Poetische Glückseligkeit

Charles Baudelaire Hat man Baudelaire nicht auch für einen Müßiggänger gehalten, namentlich für den größten Flaneur ...
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Haschisch isoliere die Konsumentin. Baudelaire wendet sich gegen die Droge, um den Wein zu loben.

„Der Wein gehört dem Volk, das arbeitet und es verdient hat, ihn zu trinken.“

Haschisch sei lediglich etwas für „elende Müßiggänger:innen (gegendert von der Redaktion)“.

Hat man Baudelaire nicht auch für einen Müßiggänger gehalten, namentlich für den größten Flaneur, dem die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts (Walter Benjamin) auf ihren Galerien und Boulevards die Rahmen lieferte? Schließlich können Sie auf einer Dungwiese nicht promenieren. Als Geck machen Sie unter Kühen keine gute Figur.

Baudelaire teilt mit Koryphäen die Ansicht, dass der „interessierte Mensch ... sich künstlicher Mittel (nicht bedienen sollte) um poetische Glückseligkeit zu erlangen“.

Charles Baudelaire, „Wein und Haschisch“, Essays, aus dem Französischen von Melanie Walz, mit Nachwort von Tilman Krause, Manesse, 22.95 Euro

Fachchinesischer Stutzer

Baudelaire bedenkt die Wirkungen des Haschisch. Mal besingt er sie wie ein Troubadour, der seine Lieder hemmungslos auf Effekt trimmt; mal kritisiert sie der Dichter wie ein Apotheker, den die Pharmazie zum fachchinesischen Stutzer gemacht hat. Das 19. Jahrhundert tobt sich in der Prosa aus. Der Bohèmien trägt den Fetzen des Feudalismus auf. Die alte Ordnung nutzt sich in lauter Restaurationen ab, während Baudelaire wie zur Epochenrevision bestellt scheint. So wie Domestiken die wahren Erben des aristokratischen Snobismus sind und sich für Nachlässigkeiten ihrer Herrschaften schämen, so verkörpert Baudelaire den auf den Hund gekommenen Fürsten, der noch in seinem derangierten Zustand auf die Marken seiner Distinktion besteht.

„Es heißt, (Haschisch) verursache keine körperlichen Schäden. Das stimmt, zumindest bis auf Weiteres. Denn ich weiß nicht, ob man von einem Menschen, der nur träumt und nicht zu handeln vermag, auch wenn seine Gliedmaßen gesund sind, sagen kann, es gehe ihm gut.“

Seinen Aufsatz über Haschisch beginnt Baudelaire mit der Meldung, dass Hanf aus heimischem Anbau die „Tollköpfe“ den Rausch entbehren lässt. Ihnen bliebe weiter nichts übrig, als sich auf den Wegen des Kolonialwarenhandels einzudecken. Den Unbedarften erklärt der Essayist:

„Haschisch ist ein Gemisch aus indischem Hanf, Butter und einer kleinen Menge Opium.“

Baudelaire unterweist die Leserin. Er rät zu Kaffee als Verstärker und Brandbeschleuniger. Auch empfiehlt er einen leeren Magen.

Baudelaires Setting folgt einem bourgeoisen Ritus. Jede Entzündung der Sinne gehorcht den Regeln eines Klippensprungs von den Höhen des idealen Rausches. Mitunter landet man hart oder es geschieht gar nichts; es sei denn, die Userin erwägt, Übelkeit und Erbrechen zu Gegenständen ihrer Konversation zu machen.

Baudelaire spricht von Dummköpfen, Ahnungslosen und Ungläubigen. Er bündelt den Drogen-Plebs zu einer Gegenpartei, um sich als Wissenden zu adeln.

„Marseille, 29. Juli. Um sieben Uhr abends nach langem Zögern Haschisch genommen. Ich war am Tage in Aix gewesen. Mit der unbedingten Gewißheit, in dieser Stadt von Hunderttausenden, wo niemand mich kennt, nicht gestört werden zu können, liege ich auf dem Bett. Und doch stört mich ein kleines Kind, das weint. Ich denke, es ist schon eine Dreiviertelstunde verstrichen. Aber nun sind es doch erst zwanzig Minuten.“ Walter Benjamin, „Über Haschisch“

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Marmorschneider

Charles Baudelaire war sich für die Rolle des flotten Feuilletonisten nicht zu schade

„Das Ufer des Kummers“ verschwindet im Rausch hinter „wohltuenden Nebeln“. Das ist eine Vagabundenbinse. Baudelaire knüpft sie an das Schicksal des namenlosen Spaniers, der mit Paganini durch jene Zeit tingelte, in der der anschließend Weltberühmte noch ein Straßenniemand war.

Eingebetteter Medieninhalt

Ein Vierteljahrhundert war ich ein Liebling der Lokalredakteur:innen. Die von den hohen Rössern ihrer Ambitionen gestürzten, in dem Regime drakonisch-penibler Kaninchenzüchter:innen und Karnevalsvereinsvorsitzender versauernden Chef:innen feierten mich als Geschenk des Himmels. Ich war die Edelfeder, die keinen großen Gegenstand brauchte, um sich grandios zu fühlen. Ich kokettierte mit einem Logenplatz in der letzten Reihe. Begeistert ließ ich mich überallhin schicken.

Er verliebt sich in Pilsstuben, hieß es andächtig. Ich fand das nur natürlich. Schließlich war ich Regionalist, bis ich mein Herz an die Bagatelle an sich verlor. Die Migrationsarie schmetterte ich en passant. Meine Liebe galt der Schrunde im Asphalt, kuriosen Säuferampeln und der Straßenbahnschilderantike.

Straßenniemand/Prekäres Duo

Selbst jene, die glauben, alles über mich zu wissen, kennen die vielen Pseudonyme nicht, hinter denen ich mich verbarg, während ich ein halbes Dutzend main-hessischer, -fränkischer, -pfälzischer und ab und zu auch rheinhessischer Periodika mit Nachrichten und Stimmungsberichten aus der Hinterwelt versorgte. Darüber würde ich kein Wort verlieren, wäre Baudelaire nicht auch einer von der leichtsinnigen Truppe gewesen; so ein Wald- und Wiesenhasadeur, wie man ihn in den Angler:innenheimen und auf den Hochplateauaussichtspunkten trifft. Die Organisator:innen ländlicher und kiezlicher Vergnügungen sind niemals die letzten Heuler:innen. Sie wirtschaften aus Überschüssen. Oft führen sie Betriebe und engagieren sich auch noch an tausend anderen Stellen ehrenamtlich, vor allem konfessionell. Sie schätzen die solventen Aktivist:innen des Alltags im Rahmen nachbarschaftlicher und knapp übernachbarschaftlicher Angelegenheiten. Dass ich über sie schrieb, erlebten sie als Surplus-Würdigung. Diese Leute waren froh, dass man ihnen nicht die letzte Gurke schickte, sondern den flotten Herrn T., der bekanntlich auch am Hochkulturreck turnte.

So ein Ausgeschlafener war auch Baudelaire. Er untermalte, übertrieb und unterstellte, was das Zeug hielt.

Unser Spanier hatte ... einen anderen Spanier ausgemacht, einen Landsmann. Dieser war im Bestattungswesen tätig, ein Marmorschneider. Wie alle im ... war er ein fleißiger Trinker.

Das meinte ich. Baudelaires Urteilsfreudigkeit stinkt zum Himmel der Selbstherrlichkeit. Er framt, cancelt und murkst auf den Folien seiner Vorurteile. „Das Ufer des Kummers“ verschwindet bei ihm im Rausch hinter „wohltuenden Nebeln“. Das ist eine Vagabundenbinse. Baudelaire knüpft sie an das Schicksal des namenlosen Spaniers, der mit Paganini durch jene Zeit tingelte, in der der anschließend Weltberühmte noch ein Straßenniemand war.

Das Duo führt das Leben der Bohemiens, der wandernden Musikanten, der Leute ohne Familienbande und ohne Heimat.

Man übt, wo man steht und geht. Gemeinsame Ziele verfolgt man auf getrennten Wegen.

„Paganini (wandert) auf der anderen Seite des Weges. Das (ist) eine Übereinkunft zwischen ihnen.“

Bald mehr.

Grauenhaftes Etwas

Charles Baudelaire findet ein Gemälde so verboten, dass es ihm nicht reicht, in der Sache „das absolute Gegenteil von Kunst“ zu erkennen. Vielmehr stellt er eine „kriminelle Absonderlichkeit“ fest. Er wütet und weitet das Areal seiner Abneigung so weit aus, dass der Urheber des „grauenhaften Etwas“ sich vor Nachstellungen nicht in Sicherheit zu bringen weiß.

Baudelaire nennt den Verfolgungswahn „philosophische Neugier“.

„Ich wettete mit mir selbst, dass er von Grund auf schlecht sein müsse ... Ich erfuhr dass das Ungeheuer regelmäßig vor Tagesanbruch das Bett verließ ... und nichts anderes trank als Milch!“

Psychologisches Barometer

Baudelaire hält das Dichten für eine rein männliche Domäne. Das beweist er in dem Essay Von den Mätressen. Unter diesem Titel listet B. „gefährliche Frauen“. Für die „despotische Seele eines Dichters (sei) die ehrbare Frau eine magere Weide“. Der „Blaustrumpf“ taugt gar nichts. Der Schauspielerin spricht B. schließlich sogar ab, „eine Frau im wahren Sinn“ zu sein. Die Begründungen sind so albern, dass ich mich mit ihnen nicht aufhalte. Ich verweile bei der kurzen Entgleisung doch nur, um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, alles Strittige allenfalls zu überfliegen und es mit dem Tau meiner Aufmerksamkeit kaum zu benetzen. Nein, ich lese den Unfug Zeile für Zeile. Ja, ich beeile mich nicht einmal fertig zu werden mit der Lächerlichkeit, die darin gipfelt, dass ein Dichter nur „Freudenmädchen oder dumme Frauen“ gewogen sein dürfe.

Die Titelschote komplettiert sich im Nachsatz. „Verglichen als Mittel zur Vervielfältigung der Persönlichkeit“ folgt der Überschrift „Wein und Haschisch“. Baudelaire nimmt E.T.A. Hoffmann in die Pflicht als Gewährsmann für die Vorschrift: Der gewissenhafte Musiker soll sich Champagner einschenken, wenn er eine komische Oper komponiert.“

Nach der Kreisleriana verlangt religiöse Musik Rheinwein oder Wein aus dem Jurançon. Heroische Musik braucht Burgunderbeat. Baudelaire rühmt Hoffmanns Vorurteilslosigkeit. Der komponierende Kollege habe ein „eigerartiges psychologisches Barometer erstellt“. Im Verein mit Hoffmann treibt Baudelaire Zustände zusammen, angefangen bei der Nachsicht eines ironischen Geistes bis zur sarkastischen Fröhlichkeit. Der Essayist argumentiert direkt aus dem Portfolio persönlicher Vorlieben und Empfindungslagen. Er verzichtet auf Distanz und Abstraktion. Anders gesagt, er rezensiert die Hoffmann'sche Burleske ernsthaft; der eine Dichter nimmt den anderen beim Wort und findet die aus unmittelbaren Erleben gewonnenen Einsichten plausibel.

Der Wein macht die Musik.

Das bezeugt einen höheren Ordnungssinn. Die Römer nahmen mit Wein Völker für sich ein. Unter unseren Besten gibt es Autor:innen, die dem Rebstock eine zivilisatorische Kraft zusprechen.

Bei Baudelaire brüsten sich mit Nüchternheit nur solche, die etwas zu verbergen haben.

„Ein Mensch, der nur Wasser trinkt, hat seinen Mitmenschen etwas zu verbergen.“

„Die ihr einen unersättlichen Geier nährt“
Die Orgie als Quelle der Inspiration hat ausgedient. „Gesunde Ernährung ... ist das Einzige, was ... Schriftsteller benötigen.“
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„Ihr alle die ihr einen unersättlichen Geier nährt ... möge die Liebe euch ein Beruhigungsmittel sein.“

Baudelaire wähnt sich in einer Gesellschaft, „die Hinfälligkeit jeder Art schätzt“. Der Dichter erkennt in den Verhältnissen „ein großes System von Widersprüchen“, in dem die Eitelkeit vor den Spiegeln des Nichts triumphiert.

Auf den Stoppel- und Rieselfeldern geistiger Armut fährt Baudelaire reiche Beobachtungsernten ein.

Die von Baudelaire ermahnten Leser:innen finden, so sagt es das Genie, irrtümlich die Zeit kostbar und die Natur grausam. Falsche Auffassungen grassieren im Dutzend billiger.

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Man muss schnell schreiben. Wie von einem fliehenden Pferd davongetragen, darf man selbst „bei der Geliebten“ die Verwertungskette nicht reißen lassen. Seufzt sie, treibt man die Regung in einem Roman auf die Spitze.
Von Überarbeitungen rät Baudelaire ab.
„Ich bin kein Befürworter von Korrekturen“, erklärt er, da sie Manuskripte in Unordnung brächten. Erschmäht Balzac, der sogar noch Druckfahnen „aufs Lächerlichste“ vollschmiere.
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Die Orgie als Quelle der Inspiration hat ausgedient. „Gesunde Ernährung ... ist das Einzige, was ... Schriftsteller benötigen.“
Aus der Vorschau
Wer Charles Baudelaire ausschließlich als Verfasser der dunkel-brillanten Gedichte aus «Die Blumen des Bösen» kennt, lässt sich ein wahres Lesevergnügen entgehen. In seinen geist- und pointenreichen Essays vergleicht Baudelaire die unterschiedlichen – und nicht gleichermaßen empfehlenswerten – Wirkungen von Wein und Haschisch, gibt jungen Schriftstellerkollegen Tipps zum Umgang mit Gläubigern, schildert seine Begeisterung nach der ersten Aufführung einer Wagner-Oper in Paris oder erteilt Ratschläge, wie man das Glück in der Liebe finden kann. In dieser exklusiven Zusammenstellung in Neuübersetzung begegnet uns der feinsinnige Ästhet als ironischer Lebenskünstler, als hellsichtiger Literaturkritiker und als wortmächtiger Protagonist der Pariser Boheme.

Gebunden in dunkelroten Samt mit Glanzfolienprägung, ist der Band zudem ein bibliophiler Hingucker.

»Ein wunderbares Buch ... Baudelaire erzählt hier sehr geistreich von der Apologie des Weines, der Literatur, von dem Rausch, den wir durch die Musik erhalten können.«

Zum Autor

Charles Baudelaire (1821–1867) war Dandy, Ästhet und Inbegriff der Pariser Künstlerbohème. 1857 veröffentlichte er den Gedichtzyklus "Die Blumen des Bösen", der ihm eine Anklage wegen "Beleidigung der öffentlichen Moral" eintrug. Seinen Zeitgenossen war er vor allem als scharfsinniger Kunst- und Literaturkritiker bekannt.

13:04 07.05.2021
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