Räder des Eigensinns

Literatur Tsitsi Dangarembgas Romandebüt „Aufbrechen“ wurde 2018 von der BBC in die Liste der 100 Bücher aufgenommen, die die Welt verändert haben.
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„Aufbrechen“ - Der deutsche Titel hat wenigstens zwei Konnotationen. Sein Signalcharakter weist verheißungsvoll in eine Richtung, die im Original deutlich behutsamer angesteuert wird. „Nervous Conditions“ beschreibt die Verfassung, in der Tsitsi Dangarembgas Heldin Tambu paternalistische Verhältnisse auf dem Bildungspfad überwindet.

Eingebetteter Medieninhalt

"The title, 'Nervous Conditions', comes from a statement Dangarembga uses as the prologue to her novel - 'The condition of native is a nervous condition' - taken from the [Jean-Paul Sartre's] introduction to Frantz Fanon's 'The Wretched of the Earth' (1963), in which he wrote about the psychosocial effects of colonization."

Source: African Authors

Räder des Eigensinns

Die Mutter rät zur selbstzerfleischenden Pflichterfüllung. Gleichzeitig stellt sie fest:

„In unserer Zeit ist es am schlimmsten; einerseits das Elend, eine Schwarze zu sein, andererseits die Bürde eine Frau zu sein.“

Tambu begreift ihr Schicksal zunächst fatalistisch. Auf strukturelle Ungerechtigkeiten in einer patriarchalen Ordnung reagiert sie mit biegsamem Vorwitz. Tambu schlägt Räder des Eigensinns, ohne die Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen. Sie wundert sich über den Unterwerfungsübermut ihrer Schwester, die dem Bruder gern gehorcht und sich auf ihre Folgsamkeit einen schönen Reim macht.

Tsitsi Dangarembga, „Aufbrechen“, Roman, auf Deutsch von Ilija Trojanow, Orlanda Verlag, 263 Seiten, 22,-

Der Bruder spielt bis zu seinem frühen Tod eine andere Rolle. Man zwingt Nhamo in eine Bildungskonkurrenz von olympischen Ausmaßen. Sein Onkel Babamukuru agiert in der ländlichen Einheit, die den ersten Romanschauplatz abgibt, als Präsident. Kommt er zu Besuch, stirbt ein Hahn zu Ehren des hohen Herrn. Babamukuru kann auf ein Studium in England verweisen. Der internationale Radius stellt ihn turmhoch über das dörfliche Fußvolk. Nun soll der Neffe in seine Fußstapfen treten, während an Tambu nicht nur die Feldarbeit hängenbleibt.

Mit einem kleinen Trotz, der viel zu sagen hat, ermächtigt sich Tambu im Kulturkampf. Weil das Schulgeld für sie nicht von den Eltern aufgebracht wird, will sie auf eigene Rechnung ein Feld bestellen.

Die Geschichte beginnt in der Gegend von Mutare, einer Stadt in Simbabwe, die in der Handlungsgegenwart (Ende der Sechzigerjahre) noch Umtali heißt.

Unter Babamukurus Schirmherrschaft avanciert Tambu zum Zögling in einer Missionsschule. (Babamukuru ist nicht nur salbungsvoll, mysteriös großzügig und hyperpädagogisch.) Ihr Schlafzimmer teilt Tambu mit einer Cousine. Nyasha und Tambu verbünden sich in Freundschaft. Die Tochter versucht dem Schatten zu entkommen, den ihr Vater wirft.

„Die Weißen auf der (Missionsstation) waren außergewöhnliche Weiße, (wahre) Heilige … sie waren nicht gekommen, um zu nehmen, sondern um zu geben.“

Zügig werden die Zöglinge ihren Traditionen entfremdet und in Schablonen gepresst, die sie für Scharnierfunktionen formen. Dies geschieht in einer postkolonialen Gesellschaft. Dangarembga zählt die Verlockungen auf, die ein inneres Überlaufen im Verein mit Schuldgefühlen bewirken.

Tambu und Nyasha bereiten sich auf das Abschlussexamen vor, angetrieben von der Aussicht auf ein Stipendium, das die Jahrgangsbeste erhält. Die Cousinen geraten in eine Auseinandersetzung über den Verlust ihrer African-ness als Folge der Bereitschaft, letztlich weißen Anforderungen mit Übererfüllungseifer zu genügen. Die Gleichsetzung von schulischem Erfolg und Entfremdung löst Dangarembga wieder auf. Sie klärt auf der Torlinie, indem sie dem fatalistischen Anfang ein optimistisches Fazit liefert. Daran lässt die Autorin keinen Zweifel: Der größte Killer der African-ness ist Armut, und der größte Killer der Armut ist Bildung.

11:39 11.02.2020
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