Ossip Mandelstam antizipiert Wlad Putin

Meletiszeleia Apostolides „Die Krim mit ihren Hammelfleischklößen und Minaretten ist schon an sich ein verführerisches Objekt für kinematografische Überfälle.“
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Ossip Mandelstam nimmt Wladimir Putin vorweg. Der Dichter sieht eines Tages (zwischen 1925 und 1929) im Kino eine „ungeheuerliche Zusammenkleisterung“.

Da geht Mandelstam ein Licht auf:

„Die Krim mit ihren Hammelfleischklößen und Minaretten ist schon an sich ein verführerisches Objekt für kinematografische Überfälle.“

Auch das Weitere passt. Im Film sprechen Forschungsreisende mit Grimm von ihrer Krim-Expedition, „als handle es sich um die Erforschung von Tibets tiefstem Inneren“.

Ossip Mandelstam, „Gespräch über Dante, Gesammelte Essays II 1925-1935“, herausgegeben von Ralph Dutli, Ammann Verlag 1991

Russische Randvölker

Der Filmtitel lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen. Offenbar rezensiert Mandelstam eine Pseudodokumentation mit sowjetsozialistischem Moritatencharakter. Der Kritiker macht dem Regisseur eine unrealistische Darstellung zum Vorwurf. Tatarische Gauchos legen den Kreispolizeichef mit einem Lasso an die Leine und verschleppen ihn in die malerischste Prärie. Es ergibt sich die Entwaffnung bewaffneter Reiter:innen unter den Vorzeichen eines Kinderspiels.

„All das wird ungestraft dem … sanftesten aller (russischen) Randvölker … angedichtet.“

Man beachte Mandelstams imperiale Perspektive. Für ihn ist alles Peripherie, was nicht Moskau ist. Mandelstam antizipiert Putin auch an dieser Stelle.

Der Erzähler im Film steigt in eine Höhle auf der Krim, wo Veteranen einer tatarischen Revolution ihr rustikales Arsenal präsentieren.

Die greisen Kämpen sind in ihrer pittoresken Isolation verwildert.

„Mit dieser Pistole habe ich noch gegen die Polizeitruppe des Khans gekämpft.“

*

Mandelstam moniert den Höhlentourismus, indem er sich über die Filmschaffenden lustig macht. Jane Jakarta hebt den Schatz zur Belehrung ihrer Gong-fu-und-Karate-Schülerin Letícia Ulbricht. Letícia trainiert heimlich, um nicht offen mit ihrer Gattin Majesty Fontainebleau-Kimura (ja, ich rede von der BJJ-Koryphäe MFK) konkurrieren zu müssen. In ihrem Leben ist schon jede Menge versandet, wenn nicht sogar richtig schief gegangen, aber die Brasilianerin Letícia hält sich passabel im Mahlstrom eines Weilers in der Gegend von Taorminally im US-Bundesstaat Kentucky. Einvernehmlich fremdgängerisch irrlichten Majesty und Letícia über den Parcours eines verschrammten Suburbia-Mittelstandes.

Die Mama-Mumien tratschen beim alkoholfreien Spritz

Eines Tages traf Letícia die stellvertretende Bürgermeisterin von Taorminally in der einzigen Bar vor Ort. Auch wenn das politisch nicht korrekt ist, sage ich doch, wie die Leute das Ding nennen - Mummy's Daily Break. Der Volksmund spielt mit der phonetischen Nähe von Mummy (Mumie) und Mommy (Mama). Die Mama-Mumien tratschen beim alkoholfreien Spritz.

Izidoro Meletis-Zeleia Apostolides

Alkohol ist out. Es wird nicht geraucht. Aber es gibt immer noch den alten Swingerinnendrive, die Milf-Mom-Monomanie. Izidoro Meletis-Zeleia Apostolides ist mit einem Mann verheiratet, und sogar mit einem dieser Babyboomer, die früher ihre Familien in Vorstadthöllen schmoren ließen, während sie selbst in New York oder Chicago on the wild side steil gingen. Das macht heute keiner mehr. Ein alkoholfreies Bier vor dem kalten Grill in Gesellschaft alleingelassener Ehemänner, deren Frauen es in Mummy's Dealy Break krachen lassen, gilt als Feierabendhöhepunkt.

Izidoro Meletis-Zeleias Gatte wirkt stets ein bisschen zu bedrückt und zu bemüht. Er hat aus der Beflissenheit eine Nummer gemacht.

Artistischer Ekel - Die Schmucklosigkeit der Dutzendexistenz als literarisches Sujet bei Flaubert und den Goncourts

Weder Volkstümlichkeit noch demokratisches Sendungsbewusstsein bestimmen die großen Franzosen in ihrer Darstellungskunst. Dem „ungeschönten Einzelmenschen“ wenden sie sich, so sieht es Ossip Mandelstam, mit „Hochmut … (und) Ekel“ zu. Die Herrschaften beanspruchen eine aristokratische Warte. Man ahnt Mandelstams Faszination für den Streit der Gegensätze. Unter Stalins Knute sind solche Gedankenausflüge verbotene Gänge. Mandelstam wendet sich westeuropäischen Randerscheinungen zu; angeregt vielleicht von deren dummen Freiheit, während der Geniale die Beugehaft des Totalitarismus erduldet. Es macht Mandelstam wohl Spaß, über Autor:innen zu schreiben, die ihre Chancen nicht zu nutzen wussten. So kommt er auf Duhamel.

Herzgeografie

Georges Duhamel trotzt dem Programm der Bürger:innen in beiden Spielarten. Er will weder Bourgeois noch Citoyen sein. Er verweigert die Rollenprosa des „Staatsbürgers und Wählers“. Als „Tourist“ im eigenen Land gefällt er sich. „Wenig ernsthafte Länder“ sind ihm die liebsten. Das kolportiert Ossip Mandelstam in dem Aufsatz „Georges Duhamels Herzgeografie Europas“.

Duhamel favorisiert Holl- und Finnland.

„Nieder mit der Politik, es leben die holländischen Tulpen und finnischen Skier.“

*

In den Labyrinthen lyrischer Legenden gewährt Duhamel „seinen Geist Auslauf“. Er erweitert den Kanon, gebläht von der Freiheit eines gleichermaßen Unangefochtenen und Unberufenen.

Was aber gefällt Mandelstam an den unbeholfenen Glasperlenspielen und lächerlichen Tändeleien? Jedenfalls nicht „die süßliche Jagd nach … Lokalkolorit“. Vielmehr gefällt es Mandelstam, Duhamel einen Platz unter den Mediokren anzuweisen. Jener sei stets „am Gängelband erstrangiger … Gesetzgeber der französischen Literatur gegangen.“

Aus der Ankündigung des Fischer Verlags, in dem die Taschenbuchausgabe erschienen ist:

„In Mandelstams Essays ist eine geistige Biographie eingeschrieben, hier eröffnen sich die gedanklichen Hintergründe seiner Weltsicht und seiner Poetik. Anhand der Essays kann der Leser den Weg Mandelstams verfolgen, wie er sich von der anfänglichen Beschäftigung mit ausschließlich ästhetischen Fragen zu eindeutigen politischen Stellungnahmen bewegt, bis hin zu dem auf Stalin gemünzten Epigramm vom »Seelenverderber und Bauernschlächter«. Mandelstams Kampf um die Freiheit des Individuums endet in der Verbannung. Herzstück des zweiten Bandes der gesammelten Essays ist jene Arbeit, die diesem Band auch den Titel gab: ›Gespräch über Dante‹. Voll Bewunderung schreibt der große Europäer Mandelstam über den ersten Aufklärer in der europäischen Geschichte: »Die Lektüre Dantes ist vor allem eine nie endende Arbeit, die uns, je mehr wir fortschreiten, um so weiter vom Ziel entfernt. Bringt eine erste Lek-türe nur Atemnot und eine gesunde Müdigkeit, so besorge man sich für die folgende ein Paar unverwüstliche Schweizer Nagelschuhe. Ich frage mich allen Ernstes, wie viele Sandalen Alighieri während seiner dichterischen Arbeit auf den Ziegenpfaden Italiens durchlaufen hat.“

Analytischer Revolver

1932 denkt Ossip Mandelstam über Charles Darwin nach. Er stellt fest: „Darwin dichtet der Natur keinerlei Ziel an und verneint jedes Heilsprinzip.“

Diese Strenge findet man auch bei Arizona „Double Action“ Singleshot. Es gibt keinen botanischen Dilettantismus und auch keine liebhaberhafte Beschäftigung mit den Gegenständen der Natur in ihrem Werk. Die Pickwicks dieser Welt gehen Arizona gegen den Strich. Unsere Agentin erkennt in ihnen beschreibungswütige Müßiggänger:innen; der Vernunft in Stilagglomerationen verloren gegangen.

Mandelstam spricht im Zusammenhang mit Darwins Beagle-Reise von einem „kolossalen Training der analytischen Sehkraft“. Als Essayist ordnet der Dichter das Training einer aufklärenden, zugreifenden und individualisierenden Praxis zu. Mandelstam beschreibt die Verwandlung des Jägers in einen Homo faber. Darwin unterscheidet sich von den Schwärmer:innen seiner Zeit mit den Behauptungen eines Ingenieurs. So werden dann auch Kriege geführt, da der rationale Diskurs vom Zeitgeist in Umlauf gesetzt wird.

Mandelstam betont die Ausdauer, mit der Darwin Faktoren wie Licht und Abstand in einem Koordinatensystem zusammenträgt. Gleichzeitig arbeitet der Forscher mit den Sensationen „der Freilichtmalerei“. „Gerissen“ sei die demonstrativ funktionale Zeichnung einer Grashüpferin. Mandelstam vergleicht sie mit Schilderungen im Linné-Style, wo das Insekt „kostümiert und geschminkt wie im chinesischen Hoftheater“ auftritt. Man präsentiere es wie „ein Juwel in seiner Fassung“.

Mandelstam zieht die Summe. Er zückt den analytischen Revolver. Linné und die Meister:innen seiner Kohorte brauchen für ihr seelisches Gleichgewicht Beschwichtigungen. Sie unterstellen der Natur Weisheit. Sie leisten Großartiges auf dem Feld der Miniatur.

„Die höfisch-feudale Kunst der Miniatur (zerfällt)“ in den nüchternen Naturbegriffen der Evolutionist:innen. Die Sturmspitze der Zukunft radiert „jedes teleologische Pathos“ aus. Darwin, so sagt es Mandelstam vielleicht in unbewusster Erwartung der Feuer, die ihn erwarten, nehme „der Natur gegenüber die Haltung des Kriegsberichterstatters“ ein.

09:52 02.07.2021
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