Reflexives Vorgehen

Uwe Johnson/Jahrestage Ich lese Maja Göpels „Unsere Welt neu denken“ und Uwe Johnsons „Jahrestage“ neben anderen Büchern wie in einem Atemzug.
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Marion Janet möchte keine weiblichen Personalpronomen auf sich angewandt wissen. Dabei wirkt keine Alternative neutralisierend. Generalisierende Personalpronomen führen das Männliche an. Marion Janet bevorzuge das Allgemeinste und geschlechtlich Unspezifische, heißt es zu meiner Information. Mich erinnert die Unterweisung an Zeiten, als man von Pressedamen dezent in der richtigen Ansprache Königlicher Hoheiten und geringerer Aristokratinnen geschult wurde. Es gab Fälle im Kollegenkreis. Ominöse Diaristen, die sich vom Adel erotisch herausgefordert fühlten, gern in Kombination mit einem Zofenfimmel.

Ich lese Maja Göpels „Unsere Welt neu denken“ und Uwe Johnsons „Jahrestage“ neben anderen Büchern wie in einem Atemzug. Ich atme fremden Text ein und eigenen Text aus, mit der Idee, in hundert Jahren nicht müde zu werden. Das Kleid knistert, in dem Gesine Cresspahl eine gute Figur macht, während sie in einem New Yorker Coffee Shop die beste Zeitung der Welt liest. Am 16. November 1967 findet der amerikanische Oberbefehlshaber die vietnamesische Lage „sehr ermutigend“. In informierten Kreisen zweifelt niemand daran, dass die Nordvietnamesen an einer Deeskalation kein Interesse haben. Sie erscheinen zwar als (mit amerikanischer Hochtechnologie in die Steinzeit geprügelte) Verlierer, in Wahrheit, so sagt es der Außenminister, erlauben sie aber gar keine Entspannung. Vielmehr erbitten die vermeintlichen Verlierervietnamesen immer neue zerstörerische Sendungen, um sich dann vor der Weltpresse gelassen zu zeigen – nicht bramarbasierend unbeeindruckt, sondern irritierend entspannt.

Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit.

Sie wollen, dass die Vereinigten Staaten ihr Engagement unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten neu bedenken und in der Unterstützung eines korrupten Regimes bald keinen Nutzen mehr erkennen.

Entweder lächeln sie wie Auferstandene in die Kameras; oder sie zeigen, was der Feind angerichtet hat. Sie wissen, wie lächerlich es in den Ohren der Welt klingt, wenn der US-Präsident sagt: Sie lassen uns nicht aufhören, sie zu bombardieren.

Uwe Johnson hat ein besonders gutes Gehör für Zwischentöne. Er fischt im und filtert aus dem Trüben der staatlichen Lüge als einem politischen Mittel. In einer desaströsen Lage nutzt mitunter auch die Wahrheit nichts (mehr).

Göpel erzählt von ihrem Heimatdorf „in der Nähe von Bielefeld“. Sie wuchs in einem restaurierten Bauernhaus auf. Mehr muss man nicht wissen, um die Boomer vor sich zu haben, die ins Zeugungsgeschehen involviert waren. Das waren wir. Göpel besuchte „eine neu gegründete Reformschule, in der es statt Zensuren nur sogenannte Berichte zum Lernvorgang gab“.

Gesine liest einen Artikel, der dem Mafiageschehen in Catanzaro gewidmet ist. Die Angeklagten erscheinen in einem dreiundzwanzig Meter langen Käfig. Catanzaro ist der Sitz einer Erzdiözese.

Gleich mehr.

08:39 30.06.2020
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