Recherche im Taxi

Assaf Gavron Ulrich Gutmair (taz) fragt nach Gavrons Taxischein. Der Schriftsteller gibt zu, selbst nie dem Klischee vom Taxi fahrenden Autor entsprochen zu haben.
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Assaf Gavron und Ulrich Gutmair (taz) im Berliner Jüdischen Museum

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Seine zweite Tochter wurde 2010 in Berlin geboren. Damals war Assaf Gavron als DAAD-Stipendiat in Deutschland. Der Sprachunterricht schlug beim Vater nicht an, aber die Tochter sagt heute noch Spielplatz statt Playground. Der israelische Autor erzählt aus den Kinderzimmern seines Haushalts in einer Manier zwischen Schwank und Schnurre im Berliner Jüdischen Museum. Die Alltagsschote stiftet einen sozialen Mehrwert. Mindestens zwei Kinder – also nicht nur Schriftsteller in der Klapsmühle der Egomanie.

Gavron stellt seinen aktuellen Roman „Achtzehn Hiebe“ vor.

Assaf Gavron, „Achtzehn Hiebe“, aus dem Hebräischen von Barbara Linner, Luchterhand, 416 Seiten, 22 ,-

In einer Szene treffen Jüdinnen britische Soldaten. Sie „träumen von einem zivilisierten, kultivierten Land jenseits des Meeres. Die Unseren sind Grobiane - aber die Briten, welche Gentlemen! Eddie erzählt von seinem Dorf in Irland, vom Regen, von den Seen und Wäldern.“

Mir kommt die Szene in den Sinn, weil Gavron im Gespräch mit Ulrich Gutmair (taz) eine Lanze für die britische Mandatsmacht in der ewig osmanischen Provinz Palästina bricht. Er kratzt am israelischen Gründungsmythos. Das fiel mir beim Lesen nicht auf, jetzt wird es vom Publikum kommentiert. Gavron selbst habe einen englischen Hintergrund – eine biografisch gedopte Affinität.

„The British gave us all to build up a modern state.“

Gavrons Held ist der Taxifahrer Eitan Einoch. Er unterhält seine Kundschaft mit historischen Räuberpistolen. Er unterrichtet die Geschichte von Tel Aviv. Er schwitzt und friert in der Aura einer glorreichen Vergangenheit. Eitan war mal wer als Überlebender von drei Attentaten vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden. Das war kurz israelischer Rekord.

Der Mitvierziger hält sich in einem Boxkeller fit. Die von ihm geschiedene Mutter seiner Tochter Noga nimmt manchmal noch mit dem Ex vorlieb. Die Mutter einer Freundin von Noga zeigt außerdem Interesse.

Gutmair fragt nach Gavrons Taxischein. Der Schriftsteller gibt zu, selbst nie dem Klischee vom Taxi fahrenden Autor entsprochen zu haben. Als stummer Zeuge studierte er den Betrieb auf einer Rückbank. Gavron kapitalisierte den anekdotischen Schaum „echter Weisheiten“. Als Taxifahrer lernt man Menschen kennen.

Eitan wird zum Vertrauten einer Veteranin der israelischen Staatsentstehungsära. Lotta Perl erinnert in der Gegenwart des Fahrers ein erotisches Erdbeben vor Jahrzehnten. Damals trug ihr Geliebter die Uniform der britischen Armee. Sie wies ihn als Gegner der jüdischen Milizen aus, obwohl er selbst Jude war. Die Partisanen wehrten sich auch gegen eine spezielle Erniedrigung im Sanktionsrepertoire der Mandatsmacht – eine mit achtzehn Hieben auf den Hintern vollendete Prügelstrafe. Dieses Leibgericht wurde zum Titel.

Achtzehn ist der Zahlenwert des hebräischen Worts für Leben. Ein Gebet der jüdischen Liturgie ist das Achtzehn Bitten Gebet. Achtzehn Taxis besitzt Eitans Kollege Morris. Achtzehn Jahre Gefängnis erwarteten einen minderjährigen Attentäter zu der Zeit, als auf Menachem Begin ein Kopfgeld ausgesetzt war, und Jizchak Schamir sich zu Ehren eines irischen Freiheitskämpfers Michael Collins nannte. Schamir, der 1983 Ministerpräsident wurde, engagierte sich gegen Großbritannien als Chef einer Irgun Sezession – der Stern Gang (Lechi).

Wikipedia sagt: „Lechi (Kämpfer für die Freiheit Israels) war eine radikal-zionistische, paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina während des britischen Mandats. Die Briten bezeichneten sie nach ihrem Gründer Avraham Stern als Stern Gang.“

Gavron erzählt im Museum von einer englischen Tante, die für seine Heldin Modell stand. Das Verschwinden der greisen Perl veranlasst Einoch zu Ermittlungen. Sie führen ihn aus dem amtierenden Jetzt und schließen ihn an den Puls von 1946. Der künftige Staat Israel gewinnt seine Konturen in der Erkenntnis, dass Juden nirgendwo auf der Welt sicher sind. Sie brauchen einen eigenen Staat. Im Gründungsfuror fliegen die Fetzen. Freischärler ergreifen Soldaten und revanchieren sich im Auge-um-Auge-Modus für Demütigungen. Die ominösen achtzehn Hiebe erleidet auch Eddie O‘Leary. Sein Hintern verrät den Peinigern nicht, dass sie einen Juden verdreschen.

Gavron nähert sich auf den Irrwegen der Liebe einem Horizont der weiten Betrachtung. Er untergräbt den patriotischen Indoktrinationstext, mit dem Kinder in Israel die richtige Heldenverehrung lernen.

07:35 29.07.2018
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