Postrevolutionäre Schieflage

#DailyStorytelling Brain (nicht Brian) Thundergods* Auffassung von Heiner Müllers 1979 entstandenem Stück „Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution“ leuchtet ein. HM produzierte unter ...
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Das Menschmaschineding ist in Gang gekommen. Es läuft besser als erwartet. In Frankreich fand ein Regimewechsel statt. General Bonaparte hat das Direktorium abgeschafft. Jetzt ist die Revolution am Ende. „Die Welt (das Schlachthaus) wird wieder, was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven.“

Alle Zitate stammen von Heiner Müller.

Die Feststellung trifft Debuisson. Der Sklavenhaltersohn bleibt ein windelweißer Gewinner, angehoben vom Glück des in allen Lebenslagen weich fallenden Herrenmenschen. Erleichtert wirft Debuisson die Maske des republikanischen Brandstifters ab. Lange genug musste er im Kolleg:innenkreis den Hochmut kleinhalten von wegen Liberté - Égalité - Fraternité. Als Delegierter des französischen Konvents sollte er, im Verein mit dem Bauern Galloudec und dem „N… aller Rassen“ Sasportas, Sklaven auf Britisch-Jamaika in eine Revolte gegen die Kolonisten hetzen.

Nach dem 18. Brumaire 1799 ist klar: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott.“ Es gibt keinen Auftrag mehr. Debuisson stößt den in postrevolutionärer Schieflage zur Lächerlichkeit verurteilten Volksvertretern Bescheid. Sie sind nun wieder das, was sie früher waren: Abschaum, Auswurf. Brain (nicht Brian) Thundergods* Auffassung von Heiner Müllers 1979 entstandenem Stück Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution leuchtet ein. HM produzierte unter dem Eindruck des geplatzten Kommunardentraums vom Ich zum Wir. Brain greift in die nächste Speiche. Im Globalen Norden schwindet gerade die Freiheit. Ein überwunden geglaubter Chauvinismus kehrt an die Tröge der Macht zurück. Man treibt Ideenkommerz, jeder Unfug vervielfältigt sich wie ein Blitz im Spiegelsaal. Die Zivilgesellschaft steht unter Druck.

Rampala Sṭilskin spielt den „mit den Demütigungen seines Lebens bewaffnete“ Sasportas und außerdem den von Ohnmacht kastrierte Galloudec. Sie liefert sich der Inferiorität ihrer Rollen ganz aus. Sie unterliegt in einem Hagel der Erniedrigungen. Ihr jeden Montgomery-Bus-Boycott und Trail-of-Tears beglaubigendes Gesichtsmassiv faltet sich erdgeschichtlich auf. Ihr von den Agentinnen des Alters aufgegriffener Körper schreit vergeblich nach Zuneigung und Achtung. Der Terminal des Geschehens wird zum Cap Canaveral der Erkenntniszuwächse. Es gibt nicht nur auf der Bühne keinen Wettbewerb der Systeme mehr. Konkurriert wird überall auf dem Feld der Scheinereignisse und der symbolischen Handlungen. Außerparlamentarisch kriegt in diesem Theater eine neue Bedeutung. Man füllt einen Raum mit Leuten und sagt: Was jetzt passiert, ist Politik.

HM interessierte eine Pornografie der Erwartungen im zwanghaften Streben nach Optimierung und dem idealen Gebrauch der Fetische Freiheit und Gleichheit. Von der Französischen Revolution hatten sich ältere Autor:innen eine Entfesselung des Ackerbaus und die Erhebung des Eros versprochen. Spekuliert worden war auf größere Kühnheit im Gespräch. Das besser gekleidete Volk würde besser essen. Der strotzende Pächter sollte das gnädige Fräulein glücklicher machen als seine Indolenz, der Marquis. Die solcher Ehe entsprungenen Kinder wären gewiss tätig, einsichtig und frei (vom Rauchfass der Kirche). Bei gleicherer Verteilung der Glücksgüter erwartete man weniger schweflige Begierden.

13:01 29.07.2021
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