, die zügige Wiederbewaffnung war eine Verdrängungsfolge. Mein Vater wollte nicht verdrängen, er zwang seine Kinder auf den Kurs der Konfrontation. Mich hatte das lange isoliert und erst als ich aus meinem Siedlungsdorf heraus in die bürgerliche Welt von Kassel kam, gewann ich Anerkennung und Freundschaft. In Heinrich Leises maurischer Burg am Brasselsberg war ich besonders willkommen. Heinrichs Achtung vor dem Underdog aus einem Nachtjackenviertel bestimmte das Verhalten seiner Tochter. Iris liebte ihren Vater für die Macht, die er untypischerweise besaß. An sich war man ohnmächtig und unbedeutend. Bedeutung und Anmaßung ließen sich kaum von einander unterscheiden.

Wer wollte denn Macht?

Heinrich wollte sie selbstverständlich. Er war der Antipode meines Vaters, ein Vertrauter sozialdemokratischer Bundespolitiker; zugelassen im engsten Kreis um Holger Börner.

Auch Iris strebte zur Macht ohne Überlegung. Man übernahm Verantwortung und verhielt sich taktisch klug.

Man sagte Ja, wenn andere zauderten. Iris‘ Inszenierung schlug bei mir direkt ein in der Magengrube des Begreifens. Wir kommen nicht voran, die Geschichte bleibt ein Albtraum.

Iris schnipselte geheime Abhörprotokolle der Alliierten ein, das Zellen-Parlando deutscher Gefangener, die manchen Mordspass gehabt hatten. „Was uns in die Quere kam, so Villen auf einem Berg, waren die schönsten Ziele.“

„Bist du der andere?“ … dem ich das Bein weg schoss/ dessen Bein weggeschossen wurde, weil ich ihn zum Aushalten auf verlorenem Posten gezwungen/ dessen Frau die Tür einen Tag zu früh aufgesperrt/ so dass er mich in ihr liegen sah.“

Beckmann hält sich mit solchen Fragen auf. Während sein alter Oberst der Zeit vorauseilend bereits auf der Fresswelle surft. Von ihm gingen die Befehle einst nieder bis auf die Schlammstufe ihrer Ausführung. Der Oberst hat seinen Übermenschen nicht verlernt, er erklärt den Krüppel zum Kranken.

Madeleines heruntergekommenes Überich Ingvild fertigte den Heimkehrer als voll erkaltete Trümmertussi ab. Immerhin konzediert sie Beckmann gewisse Unannehmlichkeiten in Stalingrad und weiter noch in den besungenen Weiten Russlands. Sie hält sein Elternhaus besetzt, die Eltern brauchen es nicht mehr.

„Von dem Gas (mit dem sie sich umgebracht haben) hätten wir einen Monat kochen können“.

Beckmann will tot sein endlich. „Mein Leben lang tot sein.“ Stattdessen heißt es: „Da probieren Sie mal die Hose“.

Eine Poesie aus Knobelbechern in einem Kabinett der Erhängten. Stricke fielen wie Hoffnungsträger aus dem Bühnenhimmel. Es keimte das Fräuleinwunder im Furor der Verluste. Was eben noch Blutschande war, versprach nun ein Weiterkommen.

Ein Schülerzeitungsfeuilletonist namens Ernst August Reckmann fand Iris` Auffassung altklug. Ihre Wahrheiten seien billig zu haben. Den „zum Ausdruck gebrachten“ Geschichtsbegriff nannte der Rezensent „abgeschmackt“.

Der Revanchismus nistete überall und brütete seinen Unrat vor allem in der Schülerunion aus. In einer Nacht nicht lange nach der Premiere feierten wir zum Schluss in Holgers Raumschiff. Ich sah, worauf es hinauslaufen würde. Iris` Vorgängerin bei Holger sah es auch. Sie weinte im Wintergarten. Ich schlug ihr und anderen vor, zum Herkules zu fahren, um den Blick auf Kassel im Morgengrauen zu monopolisieren.

08:40 25.02.2019
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