Programmatischer Titel

Borges/Kaváfis Irgendwo sagt Jorge Luis Borges, er habe nie aus der Bibliothek seines Vaters in Buenos Aires herausgefunden.
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Als Geschlagene verlieren die Griech:innen zwar ihre politische Bedeutung, doch zwingen sie ihren römischen Bezwinger:innen einen Maßstab auf, der wie ein Staffelstab über das Imperium hinausgetragen wird. Keine militärische Macht kommt gegen das Wort an. Wer als Römer etwas auf sich hält, spricht Griechisch.

„Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn“

Irgendwo sagt Jorge Luis Borges, er habe nie aus der Bibliothek seines Vaters in Buenos Aires herausgefunden. Er arbeitete als Bibliothekar in einer Zeit „soliden Unglücks“. Ab 1955 leitete Borges die argentinische Nationalbibliothek. In seinen Gesprächen mit Osvaldo Ferrari äußert er sich zu einem Bonmot von Verlaine. Adam Zagajewski hielt das Wort solange für eine Erfindung des Argentiniers, bis es ihm im Internet begegnete.

Unter dem programmatischen TitelArt Poétiqueverfasst Paul Verlaine im April 1874 ein Gedicht, das seither als symbolistische Manifestation kursiert. Auf den Symbolismus angesprochen, behauptet er, das Wort sage ihm nichts; es müsse wohl Deutsch (eine ihm nicht verständliche Sprache) sein - ça doit être un mot allemand.

Zagajewski dient die paradoxe Antwort (in einem Essay) als Hinweis auf den Hunger nach „individuellen und konkret-greifbaren Lösungen“ echter Künstler:innen. Begeistert baut der Pole die Polarisierung aus. Die Echten seien sogar Verächter:innen solcher Ismen, die sie selbst zur Welt gebracht hätten.

Hochmütige Verlierer:innen

In den Jahrhunderten des Übergangs zeigt sich die Macht da, wo die (mit dem Nachdruck einer Panzerarmee vorgetragene) Expansion des Christentums eine zurückschlagende Kraft entgegengesetzt werden kann. Die mit der neuen Religion belasteten Kaiser (und nach dem Niedergang Roms auch wieder Könige) stehen unter einem peinlichen Legitimationsdruck gegenüber der polytheistischen Vorgängerprominenz. Adam Zagajewski erinnert anFlavius Claudius Iulianus (331 - 363) aka Iulianus Apostata. Der Abtrünnige auf dem Thron hasst den Gott der Christen und sehnt sich nach der antiken Vielfalt im Himmel wie auf Erden.

Man könne nicht zu einem Zustand zurückkehren, der bereits überwunden sei, so Zagajewski mit Hegel. Der kaiserliche Renegat (und glücklose Feldherr) habe sich zum Gespött der Gebildeten gemacht. Gleichzeitig dient er einer Großartigkeit des Scheiterns als Vorbild, die zumal Konstantínos Pétrou Kaváfis besingt. Eleganz der Niederlage/Hochmut der Verlierer:innen: Zagajewski schöpft aus dem Vollen, wenn es um die subtile Rache der Unterlegenen geht.

Stoischer Gleichmut im Verein mit ästhetischer Anmut als Schmuck der Geschlagenen, die viel klüger sind als ihre Bezwinger:innen.

Kaváfis „ist der Dichter jener (Verlierer:innen), die über den (Sieger:innen) stehen“.

Als Geschlagene verlieren die Griech:innen zwar ihre politische Bedeutung, doch zwingen sie ihren römischen Bezwinger:innen einen Maßstab auf, der wie ein Staffelstab über das Imperium hinausgetragen wird. Keine militärische Macht kommt gegen das Wort an. Wer als Römer etwas auf sich hält, spricht Griechisch.

Aus der Ankündigung

Adam Zagajewski, der große polnische Dichter, begibt sich auf die ewige, nie abgeschlossene Suche nach dem Wesen der Dichtung.

Adam Zagajewski, der große polnische Lyriker und Essayist, stellt in diesem wunderbar luziden Band für ihn wichtige Schriftsteller und Schriftstellerinnen in ein erstaunlich neues, zum Teil ganz persönliches Licht. Seine Essays über Czesław Miłosz, W.G. Sebald, Wisława Szymborska und viele mehr sind kleine Offenbarungen. Über das Werk, die Zeit und das Leben der Porträtierten. Aber auch über das eigene Schreiben und den Essay selbst, diese bedrohte Form, die wie keine andere die Beweglichkeit der Gedanken verteidigt. In feinster Prosa entspinnt Zagajewski seine Suche nach dem Wesen der Dichtung, nach ihren Bedingungen und ihrer Aufgabe.

Zum Autor

Adam Zagajewski, 1945 in Lemberg geboren und 2021 in Krakau gestorben, studierte Psychologie und Philosophie in Krakau. Er lehrte regelmäßig an der University of Chicago. Adam Zagajewski ist Autor zahlreicher Lyrik- und Essaybände sowie mehrerer Romane und wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Eichendorff-Literaturpreis (2014), dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste (2015), dem Leopold Lucas-Preis (2016), dem Jean Améry-Preis für Essayistik (2016), dem Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur (2017) und dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste (2019). Seit 2015 war Adam Zagajewski Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Bei Hanser erschienen zuletzt Verteidigung der Leidenschaft (Essays, 2008), Unsichtbare Hand (Gedichte, 2012), Die kleine Ewigkeit der Kunst (Tagebuch ohne Datum, 2014) und Asymmetrie (Gedichte, 2017). 2021 erscheint der Essayband Poesie für Anfänger.

06:18 22.05.2021
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