Ostern in Kunovice

Ballhaus Ost Wenn Grazien von Mähren träumen
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Das Kunovice ihrer Kindheit liegt fern zwischen den Strömen Erinnerung und Imagination. Nah liegt es der mäandernden Morava, die Mähren ihren Namen gibt.

Damen, die sich dezidiert äußern - das fällt auf und prägt sich ein in diesem Lost-in-Translation-(Zwischen den Welten)-Stück von Franziska Seeberg und Lisa Vera Schwabe. Damen im Kostüm. Vermutlich kommen sie gerade vom Friseur, die Kostüme haben in jedem Fall Signalfarbe. Die Damen heißen Franziska (Cathrin Romeis) und Vera (Franziska Dick). Sie sind kategorisch und didaktisch. Sie ergänzen sich im Vortrag und wirken dabei manchmal wie das doppelte Lottchen. Der Vortrag (als Summe) evoziert das Bild einer nach allen Seiten wegrutschenden Landkarte.

Die Bühne versammelt eine ambulante Anrichte, die auch als Jugendherberge herhält, ein Telefonhäuschen, das zur Asservatenkammer umgebaut wurde, eine prä-digitale Entwicklungseinrichtung, eine Projektionsfläche und eine Gesangsanlage. Ja, es wird viel und schön gesungen, „Ein Musiktheater“ heißt deshalb die Unterzeile zum Titel. Der Gesang beschwört eine ländliche Folklore, mit derbem Einschlag. In Kunovice jagten und droschen die Jungen mit Weidenruten rituell (zu Ostern?) ihre Generationsgenossinnen, die sich das gern gefallen ließen. Der Punkt wird exponiert. Das Ritual gehörte zu einem Fruchtbarkeitskult, die Mädchen bedankten sich mit einem Ei (als Gabe für den Favoriten.)

Ich nenne Franziska und Vera Navigatorinnen, da ihnen das Publikum unbedingt auf alle möglichen Hügel des Sonderbaren folgen soll. Auch wenn ihr Mähren räumlich und zeitlich weit weg ist. Sie grenzen das Gebiet ein und sagen einmal Tschechei zu Tschechien. Das rutscht so aus der deutschen Herkunft - Hochmut der Abstammung. Ist aber nicht so gemeint. "Schlonsakisch" heißt es im Bühnentext der Schlesierinnen zur Herkunft in einer Landessprache.

Die Navigatorinnen erzählen von Traumpfaden zwischen Böhmen und der Slowakei. Sie ordnen die Gegend historisch ein und singen (wie gesagt) ihre Lieder. In den Liedern sei ihr Gemüt am besten aufgehoben, sagen sie.

Sie studieren ein Foto - Ostern in Kunovice vor zwanzig Jahren. "Das Bild ist bei Babi aufgenommen." Man sieht einen Jungen mit Geige, das ist Lukás. Veras Stiefschwestern Katja und Nikola sind auch zu sehen. Jedes Kind hält ein Instrument. Als Erwachsene hat Vera mit Lukás Kontakt aufgenommen und die Konversation auf englisch vorangetrieben. Lukás ist total "open minded", wenn es darum geht, was mit Kunst auf die Beine zu stellen und die Kultur von Kunovice in die Berliner Gegenwart zu beamen.

Franziskas Vater war hauptberuflicher Hitlerjugendführer, das ist lange her und führt in das Avalon des Reichsprotektorats. Die Machtverhältnisse nach Fünfundvierzig kommen in Nebensätzen vor. Dann ist man gleich wieder privat, so wie die Aufnahme aus dem privaten Fundus von Lisa Vera Schwabe stammt. Das bis zum Exzess unspektakuläre Foto zentriert die Inszenierung, es entstand in einer Diele.

Der Zwischenraum war das Reservat einer Kristallgläser-Sammlung und anderer selten genutzter Gegenstände. Sonst ging man da nur durch, nur nicht zu Ostern. Wenn die Kinder kamen, um zu musizieren. Jedenfalls suggeriert das die Konzentration der Navigatorinnen auf diesen Augenblick. Sie reden darüber, was ihnen „richtig bemalte Eier“ im Vergleich zu Schokoladenostereiern bedeuteten. Wie wenig sie mit der christlichen Auffassung von Ostern verband. Wie traurig im Grunde das Ganze seinem Anlass nach war/ist. Aber eben nicht für sie als Mädchen in einer herzlichen Gemeinschaft. Sie vermissen die Herzlichkeit.

In der Gebrauchsanweisung steht: ""Ostern in Kunovice" verknüpft dokumentarisches Material mit den Mitteln des Musiktheaters und unternimmt eine Reise in ein Bild. Schicht für Schicht werden die Geheimnisse des 20 Jahre alten Fotos aufgedeckt. Dabei verbinden sich Tonaufnahmen aus Kunovice mit tschechischen Volksliedern und werden Teil einer Soundkomposition, die sich dem Foto auf musikalische Weise annähert. Vor uns sehen wir das Bild und hören die beinahe schon vergessenen Geschichten, die es uns erzählt. Wir lernen die Menschen auf dem Foto kennen und erfahren, wie sie damals gelebt haben und wie ihr Leben heute ist. Gemeinsam kehren wir zurück zu den Ursprüngen des Bildes, die weit in der Vergangenheit liegen."

Das sieht man als etwas sehr Gelungenes auf der Ballhausbühne. Das Stück weckt ein mährisches Interesse, von dem ich nichts wusste. Es geht von etwas Einfachem aus und gestattet in der Verwandlung seinem Gegenstand eine Reise auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

07:27 16.05.2014
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