Peitschenpädagogik

Literatur Christoph Hein erzählt in „Verwirrnis“ von einem schwulen Paar in der jungen DDR.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Der Krieg ist noch nah. In den Wäldern um Heiligenstadt verrotten weggeschmissene Verliereruniformen neben anderen mit Hakenkreuzen markierten Gegenständen. Friedeward und Wolfgang suchen nach (oder träumen von) einer „funktionstüchtigen Offizierspistole“ für einen sicheren Doppelselbstmord. Hinter ihnen liegt eine herrliche Zeit, in der sie an Ostseestränden und in einem Zelt zueinanderfanden. Weil ein gemeinsames Leben ausgeschlossen ist, wollen sie gemeinsam sterben.

Friedeward wird von seinem Vater unterrichtet, einem gläubigen Despoten, der mit einem „Siebenstriemer“ erzieht und den größten Schmerz der Strafe für den Strafenden beansprucht. Pius Ringeling ist nicht einfach aufzuschließen, aber dass ihm mit allem ernst ist, was man inzwischen allgemein fürchterlich findet, steht außer Frage. So spricht Pauker Pius:

„Es ist eine himmelschreiende Sünde und den Sündern wird ein kirchliches Begräbnis verwehrt … Die Sodomiter leben in Sünde, sie sterben in Sünde, sie haben ihre ewige Seligkeit verloren, Friedeward.“

Darum geht es in Verwirrnis: Jugendliche entdecken ihre Liebe im neuen Deutschland als intern unkomplizierte, das Leben weit machende, im gesellschaftlichen Gefüge anstößige und im staatlichen Rahmen (noch) kriminelle Angelegenheit. (Seit 1957 waren homosexuelle Beziehungen unter Erwachsenen in der DDR nach § 175 nur noch auf dem Papier strafbar. Eine weitherzige Auslegung war ständige Praxis. 1968 wurde der Paragraf aus dem DDR-Strafgesetzbuch gestrichen.) Die Liebenden weichen dem Milieudruck aus und ziehen Stärke aus der Zweisamkeit und der Literatur. Doch dann verschwindet Wolfgang, liebevoll Wölfchen. Sich selbst überlassen, verlegt sich Friedeward aufs Durchhalten. Die bittere Zeit endet in Leipzig, wo die Liebenden vorübergehend wiedervereint als Studenten eine neue Freiheit genießen. Wolfgang ist auch an Frauen interessiert, er strebt konventionelle Lösungen an und stößt damit den hermetischen Friedeward vor den Kopf, so wenn er „mit Helga in den Sommerferien“ auf den Schauplätzen der Kindheit „händchenhaltend“ schwer interessierten Zeitgenossen seine Ehebereitschaft signalisiert. Friedeward hält mit Jaqueline dagegen. Er führt „die Heidin“ seinen Eltern vor, um die Früchte ihrer Erleichterung zu ernten. Die junge Frau heuchelt eine Verlobte. Sie beteiligt sich an dem Täuschungsmanöver als Komplizin in einem Mininetzwerk der Abweichung. Sie setzt dem Patriarchen zu und nennt ihn einen Kinderschinder.

Pius wehrt sich geschickt. Er hält den Siebenstriemer als Erziehungsinstrument hoch und verteidigt die Peitschenpädagogik, da sie ihn davor gefeit habe, den Nazis nachzulaufen. Ihr verdanke sich seine Kraft, unter Kommunisten Christ zu bleiben.

Hein erzählt das in einer erstarrten Sprache. Sie suggeriert die Monotonie des Bizarren in einer Eiswüste. Er geht die Geschichte der DDR durch, passiert „Maßnahmen des Ministerrats zur Sicherung der Republik“, in der westdeutschen Lesart „die Mauer“. Friedeward schult sich an Hans Mayer, bis der Großmeister 1963 von einer Reise ins imperialistische Ausland nicht mehr zurückkehrt. Auch Wolfgang erlebt das Aufrauschen der antiautoritären Bewegung in West-Berlin. Durch die Liebe geht der deutsche Riss.

Heins Prosa leuchtete lange in Farben der Verheißungen. Der Autor schilderte eine Gesellschaft im Recht, legitimiert von der Geschichte und gewiss nicht zweifellos, aber doch … mit den Kräften einer guten Zukunft im Bund. In die aktuelle Retrospektive hat sich Sterilität eingeschlichen; als habe Hein das Gespür für das Selbstgespräch der Republiken verloren. – Für die Spannungen, in denen die Staaten als Vasallen gehalten wurden. – Für die überwundene, aber nie aufgeklärte Unmöglichkeit, einfach weiter zu machen nach dem II. Weltkrieg. – Für die unausgelotete Differenz zwischen Um- und Aussiedlern.

Nach dem Tod des Vaters stellt Friedeward der Mutter eine schlichte Frage, deren Beantwortung in einem Glaubensbekenntnis mündet. Wer Gott liebt, muss offenbar nicht auch noch den Ehemann lieben.

Die Mutter stellt die irdische Liebe als etwas Müßiges hin. Sie lobt Strenge in einer Phase gelockerter Sitten. Friedeward geht kaum weiter als sie. Er begibt sich unter dem Schirm von Academia. Seinem Begehren legt er Zügel an. Er setzt ihm eine Tarnkappe auf.

Christoph Hein, Verwirrnis, Roman, Suhrkamp, 303 Seiten, 22,-

11:04 13.08.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare