Ungeheuerliche Selbstverständlichkeit

#Leben Fluctuat nec mergitur. Riley schmückt mit der Phrase eine Nachricht. Hinter ihr liegen gescheiterte Verhandlungen.
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Seit dem 14. Jahrhundert lautet das Motto der französischen Hauptstadt: Fluctuat nec mergitur. Die Phrase spielt mit den Modalitäten des unheroischen Überstehens schwerer Schläge. Sie erfuhr eine Renaissance als Kampfruf nach den jüngsten Angriffen auf Paris.

Fluctuat nec mergitur. Riley Claiborne schmückt mit der Phrase eine Nachricht. Hinter ihr liegen gescheiterte Verhandlungen. Nun betrinkt sie sich auf einer Hoteldachterrasse mit Ausblick auf Notre-Dame, Montmartre, Sacré-Cœur und den Eiffelturm. Rileys Rumpf steckt noch in der Rüstung der Global Player, tiefer verkleidet nichts die Nacktheit. Da unten bebt Peaches, die Riley vor ein paar Wochen auf einem Symposium in Seattle kennengelernt hat.

Die Frauen sind Frischfleisch füreinander. Die Direktion beweist Diskretion mit der Schließung der Freifläche für den Publikumsverkehr. Man zeigt Verständnis, indem man sich zurückhält. Das ist Paris. Deshalb lieben wir Paris. Wir Amerikanerinnen vermissen in Paris bespielbare Rooftops in den Größenordnungen von New York. Die Bauweise nach Baron Haussmann gestattet kaum je erhöhten Pleinair-Eskapismus.

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Jahre war Riley ans Bett gefesselt und durfte in äußerster Hinfälligkeit noch nicht einmal lesen. Sie wurde mit Vorträgen zu ihrer Familiengeschichte getröstet. Das Besondere trug sich in einem fort zu. Die Schwarze Claiborne-Seite rangierte unter den Sklavenhalterfamilien von Louisiana. Riley ahnte die epochale Weite einer neuspanischen Provinz … die in britischen und französischen Besitz überging, bevor sie im frühen 19. Jahrhundert unter Gouverneur William Charles Cole Claiborne amerikanisch wurde.

In den Resonanzräumen der ungeheuerlichen Selbstverständlichkeit von Schwarzen Sklavenhalter*innen war viel Platz für Phantasmagorien von Schwarzer Mächtigkeit.

Appropriation Art und investigative Kunst

Riley untersuchte den Schwarzen Körper in seiner Verdinglichung als Dekor. Welche Lust verband sich mit den einschlägigen reliefartigen Verzierungen von Bilderrahmen und Möbeln vom „Mohrenkopf“ bis zur „Perle des Urwalds“? War es Sklavenhalterattitüde, sich den menschlichen Besitz noch einmal anders anzueignen - Appropriation Art? Äußerte sich so kulturelle Überlegenheit?

Auf der Suche nach Trouvaillen rückte Riley bis zur vorchristlichen Zeit von der Gegenwart ab. Die Schwarze Venus startete ihre Karriere als griechisches Kleinod, Botticellis Geburt der Venus vorwegnehmend. Sie findet immer noch Verwendung.

Postmodern steril

Wie erscheint der Schwarze Körper in der Kunstgeschichte?, fragte Riley als Dozentin. In der wissenschaftlichen Archivierung der Artefakte setzten sich politisch korrekte, postmodern sterile Titel durch. Riley legte die ursprünglichen, unbefangen rassistischen Bildunterschriften wieder frei. Sie wies den Skandal des Rassismus in der Sprache nach.

Riley wies auf den selbstbewussten schwarzen Einsatz von „Negro“ hin, nicht aber auf all die „N***“ bei Heiner Müller und Allen Ginsberg.

I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the n*** streets at dawn looking for an angry fix …

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Im Augenblick spielt das keine Rolle. Riley sitzt da als halbe Ritterin, schon wieder halb gelangweilt von der jüngsten Komplizenschaft. So richtig helle kommt ihr Peaches nicht vor.

Bald mehr.

09:26 16.02.2021
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