Parodistin der Dingwelt

Frankfurt am Main Marcel Proust verstand „die von sämtlichen Tollheiten der Vegetation“ hochgejubelte „Königin des Treibhauses“ als Parodistin der Dingwelt
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Plötzlich war kein Platz mehr im „Bett“. Man musste darauf achten, nicht über die Club-Kante und vor die Tür auf die Sachsenhäuser Klappergass‘ geschoben zu werden. Auf der Gasse ergoss sich die Frau Rauscher.

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass (von Kurt Eugen Strouhs)

Am Sonndag warn mer dribb de Bach, was hammer do gelacht,
so warn zwaa Eheleut beschleucht unn hawe Krach gemacht.
Uff aamal duds en dumpfe Schlag, die Fraa lieht uff de Gass
unn alle Kinner singe laut, des mecht en Heidespass.

Orientalische Troubadoure spielten die Musik eines Wüstenvolkes. Angeblich verkörperten sie eine Tradition vagabundierender Virtuosen, die einst Paläste abgeklappert hatten, so wie bei uns Minnesänger auf Burgen vorstellig geworden waren. Die „Uḍadē kārapēṭa“ zogen mit zwei Tänzerinnen und einem Fakir umher. Der Fakir sah aus wie ein bulgarischer Ringer im Ruhestand. Jederzeit hätte er auch den Mörder in einem Remake von Agatha Christies Orient Express spielen können. Er schluckte Feuer, wälzte sich auf einem Scherbenbett bis zum blanken Grund und kratzte sich ausgiebig. Seine Fähigkeiten langweilten ihn offenbar. Vermutlich entstammte er einer Fakirfamilie und war vom Vater zur Ausübung seines Berufs gezwungen worden. Er trug weiter nichts als Schnauzbart und Lendenschurz im Stil der tarzanischen Bademode. Ähnlich unverblümt brachten sich die Tänzerinnen ins Spiel, die Sache hatte Methode. Wahrscheinlich war das „Bett“ deshalb so voll.

Lara guckte angestrengt. Sie hörte lieber Keimzeit. Sachsen war weit, die „Uḍadē kārapēṭa“ stammten aus „Dynastien“, angeblich war ihre Heimat ein Schmelztiegel hinduistischer und islamischer Kultur. Das behauptete der Wirt. Er war schon ziemlich hacke, aber Experte. Ferner behauptete er, barfuß und unblutig auf Scherben laufen zu können.

Hatte er das geübt?

Ich sah Lara an, dass sie an dieser Stelle der Ereignisse keine Gewissheit wünschte. Wir hörten ursprüngliche Trance Music. Als unterhielten sich Grashüpfer. Die Lieder wurden aus dem Gedächtnis gespielt, in ihrer Umgebung hielt man nichts schriftlich fest.

Das ausufernde Spiel der Tänzerinnen schwächte meine Reserve gegenüber Laras Versuche, mich einzunehmen. Das „Bett“ verlor seinen Beatclubcharakter an Stimmungen wie in einem Animierschuppen. Im Trüben trieben Täuschungen auf, Halluzinationen, Simulationen, Narreteien. Da dachte ich an den Regenbogen-Ragwurz. Die Lippe der Ophrys iricolor ist so gefärbt, dass man ein Insekt mit schimmernden Flügeln zu erkennen glaubt. Dem Irrtum erliegt nicht nur das menschliche Auge. Auch Bienen fallen herein. Die Rede ist von „Pseudokopulationen“ mit fruchtbarem Effekt. Die Orchidee erhält sich so. Joris-Karl Huysmans nahm den Vorgang zum Beispiel für „Pflanzenintelligenz“. Marcel Proust verstand „die von sämtlichen Tollheiten der Vegetation“ hochgejubelte „Königin des Treibhauses“ als Parodistin der Dingwelt. In seinem Paris war sie eine Exilantin, die mit dem „falschen Äquator der Ofenheizung“ vorlieb nehmen musste. Ich hätte das Lara erzählen können, die sich in meinen Armen wiegte.

„Love music, hate fashion“ stand auf ihrem Shirt. Ein Aussagefossil. Mode hatte sich gigantische Bedeutungszuwächse organisiert, während alle anderen Bedeutungsträger in den subkulturellen Treibhäusern demontiert worden waren.

„Ein Zug ins Morbide könnte so entgleisen“, sagte ...

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