Refugiés einer anderen Zeit

Meine Urgroßtanten lebten in Waldenserkolonien, die Corres, Serres und Pinache heißen.
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Was zuvor geschah

Wieder einmal muss ich ausholen, um zu erklären, warum mich Clarice Lispectors kleine Prosa so anzieht (Siehe etwa "Nebulöser Nebukadnezar"). Die meisten ihrer Akteurinnen sind versprengte, manchmal fast schon geächtete Frauen, die jederzeit auch unglücklicher sein könnten. Doch finden sie, jede für sich, einen Dreh ins Positive. Ich denke dabei an meine vielen Urgroßtanten. Meine Oma sagte im hohen Alter von siebzig Jahren noch Tante zu einem Schock schwäbischer Provinzpietistinnen. Manche überlebten ihre Männer um ein halbes Jahrhundert. Die Männer waren im Krieg geblieben, wie ihre Witwen sagten. Sie waren nicht mehr heimgekehrt. Ich sag jetzt nicht gottlob. Aber es gab diese Tendenz. Allein froh zu sein. Das heißt, allein waren meine Urgroßtanten nicht. Sie waren einander Schwestern, Tanten, Nichten mit einer Entschlossenheit, die ich bei heutigen Feministinnen vermisse.

So geht es weiter

Refugiés einer anderen Zeit

Sie lebten in Waldenserkolonien, die Corres, Serres und Pinache heißen. Unsere Vorfahren waren Refugiés einer anderen Zeit gewesen. Alle wohnten im Eigentum und besaßen schmale Streifen eines Maulbronner Weinbergs, der vor langer Zeit aufgeteilt worden war und von einem familienfremden Winzer bewirtschaftet wurde. Ich war oft und gern im Wingert, wo die allerknotigsten und -urigsten Typen ein stadtabgewandt-maulfaules Leben führten. Sie beherrschten Kartentricks, Knotentechniken und jene kleinen Messersachen, die daran erinnerten, dass man durch die Jahrhunderte für seine Sicherheit selbst zu sorgen hatte, zumindest als halbverrückter Knecht, den es in den Nächten von Freitag auf Samstag auf die Landstraße zog. Er frequentierte ein paar Schankgelegenheiten, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr kennt. Stallbudiken. Nicht konzessionierte Küchenkneipen, deren Wirtinnen den sozialen Kosmos der Habenichts beherrschten.

Sie waren mittelos in einer Gegend, in der kein Rechtschaffender zur Miete wohnte.

Die Häuser meiner Urgroßtanten sahen alle gleich aus. Sie waren schmal, dunkel und mineralisch-kalt. Man betrat sie grundsätzlich von hinten, nach einer Durchquerung des Küchengartens. Man kam zuerst in die Küche, dem entscheidenden Raum. Die Häuser moderten. Aber über oder unter dem Schwammgestank lag der Geruch von Kaffee. Echter Bohnenkaffee war ein Fetisch im Kreis der unbemannten Kittelschürzen. Übrigens trugen diese Frauen gern Strümpfe, die bis zu den Schenkeln reichten. Die gute Beinhaftung war ein Thema. Im Weiteren besprach man Eigentumsverhältnisse vor Ort. Dem ungeheuren, meinetwegen auch bigotten Materialismus zum Trotz, bestimmte unverbrüchliche Frauensolidarität den Kurs des Alltags. Meine Urgroßtanten wollten ihre Erwins und Wilhelms nicht zurückhaben. Ich wüsste das nicht, wäre es nicht besprochen worden. Nicht wenige waren ihre Männer lästig gewesen. Ich lernte, ein guter Mann ist einer, der nicht zu lange am Leben bleibt und seine auf hundert Erdenjahre geeichte Witwe gut versorgt zurücklässt. Auf dem Sterbebett sagte sie dann gnädig:

„Ich geh jetzt zu meinem Erwin wahlweise Emil oder Wilhelm.

07:55 23.12.2020
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