Psychogramm einer Zockerin

#Leben Die Ermittlerin wundert sich über die Ruhe, mit der Helene von Nassau dem aufziehenden Sturm begegnet, der sie wegfegen wird
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Polizistin wundert sich über die Ruhe, mit der Helene von Nassau dem aufziehenden Sturm begegnet, der sie wegfegen wird. Gloom Costigan spekuliert über die Gründe der Gelassenheit. Sie zeichnet das Psychogramm einer Zockerin. Gloom nennt die Sozialarbeiterin Helene eine Hochstaplerin.

Gloom suggeriert, die tief gefallene Vorzeige-Streetworkerin habe Elendsgeschichten ohne Not erfunden. So soll Helene ihrer Arbeitgeberin gegenüber einen dem Krebstod geweihten Bruder ins Spiel gebracht haben, den es nie gab.

Für die Erfindung des Bruders findet die Ermittlerin keine einleuchtende Erklärung. Ihre Einlassungen seien im Ganzen kaum erhellend. Das behaupten Helenes Parteigänger:innen. Gloom erscheint dem bunten Haufen als Miesepetra, Neidschaf und reizbare Randfigur. Sie liefere den typischen Vortrag der ewig zurückgesetzten, nie vom Glanz einer perfekten Sexnacht illuminierten, nie an eine Führungsbrust gezogenen, ihren Beruf mit Klischeebegriffen feiernden, stets von unten nach oben guckenden Rechtsstaatsapologetin.

Der Hauptskandal besteht zweifellos darin, dass die amtlichen Sicherungen nicht aus ihren Fassungen geplatzt sind. Die in absurder Fülle aufgeführten Sozialseifenopern der Aktivistin im öffentlichen Dienst spiegeln ein ins Allgemeine ausgreifende bundesrepublikanische Selbstverständnis. Man will glänzen, ohne sich zu verausgaben.

Helene verkörpert einen Prototyp der Vermeidung. Helenes Gerechtigkeitskriegerinnenkitsch konnte nur deshalb Furore machen, weil ihr Eskapismus dem Verhalten vieler gleicht. Frau erschöpft sich auf Allgemeinplätzen des guten Willens, vertraut blind auf Hörensagen und nimmt das Gerücht für bare Münze.

Die Aussicht auf Teilhabe an den Resterampen der Überflussgesellschaften

In ihrer akademischen Abrechnung „Das Licht, das erlosch“ finden die Soziologen Ivan Krastev und Stephen Holmes keine Erwartung gründlicher enttäuscht als die Vorstellung, der (ab Neunundachtzig) eingenommene Osten verhielte sich wie die arme, aber willige Blumenmädchen Eliza Doolittle in G.B. Shaws Lehrstück „Pygmalion“ und übe gegenüber der selbstherrlichen Professorin Halma Higgins aka Mevrouw West Ergebenheit. Stattdessen „bekam die Welt eine Bühnenfassung von Mary Shelleys RomanFrankensteinzu sehen“. Während sich der Osten in langen Linien als anti-neoliberales Bollwerk etabliert und auf unerwartete Weise angreift, rennt der globale Süden wie von der Tarantel gestochen auf die Hotspots des westlichen Wohlstands zu. Ihn agitiert primär nicht die Kritik an einer modellhaft-menschenverachtenden Politik, sondern die Aussicht auf Teilhabe an den Resterampen der Überflussgesellschaften. Aus diesen Kontingenten speiste sich (bis zur Suspendierung) Helenes Klientel.

Gleich mehr.

04:13 26.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare