Reformistischer Furor

Indiana In Schweden stand auf Katholizismus lange die Todesstrafe.
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Amy's Riverside Grill in Winslow, Indiana

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Ob ich mir vorstellen könne, mich ihm in einer Nonnentracht zu präsentieren. Anch sagt das richtige Wort für Nonnentracht, er ist katholisch aufgewachsen. Ein katholischer US-Schwede. Ich wusste überhaupt nicht, dass es das gibt, bis mir Anch seine Religion an einem Nachmittag mit Spießbraten, die Sonne brannte Löcher in den Lehm, das Bier floss in Strömen, auf dem Hof von Calvin Minister im DeKalb County (De Kalb war ein deutscher General der amerikanischen Revolution) auseinandersetzte.

„Die römisch-katholische Kirche in Schweden ist in der Diaspora und umfasst nur einen kleinen Teil der Bevölkerung.“ Wikipedia

In Schweden stand auf Katholizismus lange die Todesstrafe. So ein tolerantes Land, so hell und harmlos und sozialstaatlich vorbildlich, denke ich auf dem Hochseil meines Katalogwissens, froh darüber, dass Anch im Haus die Fliegenfenster eingesetzt hat. Alle Fensterbänke sind Insektenfriedhöfe. Doch so viel Leim, um neben dem Komposthaufen fliegenfrei wohnen zu können, gibt es nicht.

Anchs Vorfahren sind dem reformistischen Furor ihrer Landsleute in die Freiheit von Amerika entgangen. Sie haben in einer protestantisch dominierten Gegend von Indiana eine Gemeinschaft gegründet, die auf der letzten Schwundstufe noch besteht; am Leben erhalten von Greisinnen. Manchmal besuchen wir Anchs Mutter, auch sie ist eine letzte Mohikanerin des Katholizismus in den Jagdgründen ihres Landkreises.

Anchs Abstammung zeigt der Namen nicht mehr an, aber der ganze Mann sieht verdammt noch mal so aus wie Erik der Rote in meiner Phantasie. Auf die hat kein Erzähler eingewirkt. Meine Vorstellungen von einem Skandinavier haben keine verlässliche Quelle.

„Wo willst du die Tracht hernehmen?“

„In Fort Wayne gibt es einen Kostümverleih.“

Fort Wayne ist zweihundertsechzig Meilen weit weg.

„Wenn es das ist, was dich weiterbringt.“

Ich spiele die Gleichgültige.

Ich will nicht, dass Anch kapiert, wie mir zumute ist. Die Wahrheit würde ihn untergraben. Er ist nie aus Indiana hinausgekommen und nur einmal umgezogen: von daheim nach Winslow. Ja, ich rede von Winslow am Patoka Lake. Anch blieb da hängen, weil mein Onkel Gordon Ibrahim Miller in ihm den Richtigen erkannte. Den Richtigen zur Übernahme seiner Werkstatt für Landmaschinen. Oheim Miller wollte, dass der Laden genauso flott weiterlief wie er ihn selbst geführt hatte. Er bewies sein gutes Auge bei der Wahl von Anch.

Unsere Bauern lieben Anch. Manchmal zuckelt er als Vergnügungsreisender durch die Gegend und klappert Kunden ab, die ihn im großen Stil auf ihren holländischen Höfen bewirten; sich gegenseitig in oft geschwisterlichen oder schwägerlichen Konkurrenzen überbietend.

Natürlich lässt sich unterdessen stets noch etwas nebenbei erledigen, einsetzen, abdecken, schweißen und austauschen. Für Arbeit darf man sich bei den Buren im Bibelgürtel nie zu schade sein.

05:30 09.07.2019
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