Randständige Merkwürdigkeit

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Viini nötigt die Mühsamen und Beladenen von Kaltental und Umgebung „Blues For Narada“ zu hören.

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Paradies ist nur ein anderes Wort für Zaun. Die Kolonisation der Florhainer Aue erfolgte aus wilder Wurzel. Keine Bäuerinnenhand hatte sich da je gerührt und kein Kult seinen Schauplatz gefunden, bis im 12. Jahrhundert der erste Graben gezogen und auf der Oede ein Garten angelegt wurde. Gorod (Stadt) und Garten haben denselben Wortstamm. Der eingeschlossene Raum definiert beide. Ein verschlossener Garten ist ein Pleonasmus. Gründe für die zweitausendjährige Vernachlässigung eines Gebiets in nächster Nähe des Umschlag- und Verarbeitungsplatzes Kaltental lassen sich nicht erkennen. Vor Kaltental unterbrach die Eder einen Handelsweg von Nürnberg nach Leipzig. In Kaltental führt die Nürnberger Straße bis heute zum Leipziger Tor. Eine Tafel erinnert an die Funktion des Durchgangs in dem 1743 geschliffenen Ringwall.

Unsere randständigste Merkwürdigkeiten ist die in der Mauer eingelassene und darüber hinausragende „Bembel-Kerbe“, eine seit hundert Jahren in Funktion gehaltene Kerbkneipe. Die einen sagen Spelunke, die anderen Heilanstalt. Viini, die den Laden seit dreißig Jahren schmeißt, unterscheidet zwischen Säufer:innen, Patient:innen und der buckligen Verwandtschaft. Den Begriff der Familie fasst sie so weit, dass sich sogar Blutbad-Bernd angenommen fühlen darf. Der Alsfelder kriegt kaum Luft und raucht an gegen die Atemnot. Den Tipp hat er von Che Guevara. Viini nötigt die Mühsamen und Beladenen von Kaltenbach und Umgebung „Blues for Narada“ zu hören. Manchmal beschimpft sie Protestant:innen als Luthersäue, beinah hätte ich vergessen, das zu erwähnen. Ihre Tochter Veera wohnt immer noch bei ihr. Sie arbeitet auch in der „Kerbe“.

Heute unterstützt meine Lieblingskellnerin die Vollblutwirtin Viini.

Ich bitte die Florhainer-Toni um Kaffee, Viini kommt ihr zuvor, sie serviert mit Untertasse.

„Willst du einen Keks dazu?“ fragt sie, als sei ich ein Fremder in ihrem Universum. Wir Eingeschweißten hassen Untertassen, wir essen keine Gästekekse.

„Ist alles in Ordnung?“ frage ich.

„Mann oder Maus?“ fragt Viini eisig zurück. Eine aufgegebene Variante lautet „Furnier oder Vollholz?“.

Viini lässt gerade die Regierungschefin raushängen. Ich verstehe ihre Bemerkung als tadelnde Anspielung auf meine Trennung von Jüzim, die Viini zu ihren Nenntöchtern zählt. Das geht mir zu weit. Ich verziehe mich in die Rumpelbude in der Tulpenstraße. Ich kenne wieder alle Thekengesichter, mir scheint, seit hundert Jahren. Da ist der Pudelbesitzer, der sein Berufsleben bei der Post verbracht hat, der zwanghaft unvernünftige Thalamusinfarktpatient und noch mehr semisolide Persönlichkeiten, so wie der mit Ringen unter den Augen in Bulgarien zur Welt gekommene Zauberer, der in Willards vegane Schuhsohlenmanufaktur die Abfälle zusammenkehrt. Auch unser Däniken für Headbanger:innen ist am Start. Er hat schon Aliens auf dem Kaltentaler Marktplatz in ihren Cellophaniglus beobachtet.

Ich setze mich zu Beltrán Dekker, dem interessantesten Vogel in diesem Bauer. Einer seiner Vorfahren war dabei, als Texas aus der Taufe gehoben wurde. Der aus Kaltental an der Eder gebürtige Hermann Decker aka Herman Dekker war ein Akteur der absoluten Lone Star-Ära. Er gehörte zu den Kolonist:innen, die 1823 mit dem Missouri-Mann Stephen Fuller AustinSan Felipe de Austín gründeten. Einer seiner Urenkel besuchte junggesellig die Heimat des Ahnen. Beim Erntedankumzug lernte er eine Verwandte aus dem Klan der Zurückgebliebenen kennen. Eisa Decker hieß jene örtliche Schönheit, wegen der Arminio Dekker in Kaltental Fuß fasste. Der deutsche Ursprung war in der mexikanischen Mehrheitsgesellschaft beinah untergegangen, bevor er sich in Westhessen wieder hervortat, wenn auch mit der bizarren Besonderheit, dass die ungeheure engstirnigen, von Weltläufigkeit weit entfernten Dekkers ihren Nachkommen spanische Vornamen bis auf den heutigen Tag verpassen. Man sieht Beltrán immer noch an, dass sich neben Mexikaner:innen Angehörige der First Nation of America auf ihn ausgewirkt haben.

17:59 25.11.2021
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