Rechtspopulistischer Sirenengesang

Populismus „Das öffentliche Nachdenken über die Demokratie in Zeiten des Populismus vollzieht sich nun überwiegend im Modus der vorgezogenen Grabrede.“
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Es sind nicht die Abgehängten - Der Politikwissenschaftler Philip Manow erklärt in seiner „Politischen Ökonomie des Populismus“, warum sich die Erfolge rechter und linker Populisten mit gesellschaftlichen Regressionen nicht erklären lassen. Die Modernisierungsverlierer und andere Opfer neoliberalistischer Verschärfungen bleiben nämlich auch im Meinungskampf auf der Strecke.

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Mittlerweile ist auch das ein Allgemeinplatz. Nicht die Abgehängten und Versprengten erliegen den rechtspopulistischen Sirenengesängen, sondern vom Schwindel der Abstiegsangst und dem Grauen einer paranoiden Vorausschau erfasste Mittelständler. Die Statusträger glibberten aus liberalen Gussformen, während die Arbeiter von Reims zu Renegaten des linken Katechismus wurden. Das alles ist gut dokumentiert, die diskursiven Regressionen sind voller Absichten. Darauf weist Philip Manow in seiner Analyse hin.

Philip Manow, „Die Politische Ökonomie des Populismus“, Suhrkamp, 177 Seiten, 16,-

„Das öffentliche Nachdenken über die Demokratie in Zeiten des Populismus vollzieht sich nun überwiegend im Modus der vorgezogenen Grabrede“, stellt der Politikwissenschaftler fest.

„Die Lager versorgen sich mit starken Gefühlen.“

Zweifellos besteht die beinah wichtigste Funktion rechter Lagerfeuer darin, der Amorphisierung von Identitätsfiguren entgegen zu brennen. Da zeigt sich ein Irrationalismus, der die Debatte bestimmt.

„Die Welt füllt sich ständig mit Gebilden, die gut überleben können, und wird von denen befreit, die dazu nicht in der Lage sind“, sagt Richard Dawkins. Gesellschaften sind Trägergemeinschaften von Informationen. Sie überleben nur, solange sie die Kraft zur Veränderung aufbringen. Im Interim des Überlebens ist Diversität die einzige Konstante. Diese unabweisbare Einsicht führt zu dem rechten Phantasma, man müsse sich dahin begeben und da auftrumpfen und den Sack zumachen, wo sich die geringste Unterschiedlichkeit und folglich auch der schwächste Informationsfluss beobachten lässt. Im Oxytocinrausch der Homogenität (als völkisches Imago) erscheint die Vorstellung reizvoll, unsere Westbindung aufzugeben und sich in einer Festung Osteuropa einzuigeln. In dem groß geträumten Selbstversorgerkitsch lebt die nationalsozialistische Idee vom Lebensraum im Osten wieder auf.

Manow interessiert der von Vielen gefühlte #Abstieg nicht. Er beschreibt den Erfolg rechter und linker Populisten als Folge objektiv bestimmbarer Faktoren. Er stellt fest, dass im exportschwachen Südeuropa linke Populisten größere Anerkennung erfahren als in Nordeuropa, wo die Exportweltmeister und ihre Rivalen vor allem sozialstaatliche Errungenschaften bedroht sehen und einen Kampf um Vorrechte austragen. In Süd- und Osteuropa geht es vielmehr um die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.



Philip Manow, „Die Politische Ökonomie des Populismus“, Suhrkamp, 177 Seiten, 16,-

12:57 03.01.2019
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