Premiumjägerin des Bösen

Literatur Libby hat 968 Terrorist:innen ... verhört und zum Sprechen gebracht. Doch im Jetzt des Handlungsmorgens will die Verhörspezialistin niemanden mehr ausquetschen.
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Libby hat 968 Terrorist:innen und Verdächtige verhört und zum Sprechen gebracht. Doch im Jetzt des Handlungsmorgens will die Verhörspezialistin niemanden mehr ausquetschen.

Zu ihr haben Orient & Okzident beigetragen. Der Tochter österreichischer und jeminitischer Einwanderer:innen gelingt in zwei Tagen, wozu andere zwei Wochen brauchen. Trotzdem steht Libbys Entschluss fest. Die Premiumjägerin des Bösen will keine Terrorist:innen mehr ausquetschen.

Joshua Sobol, „Der große Wind der Zeit“, aus dem Hebräischen von Barbara Linner, Luchterhand Verlag, 24,-

Libby hat die Nase voll von ihrem Job. Sie spricht von „Materialermüdung“. Libbys Chef, im Dienst, „seit der ersten Intifada“, versteht die Welt nicht mehr. Beherzt versucht der alte Haudegen seine beste Ermittlerin umzustimmen.

Sollte Libbys Entscheidung etwas mit dem Cousin aka Adib zu tun haben?

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„Der Cousin, Inhaber eines britischen Passes, sei von Coventry eingetroffen und sollte laut seiner Einreiseerklärung einen Tag nach dem Begräbnis seiner Cousine, das vor einer Woche stattgefunden hatte, nach England zurückfliegen.“

Dazu kam es nicht. Jetzt sitzen beide fest. Adib engt eine Zelle ein, und Libby kriegt den Kopf nicht mehr frei. Auf ihrem Motorrad transferiert sie sich in rauschhafte Grandiosität. Himmelarschundzwirn. Der Autor thematisiert den vitalen Motor zwischen den Schenkeln der Agentin. Ich erwähne das nur am Rand.

Adib, ein in London sozialisierter Palästinenser, studiert den Feind buchstäblich, falls er nicht etwas Versöhnliches im Schilde führt. Er promoviert über „Die Politik der Jewish Agency und der Zionistischen Gewerkschaft in den Jahren 1929 - 1945“.

Aus der Ankündigung

Ein humanistisches Meisterwerk, ein großer Roman über vier Generationen der Familie Ben-Chaim, eine umfassende Geschichte Israels: Libby, Offizierin der israelischen Armee und Verhörspezialistin, nimmt sich nach einer beunruhigenden Begegnung mit einem mutmaßlichen Terroristen Urlaub von der Armee und fährt zu ihrem Großvater Dave in den Kibbuz. Dort stößt sie auf das Tagebuch ihrer Urgroßmutter Eva und taucht fasziniert in ihre Welt ein. Eva war eine starke, lebenslustige Frau, die in den frühen dreißiger Jahren Kibbuz, Mann und Kind verließ und in Berlin als Tänzerin auftrat, bevor sie floh.

»Hundert Jahre Geschichte fächert Joshua Sobol in seinem ambitionierten und ungeheuer lebendig erzählten Roman auf. Spielend leicht verschränkt er die Vergangenheit mit der Gegenwart.« Sigrid Brinkmann / Deutschlandfunk Kultur

Zum Autor

Joshua Sobol wurde am 24. August 1939 in Tel Mond, Israel geboren. Von 1957 bis 1965 lebt er in einem Kibbuz und beginnt dort Literatur, Geschichte und Philosophie zu studieren und promoviert anschließend an der Sorbonne. "Les jours a venir", sein erstes Stück, wurde 1971 am Theater in Haifa uraufgeführt. Schon in diesem, verstärkt aber in den darauffolgenden Stücken versucht Sobol "die schwierige Beziehung zwischen Judentum, dem Staat Israel und dem Zionismus auszuloten." Dabei geht er von historischen Sujets aus, die er mit der israelischen Gegenwartsgesellschaft in Beziehung setzt. Der internationale Durchbruch gelingt Sobol 1983 mit dem Stück "Weiningers Nacht". 1984 erlebt sein Stück "Die Palästinenserin" in Haifa seine Uraufführung welches in Israel zum Zeitstück des Jahrzehnts wird. Eine Viertelmillion Zuschauer -das ist ein Zehntel der erwachsenen israelischen Bevölkerung- sehen diese Inszenierung.
Von 1984 bis 1989 entstehen die Dramen "Ghetto", "Adam" und "Untergrund", die zusammen das "Ghetto-Tryptichon" bilden. Vor allem "Ghetto", das der Autor selbst als "Erfahrung einer Gemeinschaft angesichts des Todes" sah, sorgte in der europäischen Erstaufführung von Peter Zadek an der Freien Volksbühne Berlin für Furore. "Theater heute" wählte das Stück, das insgesamt in 19 Sprachen übersetzt wurde und in mehr als 22 Ländern gespielt wurde, zum besten ausländischen Stück des Jahres, in Großbritannien war es 1989 "Play of the Year". 1988 sorgte sein nächstes Stück "Das Jerusalem-Syndrom" für große Proteste - u.a. wird Sobol von einem Abgeordneten der Knesset zum Selbstmord aufgefordert -, daß er seine Tätigkeit am Theater in Haifa, dessen künstlerischer Leitung er 1984 übernommen hatte, aufgab. Er geht mit seiner Familie nach London, kehrt aber vier Jahre später nach Israel zurück. Von da an ist er zunehmend auch im Ausland tätig und inszeniert seine Stücke, so z. B. 1992 "Ghetto" in Essen. 1995 nimmt er die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Paulus Manker, der schon "Weiningers Nacht" inszeniert hatte, für die Wiener Festwochen wieder auf. In der Zeit bis 1999 entstehen noch zahlreiche weitere Theaterstücke. "Schweigen" ist sein erster Roman.

14:51 17.06.2021
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