Piloten und Passagiere

Kurze Sachen Alexandras Sicht auf meine Verhältnisse ist so beleidigend, dass ich mich auf Alexandras Seite schlage und meine Eltern gemeinsam mit ihr verachte.
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Ich bitte Neville, einen Schotten, der in Brüssel aufgewachsen ist und mit dem ich bisher nichts zu tun hatte, mir zu vertrauen. Neville erklärt, um sich in Gang zu halten, müsse er sich im Abstand von Wochen gründlich wie ein Regisseur dies und das ausmalen. Er bräuchte eine aufwendige Inszenierung, der vielen Details wegen, mit denen er tagträumerisch spiele und die eben einem Verschleiß unterlägen, der neuen Aufwand verlange.

2.

Ich bin siebzehn und in M. verliebt. Wir treffen uns halb zufällig auf einer Party im Haus von Freunden. Sie macht eine Bemerkung über meine Yamamoto Schuhe, und ich weiß, heute wird es passieren. Zwei Stunden später sind wir beide blau genug. Wir gehen in ein Schlafzimmer. M. nimmt im Schneidersitz aufrührerisch Platz und verehrt einen älteren Liebhaber zu meiner Belehrung. Dessen Bemerkungen kommen aus Beobachtungen, die sich nicht einstellen, solange man brillant sein möchte. Eine gewisse Erbitterung in den Urteilen beweist nur, dass X. von sich noch zu reden weiß. Dies als Vorspiel.

3.

Wir sitzen im Mercedes von Isas Mutter. Die Mutter benutzt das Auto nie. Wir fahren zu Isa. Sie wohnt in einem futuristisch an einen Felsenhang gesetzten Bungalow. Das Massiv ragt ins Wohnzimmer.

Am nächsten Morgen misslingt der Versuch, Isas Mutter zu entgehen. Die Mutter mustert mich abschätzig und geht dann wie im Sturzflug zur Verachtung über.

4.

Zwar haben sich zur Begrüßung des Hausherrn alle einzufinden, die Kinder und ihre Freunde dürfen dann aber weiter ihrer Wege gehen, bis zum Abendessen.

„Warum machst du das mit?“

Alexandra lässt die Maske einer Zurückhaltenden fallen.

„Glaubst du, irgendwer möchte so schräg aufgewachsen sein wie du?“

Alexandras Sicht auf meine Verhältnisse ist so beleidigend, dass ich mich auf Alexandras Seite schlage und meine Eltern gemeinsam mit ihr verachte.

5.

In der Ordnung besonderer Vorabende liegt ihre Vereinbarkeit mit der Normalität. Nach der Vorstellung ist Abendbrot, Fernsehen, Bier; daran wird nicht gerührt. Fernsehen sowieso immer erst nach sieben.

6.

Nach einer halben Stunde der stillen Andacht, erfolgt eine kurze Ansprache.

7.

Kaum war Alexandra überall eingebrochen, fing sie an, mich abartig zu finden. Diese Erfahrung blockierte mich zwei Jahre.

8.

Das Café gefällt Salamander wegen seiner „Ostigkeit“. Er geht die in seinem Freundes- und Bekanntenkreis kursierenden Krankheiten durch. Er gibt Diagnosen wieder und zeigt sich beschlagen. Ärztewissen ist eine Demütigung für jeden ambitionierten Idioten. Jetzt, da der Krug zerbrochen ist, zählt Salamander seine Versäumnisse auf. Er fertigt eine Liste an und übersieht, dass keinen mehr interessiert, was er verbockt hat. Da man sich zu Lebzeiten einer Person länger an ihre Fehler als an ihre Vorzüge erinnert, ist das ein niederschmetternder Befund. Denn nach den Fehlern kommt nichts mehr.

13:10 22.06.2019
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