Prophetisches Unbehagen

Literatur Im Sommer 1917 entzieht sich der Freigestellte dem deutschen Trauerspiel. Walter Benjamin verlegt seine Existenz in die Schweiz und immatrikuliert sich an der Uni Bern
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Im Sommer 1917 entzieht sich der Freigestellte demdeutschen Trauerspiel. Walter Benjamin verlegt seine Existenz in die Schweiz und immatrikuliert sich an der Universität Bern. Er ist verheiratet und kurz davor, Vater zu werden. Zu seiner Unterhaltung tragen Paul Klee, Ernst Bloch und Hugo Ball bei. 1918 kommt Gershom Scholem dazu, eine Weile wohnt man gemeinsam. Benjamin promoviert über den Begriff der Kunstkritik bei den Romantikern, übersetzt Baudelaire und gründet mit Scholem zum Spaß dieUniversität von Muri.

Die Freunde schreiben sich Briefe, in denen sie ihre absoluten geistigen und moralischen Programme formulieren und weiter entwickeln, sogar dann, wenn sie zusammen sind. Scholem ist Zionist, er hat den Wehrdienst mit vorgetäuschtem Wahnsinn verweigert. Nachdem sie sich bereits von ihren übermächtigen leiblichen Gründer-Vätern distanziert haben, distanzieren sich Benjamin und Scholem in Bern auch von ihren geistigen Vätern.

Benjamin und Scholem sind Produkte eines säkularisierten Judentums. Aufgewachsen mit den hochgespannten Teilhabe-Erwartungen der Ahnen, gehört ihr prophetisches Unbehagen an der Assimilation zur ödipalen Reibung. Die Krise des Generationenkonflikts befeuert die Abwehr auf beiden Seiten.

Aber nur eine Seite behält Recht. Die schwachen Söhne wissen es besser als ihre virilen Väter. Ihr Unbehagen in der Kultur betrifft eine Kultur, die, nach Adorno, „den Mord gebiert“.

Das Antizipationsvermögen nutzt Benjamin nichts. Er gerät in die Falle, die aufgehen zu sehen, er die Luzidität besitzt. Scholem sichert sich mit Tauen der Zugehörigkeit. Er wendet sich der Religion zu, so den Vater negierend, der seine Zigarre mit dem Licht einer Chanukka Kerze in Brand setzt.

Während die Patriarchen mit vollen Segeln im Deutschen aufgehen wollen, markiert der indolente Nachwuchs den Trail of Hope als Holzweg. Die Söhne wissen alles und können nichts verhindern. Die Scholems, Kafkas und Benjamins widersetzen sich intuitiv (sowie auf einer Wolke des geistigen Ethos) jenem Anpassungsdruck, den die Alten als Fortschritt erleben. Das bleibt important als Marke des Begreifens; dass das Folgende keine zivilisatorische Entgleisung ist, sondern das es seine Dynamik aus bürgerlichen Begriffen des aufgeklärten 19. Jahrhunderts bezieht.

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Scholem, der Jüngere im Bund, ganz Jung Juda, will Eretz Israel in Palästina wieder aufbauen, während Benjamin sich stets an die Wand gestellt fühlt und in jeder Parteinahme nur sein unpassende Teilnahme (Außenseiter noch unter Außenseitern) erkennt. Trotzdem ergreift er Partei, er wendet sich dem (als degoutant empfundenen) Brecht zu. In Briefen, die er sehnsüchtig Gretel Adorno schreibt, erklärt er sein Konzept. Benjamin richtet sich im Verhältnis zu einem Gegenpol aus, der es ihm erlaubt, seine Gedanken zu formulieren. Benjamin braucht Brecht, um sich einmal wieder zu distanzieren. Am Ende wird die Karawane des Exils ohne den Distanzierten weiterziehen, nachdem Benjamin sich doch noch das Rauchen abgewöhnt hat - kaum mehr als zwanzig Jahre nach dem Berner Glück.

09:45 13.09.2021
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