Postmodern steril

Lyrik Die Reise der Schwarzen Venus - Robin Coste Lewis untersucht die Erscheinungsformen des schwarzen Körpers in der Kunstgeschichte.
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Lange war sie ans Bett gefesselt und durfte in äußerster Hinfälligkeit nicht mehr als einen Satz pro Tag schreiben. Die Beschränkung machte Robin Coste Lewis zur gefeierten Lyrikerin. FürVoyage of the Sable Venus bekam sie 2015 den National Book Award for Poetry.

Im Rahmen des #womenintranslationmonth unterhielt sich die Schriftstellerin und Übersetzerin Odile Kennel in der Berliner Buchhandlung Ocelot mit dem Literaturkritiker Martin Zähringer über die Labyrinthe der Differenz und des „universell Zugänglichen“ (Georges Arthur Goldschmidt) in den Sprachen am Beispiel ihrer Übersetzung, Kennel spricht von „Interpretation“, der ausgezeichneten Gedichte.

Robin Coste Lewis, „Die Reise der Schwarzen Venus: Poems“, übersetzt von Odile Kennel, Steidl, 24,-

Zähringer charakterisierte den Band als „lyrisches Geschichtsbuch“. Das Gespräch rotierte um einen toxischen Kern. In „Plantage“ offenbart Lewis:

„Die schwarze Seite meiner Familie besaß Sklaven.“

Der Vers führt nach Louisiana – in die epochale Weite einer neuspanischen Provinz … die in britischen und französischen Besitz überging, bevor sie im frühen 19. Jahrhundert unter Gouverneur William Charles Cole Claiborne amerikanisch wurde.

In den Resonanzräumen dieser Botschaft ist viel Platz.

Appropriation Art und investigative Kunst

Lewis untersucht den schwarzen Körper in seiner Verdinglichung als Dekor. Welche Lust verband sich mit den einschlägigen reliefartigen Verzierungen von Bilderrahmen und Möbeln vom „Mohrenkopf“ bis zur „Perle des Urwalds“? Gehörte es „zu den unzähligen Arten, auf die ich dich gern verzehrt hätte?“ War es eine Sklavenhalterattitüde, sich den menschlichen Besitz noch einmal anders anzueignen - Appropriation Art? Äußerte sich so kulturelle Überlegenheit?

Auf der Suche nach Trouvaillen rückte Lewis bis zur vorchristlichen Zeit von der Gegenwart ab. Die Schwarze Venus startete ihre Karriere als griechisches Kleinod, Botticellis Geburt der Venus vorwegnehmend, und findet immer noch Verwendung.

„Mit etwas Spieltrieb ist alles übersetzbar“, schreibt Kennel. Sie trug ein Gedicht vor, dass sich so aus meinen Notizen schält:

Man schickt Frauen in den Busch, weil sie „nur vergewaltigt“ werden, während ihre Männer im Busch getötet würden. In einem Bedeutungsdelirium verdreht sich die Ausgangskonstellation einer angebundenen Frau zu „Der Busch band die Männer an ihren Scheiden fest“.

„Wie erscheint der schwarze Körper in der Kunstgeschichte?“, fragt Lewis. In der wissenschaftlichen Archivierung der Artefakte setzten sich politisch korrekte, Zähringer sagte „postmodern sterile“ Titel durch. Lewis hat die ursprünglichen, unbefangen rassistischen Bildunterschriften wieder freigelegt. Sie weist den Skandal des Rassismus in der Sprache nach. Die Übersetzerin konnte der Dichterin nicht bis zu jedem Zenit einer Erniedrigung folgen, sie erlebte die Aggression in den authentischen Unterzeilen oder Überschriften als körperlichen Angriff.

Das verstehe ich gut. Mir geht es genauso. Doch Zähringer erkannte in Lewis‘ künstlerischen Investigationen einen Einwand gegen die politisch korrekte Verweigerung des N-Worts. Er wies auf den selbstbewussten schwarzen Einsatz von „Negro“ hin, nicht aber auf all die „Neger“ bei Heiner Müller und Allen Ginsberg.

I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix …

Ich sage: Wer „Neger“ sagt, soll auch nicht gendern. Die Sprachlisten des weißen Mannes sind erschöpft.

Robin Coste Lewis, „Die Reise der Schwarzen Venus: Poems“, übersetzt von Odile Kennel, Steidl, 24,-

10:35 09.08.2018
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