Jamal Tuschick
16.04.2017 | 08:51

Panikpuls

Literatur „Alte Männer sind begehrlich, denn es ist das letzte Mal.“ (Udo Lindenberg) In „Ein letztes Mal in Afrika“ verrät Paul Theroux: Die besten Menschen haben nackte Hintern

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jamal Tuschick

In den Feuchtgebieten der Organisationsform Großfamilie sumpfen ursprünglichste Informationen. Sie überliefern ein System. Personell steigt das System von der Sippe zum Stamm auf. Man staunt, wie klein jene Gruppen waren, die einen Anfang im Jungpleistozän überlebten. Nomadische Beutemachergemeinschaften betrieben inmitten eines Megafaunamassensterbens (waffenlose) Ausdauerjagd nach dem Prinzip andauernder Beunruhigung. Man scheuchte das Wild, bis es sich der Erschöpfung ergab. Heute noch hetzen isolierte Ju/’Hoansi-Gruppen im Nordosten Namibias Tiere zu Tode. Alternativ jagen sie mit Pfeil und Bogen oder stellen Fallen, während die Finanzmärkte einmal wieder weltweit kapriolen und Griechenland der Staatsbankrott droht. Paul Theroux kontrastiert das archaische Programm der Ju/’Hoansi, die lange als „Buschmänner“ diskriminiert wurden, mit dem Panikpuls fortgeschrittener Zivilisationen.

„Die besten Menschen haben nackte Hintern“, glaubt Theroux. Der Mann ist über siebzig, in Afrika läuft seine letzte große Lebensabendveranstaltung. Das Ächzen, die Kurzatmigkeit und Schwerfälligkeit der eigenen Person wird vom „hübschen, elfenhaften Gesicht“ einer jungen Frau aus dem Volk der Besungenen überstrahlt. Die „goldfarbenen“ Ju/’Hoansi erscheinen in ihren Verbreitungsgebieten als Nachfahren der allerersten Nutzer dieser Flächen. Sie überlebten in Vermeidung schwerer Auseinandersetzungen mit ihren europäischen und indigenen Verdrängern und als Spezialisten für trockene Gebiete, um nun in Fetzen aus deutschen Altkleidersammlungen an Stadträndern zu verelenden.

Theroux, Jahrgang 1941, trägt auf seiner Abschiedstournee Informationen zusammen, die mit Anstrengungen redlich erworben wurden und so auch noch einmal das menschliche Maß als Steinzeitformat im Informationszeitalter dokumentieren. Die Aufzählungen und Einlassungen leiern. Theroux äußert sich zu den Themen Amtssprachen („dem Portugiesischen fehlen die knackigen Dentale ... des Italienischen“) Endlichkeit, Vergeblichkeit, Hygiene, Korruption („Schmiergelderpressungen auf Nebenstraßen sind ein untrügerisches Zeichen dafür, dass der ganze Laden korrupt ist”) so wie man als alter Liberaler in einem Club darüber reden könnte, ohne je irgendwo gewesen zu sein. Wo er wir sagt, meint er Amerika und das Engagement der Macht in Afrika. Seine imperiale (koloniale) Perspektive ignoriert er.

Dahin ist der Schwung. Theroux war jung genug, um empfänglich zu sein für heroische Appelle, als John F. Kennedy seiner Nation zurief: „And so, my fellow Americans: ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country.“ Der Pfadfinder und Messdiener Theroux schloss sich dem „Peace Corps“ an und startete in der Entwicklungshilfe als Lehrer durch. Er unterrichtete in Uganda und Malawi, ging nach Asien, kehrte aber immer wieder zurück „in das Königreich des Lichts“. Beim letzten Mal spiegelt Afrika den natürlichen Verfall des Eisenbahnliebhabers. Einmal nutzt Theroux das Verkehrsmittel mit der Gewissheit, der einzige Weiße im Zug zu sein.

Was ist er Zug gefahren, um Interessanteres berichten zu können als ein Flugzeugreisender. Vielleicht kommt von daher die Vorstellung, Theroux sei originell. Er ist gewiss nicht der letzte große Fernfahrer auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe, eher sind das die noch lebenden Raumfahrer der ersten Expeditionen. Theroux schreibt, als hätte er einen Brühwürfel stets in der eisernen Reserve, neben dem Verbandszeug. Er ist immer noch Pfadfinder, einer der sich „Armutslatrinen und schwelende Müllhaufen“ zumutet. Er notiert das Verschwinden von „Ordnung und Höflichkeit“ auf einer Fahrt von Namibia nach Angola.

„Ich sah eine Kultur, die aus dem Müll lebte.”

Theroux zitiert Grahame Greene, er versucht den Ton hochamtlicher Resignation zu treffen. Doch am Ende wiegt nichts schwerer, als der Klau seiner persönlichen Daten. Wieder und wieder spielt er das Thema an, mit dem ein Verlust von „mehr als” 48.000 Dollar verbunden ist. Das hätte ihm daheim auch passieren können.

Paul Theroux, Ein letztes Mal in Afrika, Reportagen, Hoffmann und Campe, 416 Seiten, 26,-

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