Poetisches Leergut

Marrs/Papenfuß In der „Staatsgalerie“ des Prenzlauer Bergs stellt Sarah Marrs ihre „Stadtnomadin“ vor
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Mit und außer ihr lesen Sylvia Koerbel, Robert Mießner, Bert Papenfuß und Uwe Preuß

Ein offensichtlich katholischer Taxifahrer schweift in Chicago über Aliens & heimliche Weltherrschaft aus. Seine Fahrgäste weisen auf einen Widerspruch hin. Entweder Gott oder Science Fiction. Der Fahrer retourniert: „There must be something behind God.“

Zwar ist diese Geschichte von Susan Sontag, aber sie könnte auch von Sarah Marrs sein. Ohne die philosophische Schleife, die Susan Sontag (und Heiner Müller) der Anekdote banden: Wenn Gott nicht mehr die letzte Idee ist, dann ist die Gattung am Ende. Die DDR war am Ende, als Sarah Marrs nach Berlin kam und in der aufgelassenen Hauptstadt so glücklich wurde wie David Bowie nie in Schöneberg – „Sitting in the Dschungel on Nurnberger Straße / A man lost in time near KaDeWe“.

In Chicago wurde der Blues elektrifiziert und Sarah Marrs geboren. Diese Koinzidenz spielt in eine Geschichte aus der Kassettenzeit. Ein Nachbar belastet die amerikanische Musikerin mit Übersetzungen aus einem von Blues-Schweizern erschlagenem Englisch. Als Beispiel für ein Verbrechen an der Sprache: die gehaltvolle Aufforderung „Vögel(e) mit Glied“, vielleicht im Sinne von „stets mit“ oder „nie ohne“ oder einfach nur „festem“ im Subtext, wird verkürzt zu „birds“ (Vögel) und „member“ (Mitglied). „Die Neugier hat mich erobert“, schreibt Sarah Marrs. Zumal sie nichts lächerlicher findet als Blues auf Deutsch. Sie redet dem „tragischen Nachbarn“ Coverversionen aus und fasst für ihn „therapeutische Texte“ ab, in der Art von „Chicken Monday is observed on Tuesday this week“. Kommt alles von Herzen, aber aus keinem Ernst. Der Nachbar geht damit trotzdem auf Tournee. Besonders gut gefällt das poetische Leergut Leuten in seiner Heimatstadt Hannover.

Sarah Marrs schmeißt sich in der Staatsgalerie weg vor Vergnügen an den eigenen Schoten. Ihre Mutter war eine Zelebrität ersten Ranges, sie verschliss vier Gatten. In einem anderen Zusammenhang bringt die Tochter den Satz: „Ich liebe diese Frau, sie ist so schrecklich.“ So schrecklich ist in „Wilde Tage in Chicago, lange Nächte in Berlin“, so lautet der Untertitel der „Stadtnomadin“, eine offiziöse und „promigeile“ Ratgeberin, die Katzenstuhl zum Haare färben empfiehlt.

1992 reist Sarah Marrs mit „Novemberklub“ nach Bitterfeld zur „Kunst. Was soll das?-Konferenz. Die Stadt hat geschlossen. Überall wird „Novemberklub“ abgewiesen. Schließlich zwingt Sarah Marrs einen Wirt, ihrer Band Toast Hawaii zu servieren. Das betrifft die knurrenden Mägen von Bernd Jestram, Ronald Lippok, Mario Mentrup, Bert Papenfuß und Brad Hwang. Sarah Marrs findet dann auf einem Plakat manches erklärt. Was darauf grafisch zusammenwächst und aufblüht in der Landschaft, ergänzt Wurst mit Banane.

Es ist heiß in Bitterfeld, A. R. Penck baut in der Hitze ab. Er behauptet, der „Denver Clan“ sei kulturpolitisch weiter als Maxim Gorkis „Mutter“. Penck erinnert daran, dass Stalin seine Erkenntnisse aus dem amerikanischen Kino gewann. Er lobt „die Philosophie des amerikanischen Kleinbürgers“, in der Staatsgalerie wird die Story mit verteilten Rollen gelesen. Uwe Preuß ist der Penck des Abends.

Immer wieder Penck, wie er im Halbschlaf zuckt, und auch dann nicht wach wird, wenn Durs Grünbein der Versammlung vermeintlich linken Zynismus mit Negativer Dialektik erklärt. Schön auch die Einlassung vom ostaffinen Westmann Ulf Erdy Ziegler: „Das gemeinsame Klagen hat uns (linke Wessis und Ossis) immer wieder subversiv zusammengebracht mit vielen Getränken. Das war stets schön.“

Zu trinken gibt es genug in der Diaspora, Mario Mentrup findet im Spind der Putzfrau ein Puppenbein. Das montiert er sich an den Hosenstall. Das Puppenbein am Hosenstall wirkt so selbstvergessen wie ein beim Pinkeln ins Träumen geratener Knabe. Sarah Marrs nimmt Gummihandschuhe mit auf die Bühne, Penck legt sich vor ihr ab: „Die Frauen der Menschen machen sich über die Männer her.“

Penck knackt zwischen Boxen. Sarah Marrs erzählt von Erwin „Gruen“ Grünberg aus Pankow. Er nimmt eine Sonderstellung in der Biografie der Autorin ein. „Gruen trug den Judenstern mit Stolz.“ Er taucht unter, „du wirst nie wissen, wie sich Sex anfühlt, wenn Bomben fallen.“ In seiner Illegalität macht er sich schick und geht tanzen in Cafés mit Tischtelefonen. Nach dem Krieg zieht Grünberg in Frankfurt am Main einen Schwarzhandel mit Damenstrümpfen auf. Freunde schleppen Nazis an, Grünberg könnte sich rächen. Er lässt das. Er wandert aus und trifft in Chicago Sarah Marrs Mutter. Am Tag der Begegnung, einem Erdbeben, „legte meine Mutter erst einmal die Verlobung mit meinem Vater auf Eis“.

Sarah Marrs sagt über Gruen: „Er sah das Leben als Komödie.“

Die Mittelpunktpersönlichkeit erweist ihrem Mentor einen letzten Liebesdienst, indem sie seine Asche von Amerika nach Pankow schafft und dabei auf zwei Kontinenten gegen Gesetze verstößt. Sie verstreut die Asche in Berlin, sie liebt die Stadt wie etwas, dass nicht ganz sauber und gewiss nicht dicht ist, but fucking kurios.

Sarah Marrs: „Stadtnomadin. Wilde Tage in Chicago, lange Nächte in Berlin“. Eden Books, 201 S., 14,95 Euro

Erschien zuerst auf Kultura Extra:

http://www.livekritik.de/kultura-extra/literatur/spezial/lesung_sarahmarrs_stadtnomadin.php

14:23 30.01.2014
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