Plötzlich stand da eine Mauer

Berlin Ranger Auch der Vormittag des 13. Augusts 1961 bleibt kühl. Die U-Bahntrasse über der Schönhauser Allee, für den Berliner „der Magistratsschirm“, ist gesperrt.
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Entmündigung gibt nur einen Vorgeschmack. Unterwerfung wird vorausgesetzt. In der DDR-Knastphilosophie lebt der Zuchthausgedanke weiter. Der Eingeschlossene ist ein Ausgeschlossener der Gesellschaft. Menschen- und Bürgerrechte sind ihm zu verwehren. Im Grunde kann der Delinquent nichts entbehren, da er nichts mehr darstellt. Er hat die Stufe unter dem Haustier erreicht. Seinen Status markieren Trainingsanzug und Filzlatschen. Gebeugten Hauptes nimmt Manfred Uffland die Kluft entgegen, um sich in ihr zu verwandeln. Zur Grundausstattung gehören Handtuch und Seife. Die Zelleneinrichtung beschränkt den Häftling auf eine Holzpritsche mit dünner Schaumstoffauflage, einen Hängeschrank, einen Tisch und einen Hocker. Es gibt ein Handwaschbecken und eine Toilette. Über dem Becken ist ein Spiegel im Fliesendekor so eingelassen, dass keine Kanten vorstehen.

Was zuvor geschah.

Manfred Uffland sitzt im Gefängnis, weil er die Republikflucht seiner Frau Petra nicht vereitelt hat. Er hatte sich Heinz Wolf anvertraut, mit der Erwartung, dass der HVA-Major Petra von ihrem Vorhaben abbringen würde.

„Ich dachte, der Heinz bringt die Petra zur Vernunft.“

Stattdessen betrieb Heinz im Auftrag der „Firma“ und mit Hilfe des professionellen Fluchthelfers Tillmann „Trouble“ Koslowski Petras Schleusung nach Westberlin. Der gelernte Industriekaufmann Tillmann steht kurz vor der Hochzeit mit Gerda, Tochter des Wurstmoguls Heinrich „Taifun“ Teichmann. Gerdas Mutter ist eine Geschleuste, ich schiebe das mal kurz ein:

Der 13. August 1961 ist ein Sonntag. In der ersten Morgenstunde passiert Heinrich Teichmann die Sektorengrenze von West nach Ost. Er weiß etwas von einer privaten Tanzerei in der Lychener Straße. Die Feier ist schon eine flaue Angelegenheit, jedenfalls für Teichmann. Die Paare, die sich im Verlauf des Abends erst gefunden haben, sehen das anders.

Teichmann steigt über Leiber, um in die Küche zu gelangen. Es muss doch noch was zu trinken im Haus sein. Jemand schraubt an einer „Möwe“ von Elmug. Die Bestände sind erschöpft, abgesehen vom „Bär, der Frohsinn bringt“, einem Kräuterlikör des VEB Bärensiegel. Teichmann tritt als Kopie von Gene Vincent auf. Er ist zweiunddreißig, Metzger nach einer Familientradition und Fleischgroßhändler infolge eines allgemein unerwarteten unternehmerischen Geschicks. Er kennt Anflüge von Mitgefühl mit der Kreatur, die er für sich behält. Er unterhält sich gern mit Leuten und zeigt sich politisch interessiert. Die Tanzmusik im Radio wird für eine Meldung unterbrochen:

„Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR so wie an alle Werktätigen.“

Das Weitere geht in einem Streit unter. Den Streitenden ist die Regierungsverlautbarung schnuppe. Teichmann fühlt sich genauso wenig angesprochen. Er findet keinen Anschluss und kehrt an die frische Luft zurück. Es ist zu kalt für August. Unter den Bahnbögen bemerkt er eine Frau in Bedrängnis. Polternd nähert er sich den Wegelagerern, daran gewöhnt, bezwingend zu wirken. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, seine Kampfbereitschaft wächst mit jedem Schritt. Es gibt eine natürliche Rivalität zwischen dem männlichen Nachwuchs in Pankow und im Wedding, Kämpfe sind an der Tagesordnung, Teichmanns Gegner weichen nicht. Der Kleinste hebt einen Stein auf, um sich mutig zu machen. Der Größte schlägt ihm den Stein aus der Hand. Er hat Vorbildfunktion und weiß, was von ihm erwartet wird. Die Kontrahenten dampfen direkt in den Schlagabtausch. Das hat sich bewährt, daran hält man fest. So geht es am schnellsten.

Teichmann schlägt alle in die Flucht. Das lässt ihn kalt, er kennt sich nicht anders. Selbst wenn er den Kürzeren zieht, bleibt er obenauf, ganz einfach überlegen. Er weiß selbst nicht, wo das herkommt. Bereits eine halbe Flasche Wein später hat sich Cornelia im „Mäusekeller“ so weit aufgerappelt, dass sie Teichmann „meinen lieben Retter“ nennt. Ein halbes Jahr später wird sie ihren Retter heiraten und so eine gute Partie im goldenen Westen machen. Doch jetzt wohnt sie noch um die Ecke, da bietet es sich an.

Auch der Vormittag des 13. Augusts bleibt kühl. Teichmann entdeckt Plakate mit der Aufschrift „Ruhe bewahren“. Die U-Bahntrasse über der Schönhauser Allee, für den Berliner „der Magistratsschirm“, ist gesperrt. Leute gehen auf den Gleisen spazieren. Das „Neue Deutschland“ ist ausverkauft. Am Brandenburger Tor verkrampfen Kampftruppen neben Wasserwerfern. Die Helden der sozialistischen Heimwehr werden angegiftet.

„Was passiert, wenn der Sozialismus in der Sahara eingeführt wird?“ – „Die ersten zehn Jahre nichts. Dann wird der Sand knapp.“

Wir müssen es einen Sieg nennen, egal wie es ausgeht. Nixon

Zwei Wochen später erklärt Teichmann in der Kreuzberger „Kaffeemühle“ den Freunden Walter Großeisen und Achim Beluga die Lage am Nordbahnhof und in der Leninallee. Da fahren die Kohlenzüge ganz langsam gen Westen. Da könnte einer mit Mumm aufspringen. Zu der eingeschworenen Truppe stößt Willi Erkel, der im DDR-Knast gesessen hat. Er berichtet, dass die Leute reihenweise im Schnellverfahren wegen Beihilfe zum illegalen Verlassen der DDR gemäß Paragraph 8 Absatz 1 des Passgesetzes in der Fassung der Änderungsgesetze vom 30.08. 1956 abgeurteilt werden. Eine falsche Bemerkung reicht.

„Die ständig zunehmende Aggressivität der westdeutschen Militaristen und Faschisten, die alles tun, um die Entwicklung und Festigung des Friedenslagers zu hindern und durch einen Dritten Weltkrieg die großen Aufbauerfolge des sozialistischen Lagers zu beseitigen, haben unsere Regierung zu Sicherungsmaßnahmen in Berlin veranlasst.“ Aus einer Urteilsbegründung vom 18. Januar 1962.

Teichmann will Cornelia rausholen, aber nicht auf die sportliche Tour. Das teilt er der Runde mit. Der angebliche Republikflüchtling springt sofort an. Es sei kein Problem, die Frau zu schleusen. Erkel fragt nach dem Namen. Teichmann erfindet eine Cornelia Duleimstmichnicht, wohnhaft halbe Treppe so ungefähr im Bezirk Prenzlauer Berg. Er habe auf die Hausnummer nie geachtet.

Erkel verspricht, sich um die Sache zu kümmern.

So geht es weiter.

Das hat Heinz auch Manfred versprochen. Deshalb sitzt Manfred ein. Nach Hohenschönhausen und der Rummelsburg lernt er gerade die Anstalt in der Magdalenenstraße kennen. Der Kasten war zur Kaiserzeit Gerichtsgefängnis. Der technische Standard entsprach damals der billigsten Lösung und wurde seither nicht angehoben. Inzwischen leckt, rostet, bröckelt und schimmelt alles.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, Manfred regiert schon die Langeweile. Läppische Äußerungen in einer Kneipe ließen den Stubenkameraden einfahren. Manfred sieht einen alten Mann, der die Schamlosigkeit besitzt, vor ihm zu heulen.

Zur gleichen Zeit

genießt Heinz die Aufmerksamkeit einer Reisebekanntschaft beim Anflug auf Westberlin. Mit der Legende eines Journalisten unterwandert er Kreuzberg, wo Heinz als linksradikale Lichtgestalt mit bürgerlichem Akzent wahrgenommen wird. Er lebt mit der ehemaligen Verfassungsschützerin Angel zusammen. Sie ist die Tochter eines Berlin Ranger der ersten Stunde, der gemeinsam mit Heinrich Teichmann und Walter Großeisen Anfang der Sechziger eine als deutsch-amerikanische Freundschaftsverbindung getarnte Fluchthelferorganisation aufgezogen hat. Ich rede von Achim „Acid“ Beluga, dem „Beluga vom Kudamm“ – einem Obst- und Gemüsehändler wie von Zille gezeichnet. Schwerblütig, doch leicht entflammbar.

Während sich Heinz vortastet und von Toilettensex im Flugzeug träumt

„Du schließst die Augen und denkst an Sex ... der flüchtigen Art.“ Vendela Vida

genießt Angel den stillen Augenblick nach einem Streit unter Stadtnomaden im Park. Dann geht es an anderer Stelle weiter. Zwei vor Erschöpfung überreizte Kinder geben ihren Backpacker Eltern den Rest. Die Mutter sieht aus wie Siri Hustvedt (1985). Eher noch besser. Angel fragt sich, warum die Frau nicht als Modell arbeitet und mit den Honoraren dem Leben ihrer Familie neue Glanzlichter aufsetzt. Der Mann spielt keine Rolle. In ein paar Jahren wird er sich in seinem Keller einmauern und die Birkenstocksandalen seiner ersten Geliebten zu einem Fetisch erklären. Er wird einen Schrein bauen und eine Religion erfinden.

Jacob kreuzt auf, er hat Angel gesucht. Bis zu ihrem Tod wohnte er mit seiner Mutter zusammen. Er hat noch einmal einen Mietverschlag gefunden, übernachtet aber manchmal schon draußen.

Morgen mehr.

11:05 03.10.2017
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