Produktives Zwischenspiel

#DieWeltneudenken In einer ungerechten Darstellung lässt sich im Fall von Theodor W. Adorno die Emigration als produktives Zwischenspiel beschreiben
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Das Exil und der antifaschistische Auftrag

„Wir müssen sehen, unser Bestes in die Briefe zu legen; denn nichts deutet darauf hin, dass der Augenblick unseres Wiedersehens nahe ist.“ Walter Benjamin in einem Brief an Gretel Adorno aus dem Jahr 1940.

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Viele verelendeten. Manche blieben nobel. Einigen ging es besser als den meisten. Ich nenne Lion Feuchtwanger, Erich Maria Remarque - und Thomas Mann, der seinen (lange engagierteren) Bruder die Fassung verlieren sah, während er selbst unter der kalifornischen Sonne dem Gewissen eine deutsche Stimme gab und so einen ungeheuren Auftrieb erhielt. Ohne Hitler wäre aus dem verspäteten Höhepunkt (des 19. Jahrhunderts) womöglich ein delirant-romantischer Monarchist geworden.

In einer ungerechten Darstellung lässt sich im Fall von Theodor W. Adorno die Emigration als produktives Zwischenspiel beschreiben. Gleichzeitig ging Walter Benjamin zugrunde. Das geht mir durch den Kopf angesichts eines Fotos, das ich in der Nationalgalerie von Max Ernsts „Capricorn“ gemacht habe.

„Capricorn ... ist eine Großplastik von Max Ernst, die er ursprünglich 1948 in Zement in Sedona, Arizona, schuf. Nach einer Abformung der Figurengruppe in Gips, die seit 1973 als Geschenk des Künstlers im Bestand der Nationalgalerie Berlin ist ... “ Wikipedia

Seit meiner Kindheit erachte ich Max Ernst als heitere Person. Sie entbehrt für mich jene Tragik, die anderen Maler:innen zu unterstellen, mir rororo-Künstler:innen-Monografien empfahlen. Das Bedürfnis, aus Lebensrisiken und noch größeren Banalitäten Wertanlagen zu machen, spielte sich dazu. Im gröbsten Raster unterscheide ich bis heute die Gossen- und Gassenheiterkeit auf Montmartre von Edvard Munchs und Egon Schieles schreienden Bildern. Hier der selbstgewisse Picasso, da der sich selbst zerfleischende van Gogh.

Walter Benjamin rieb die Emigration so auf, dass er sich umbrachte. Max Ernst ließ sich von der bildschönen und stinkreichen Peggy Guggenheim nach New York schleusen, wo er bald einer schicken, selbstverständlich viel jüngeren Kollegin begegnete, die sofort auf den Womanizer einstieg.

Ich evoziere zu diesem Galopp eine Horizontlinie der Hoffnung über einem Meer grundloser Begeisterung. Ich assoziiere mit Max Ernst einen überschüssigen Lebensmut und einen optimistischen Attributionsstil. Dorothea Tanning hieß die neue Schönheit im Leben des Emigranten. Er heiratete sie im Rahmen einer Doppelhochzeit 1946 im Verein mit Man Ray und Juliet Browner in Beverly Hills.

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Das in Rede stehende Paar erwarb Land in Arizona. Bilblisch schwang sich der Maler zum Maurer auf. Er baute ein Haus in den leeren Raum - Capricorn Hill. Da entstand die Plastik. Lokale Einflüsse sind unübersehbar. Der in vielen Gegenden des Geistes und der Dinge flüchtige, zwischen Halluzination und Klarheit changierende Landnehmer entdeckte in der amerikanischen Wüste archaische Verbindungen zu seinem europäischen, parisbasierten Vorwerk. In der schöpfungsmythischen Transzendenz der Hopi-Kultur fand er globale Schlingen (des Surrealismus nicht zuletzt); ein Weltversprechen.

11:20 18.09.2021
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