Pyramiden der Belesenheit

SPD/Heinz Bude „Solidarität kommt vor Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit“, schreibt Heinz Bude in seinem Plädoyer für eine solidarische Gesellschaft.
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„Solidarität kommt vor Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit“, schreibt Heinz Bude in seinem Plädoyer für eine solidarische Gesellschaft. Er verschweigt nicht, wie das Primat der Solidarität gegen andere Leitbegriffe der Französischen Revolution in eine Vormachtstellung geriet.

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Anfang der 1790er Jahre kursiert in Paris das Losungsfanal Einheit, Unteilbarkeit der Republik; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder der Tod.

Willst du nicht mein Bruder sein, schlage ich dir den Schädel ein.

Diese Zuspitzung einer Gemeinschaft Ungleicher, die über herkömmliche Kategorien wie Standeszugehörigkeit und nationales Pathos hinaus nur in der Überschreitung verbunden ist, findet die besten Gründe in der Ermordung des Königs (und seiner Frau). Da Ludwig XVI. Frankreich nicht nur verkörperte, sondern auf eine nach ihm unerreichte Weise Frankreich war, übertraf die den Vatermord (der König als Vater der Nation) belastende Hypertrophie des Symbolischen den Furor des revolutionären Subjekts. Durch die Hintertür stellt sich die alte Ordnung wieder ein. Der Volkskörper entbehrt die Kraft des politischen Königskörpers.

Das Unbewusste der Revolution regrediert in einer Krise, die erst in der Krise der napoleonischen Wiederherstellung totalitärer Verhältnisse überwunden wird. Das Volk erscheint seiner Fatalität so ausgeliefert, als habe Gott es angeschaut. Es verschließt und verschwört sich in der Brüderlichkeit. Bude zitiert den turmverrückten Marquis de Sade, bevor er Freud heranzieht: Die Republik solle die politische Schuld übernehmen und sich nicht herausreden.

Der Königsmord macht Bürger zu Brüdern. Die Schuld schweißt sie zusammen, „nicht die Berufung auf die allgemeine Vernunft des Fortschritts“; nicht der Appell an den Stolz des Lebensgrundlagen erschaffenden Lagers.

Der Mord und die Schuld verschmelzen zu einer Hypothek der Arbeiterbewegung.

Ahndungsstillstand

Solche Belastungen seien nahezu natürlich. Zur Politik gehöre die Fähigkeit, sich mit dem Unversöhnlichen abzufinden. So sprach der alte Leise, Heinrich der Große, ein kraftloser, aber nicht ohnmächtiger Koloss. Holger Börner hörte auf Heinrich Leise. Heinrich initiierte seine Tochter, ich war Zaungast der Einschwörung im Lichthof jener maurischen Burg, die am Fuß der Dönche zwischen Plattenbauten und documenta urbana noch immer einen besonderen Schauwert hat. Natürlich berief sich Iris‘ Vater nicht auf Heinz Bude.

Die Szene spielt vor vierzig Jahren im Sommer Neunundsiebzig.

Heinrich wollte auf die wirkungslose moralische Überlegenheit der frühen Sozialdemokratie hinaus, die Bude übrigens „eine negative Integration in die industrielle Modernität des Wilhelminischen Kaiserreichs“ nennt. Wilhelm Liebknecht leitete aus dem sozialdemokratischen Vereinswesen (als einer Dauer-„Feier der Solidarität“) den Beweis für die sittliche Überlegenheit der SPD im Vergleich mit den bürgerlichen Parteien ab.

1954 kam es zu einem Ahndungsstillstand „minderschwerer“ Straftaten im nationalsozialistischen Kontext.

Heinrich liebte historische Aufbauten und lange Gänge durch die Geschichte, die oft bei der (auch mit SPD-Unterstützung) Anfang der 1950er wiederhergestellten Kontinuität der nationalsozialistischen Funktionseliten unterbrochen wurden. Hermann Lübbe beschrieb das Pardonieren als „kommunikatives Beschweigen“.

Auf seine Weise kam Heinrich auf den gleichen Punkt wie mein Vater. Es ging um das Machbare sowie um das kleinere Übel. Auf keinen Fall durfte das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden.

Heinrich errichtete Pyramiden der Belesenheit, um nach dem Richtfest ein Aushilfswissen als Quintessenz nachzureichen. Natürlich war das Iris zu wenig. Sie wollte die Revolution zu ihrer persönlichen Unterhaltung. Gleichzeitig wollte sie das bürgerliche Programm.

Die Schwäche der Arbeiterbewegung aus dem Geist der Solidarität zeigte sich noch, als NS-Geschädigte wie Kurt Schumacher Faschisten die Türen aufhalten ließen, wenn sie nur das Recht auf einen politischen Irrtum beanspruchten. Die Wiederbewaffnung stand an. Man brauchte Offiziere zum Aufbau der Bundeswehr. Daraus ergaben sich Ehrenerklärungen und Präzedenzfälle, die eine weitere Verfolgung Ehemaliger (der Funktionseliten) absurd und ungerecht erscheinen ließ.

Ihnen nicht das Feld zu überlassen, war Grund genug für alles. Die SPD zerriss sich zwischen der Reaktion und den links von der Partei Rumorenden in schmale Streifen.

Der Nationalsozialismus war eine Anhaftung der bundesrepublikanischen Demokratie. Wie Staub lag er auf seinen eigenen Artefakten. In ungeschriebenen Gesetzen wurde der Umgang mit Faschisten, die nicht offen auftraten, geregelt. Der Nationalsozialismus hatte in der Meinungsfreiheit einen großen Hafen. Hauptsache, er hielt sich bedeckt.

14:15 14.03.2019
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