Perlende Genauigkeit

Literatur Sead Husic las im Prenzlauerberg-Café ostPost aus „Gegen die Träume“ und bewirtete seine Gäste auch mit selbstgebranntem Sliwowitz.
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Sead Husic

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Mersijas Vater Achmed verspielte das Vermögen seines Vaters und suchte sein Vergnügen im Bordell - und jetzt seht euch diesen Muso an. Mersijas Mann macht doch nichts anderes und dabei fühlt er sich mies; so wie Achmed sich mies fühlte und mit seiner Unzulänglichkeit haderte, bis er nichts mehr zum Großtun und für das Selbstmitleid auf der hohen Kante hatte, keine Hure ihm mehr Kredit gewährte und andere Männer in seinen Maßanzügen auf den Boulevards von Brčko in Bosnien flanierten. Da zeigte sich sein wahres Gesicht, es zeigte einen geborenen Verlierer, so wie der zwanghafte Fremdgänger Muso seiner Frau schließlich keine Stärke mehr vorgaukeln kann, obwohl Mersija diese unbetrübte Männlichkeit zwischen seinen Beinen gar keiner Kritik unterwirft.

Sie ist genauso unmodern wie er. Die Küchenhelferin Mersija wäre sehr gern von einem Prinzen erhoben worden und manchmal erinnert sie sich sogar noch daran, dass und wie sie Muso für ihren Prinzen gehalten hat. Vermutlich kamen alle Illusionen aus Armutskitsch. Die Illusionen sind weg, doch die Armut ist geblieben.

Das erzählt Sead Husic in „Gegen die Träume“ (Divan Verlag, 380 Seiten, 16.90,-). Der Autor las im Prenzlauerberg-Café ostPost und bewirtete da seine Gäste mit selbstgebranntem Sliwowitz. Man kann in den Stimmungen des Romans schwelgen. Mersijas Gastarbeiterzug endet in Traunstein. Sie geht auf in den Milieus einer jugoslawischen Diaspora, die sich landsmannschaftlich noch nicht in der Aversion differenziert. Serben, Kroaten, Kosovaren, Mazedonier, Montenegriner und Bosnier schauen einander in die Westentaschen. Klatsch und Tratsch sind ihre Religion. Gemessen an den Unterschieden zwischen ihnen und den Deutschen, die zwar den Krieg verloren haben, aber trotzdem Sieger geblieben sind, sind sie als Slawen aus einem Guss. Sie lassen sich nicht in einen Topf werfen und unter einen Hut bringen mit Türken, die als Osmanen ihre Rollen auf dem Balkan gespielt haben, und so auch nicht mit Griechen, Spaniern und Portugiesen. Auch das jugoslawische Staatswesen besteht im kommunistischen Geltungsbereich auf eine Sonderform. Staatschef Tito kuscht nicht vor dem russischen Bären.

Husic gelingt es, dass Besondere seiner eigenen Herkunftsgeschichte in die Gegenwart zu transportieren, obwohl es kaum noch Referenzpunkte gibt. Man findet in seinem Roman eine perlende Genauigkeit für die besonderen Noten der Gastarbeit. Husic schildert eine abgesunkene Welt, die sich mit dem Vokabular der Migration überhaupt nicht erzählen lässt.

Mersija ist vor dem von ihrem Vater verschuldeten Familiendesaster nach Deutschland geflohen, nur um die Fehler ihrer Mutter zu wiederholen. Auch sie heiratet einen Spieler & Stecher, untreu nicht allein ihr, sondern viel mehr noch sich selbst. Seine stärkste Bindung steckt in der Bewunderung eines zehnmal abgezockteren Jugos – eines professionellen Falschspielers mit garantierter Achtung unter Gangstern.

11:33 17.12.2018
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