Reif für eine neue SPD

SPD Heidi riet zur SPD. Sie antizipierte den temporären Niedergang der Volkspartei, den Aufstieg der NGO’s und wusste sogar, was danach kommen würde. Die Rückkehr zu ...
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Das Dorf war fast ausgestorben. Ein paar Uralte saßen vor einer neorealistisch-tristen Bushaltestelle, aber in den zwei Wochen meines Aufenthalts sah ich nie ein öffentliches Verkehrsfahrzeug. Ab und zu bretterte ein Pritschenwagen durch und einmal am Tag hielt ein Tankzug, der die Letzten mit Wasser versorgte.

Im Zuge der Entvölkerung hatte das Dorf seinen Mittelpunkt verloren. Der Schauplatz finaler Gemeinschaftsereignisse war eine Wiese am Rand gewesen, auf der noch Bänke und Tische verrotteten.

In einer zugespitzten Darstellung überragte das Dorf eine Felsnase, hoch über dem Ligurischen Meer. Das Blau des Himmels spiegelte sich mit phantastischen Effekten. Manchmal war die Horizontlinie schwarz, manchmal grün.

Die Natur drückte gegen jedes Haus. Sie brach aus dem Asphalt und zerbrach die Plattenwege. Bougainvillea und Orchideen überrannten Terrassen, die Jahrhunderte einen landwirtschaftlichen Nutzen gehabt hatten. Olivenhaine säumten zerfallene Bruch- und Natursteinwerke. Nachts weideten Wildschweine in den Hainen. Sie verstärkten das Gefühl von Bedrohung. Auch unter dem Dach meiner Unterkunft tobte nachts das Leben – eine einzige Jagd.

Rückblende I

Ich hörte von Lady Dianas Unfalltod, als ich den Lago Maggiore links liegen ließ. Die Nachricht erschien mir so unglaublich, dass ich mich in der Vorstellung verlor, der Sender sei von Informationspiraten gekapert worden. In der Gegend von Mailand las ich Heidi auf. In einem Gasthof im Piemont gerieten wir in eine geschlossene Gesellschaft, ohne es zu merken. Erst als ich zahlen wollte und der Kellner freundlich abwinkte, erkannte ich, dass uns Unachtsamkeit zu Gästen eines großzügigen Patrons gemacht hatte. Ich grüßte in die Richtung eines runden Tisches. Ein Mann erhob sich und erwiderte graziös den Gruß. Ich floh vor der Grandezza, in der eine ganze Operette steckte.

Heidi und ich besprachen die Geste. Wir fanden darin neben der Schönheit auch die Musikalität Italiens. Heidis Empfänglichkeit für Spinnereien zog mich an.

Heidi war eine Schweizerin aus dem Berner Land, lebte aber schon zwanzig Jahre auf dem ligurischen Berg. Die Leute da hatten sie lange mit dem Heidi-Filmklischee aufgezogen und das Titellied hinter ihr her gesungen. Allen war klar gewesen, dass Heidi bleiben würde, auch wenn sie sich absetzen und das Dorf im Rahmen einer höheren Ordnung, die Zukunft verhieß, aufgeben mussten.

Das Dorf besaß jede Menge Vergangenheit. In gewisser Weise war Heidi allein mit der Vergangenheit des Dorfes zurückgeblieben. Sie verwaltete drei notdürftig in Schuss gehaltene Ferienhäuser. Das war eine Frankfurter Angelegenheit mit Geheimtippcharakter. Ganz klar keine Sache für Jedermann.

Rückblende II

Ich wollte über Heidi schreiben, Urlaub war Zeitverschwendung. Das Weitere ergab sich aus Terminplänen. Am Tag meiner Anreise würde Heide in der Nähe von Mailand sein, aber du kannst mich doch einsammeln. Liegt hundertprozentig auf deiner Strecke.

So unkompliziert/war es nicht. Heidi hatte mich gleich mal vorab hinters Licht geführt. Meine saure Miene amüsierte sie. Offensichtlich kannte sie sich mit Not- und Spontanlösungen aus. Heidi fand den Dreh, mich wieder locker werden zu lassen. Sie gewann mich mit einem Zitat von Stuart Hall: „Dass die tiefste kulturelle Revolution durch den Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation ausgelöst wurde – in der Kunst, der Malerei, der Literatur, überall in den modernen Künsten, in der Politik und im sozialen Leben im allgemeinen. Unser Leben wurde durch den Kampf der Marginalisierten um Repräsentation verändert.“

Darin steckt die Offenbarung meines Lebens. In der selbstermächtigten Repräsentanz.

Wie deklassiert man einen Deklassierten? Doch so, wie man einem nackten Mann in die Tasche greift. Sie können keinen umhauen, der am Boden liegt. Nehmen Sie den Bettler in der Einkaufspassage. Wie wollen Sie den Mann einschränken? Indem sie ihm den Pappbecher für die Münzen wegnehmen?

Sobald der Bettler sich als Künstler erkennt, macht er Sie fertig. Soweit war Heidi schon in den Neunzigern. In den italienischen Antipsychiatrieprogrammen begriff man Kunst als Arbeits- und Kampfmittel weit weg vom Geniebegriff. Heidi wollte die Obdachlosenzeitung magdalena 9 so attraktiv wie Andy Warhols Magazin machen und suchte Partner für das Projekt.

Ich fing an am Steuer mit offenen Augen von Kooperationen und Kollaborationen mit Heidi zu träumen. Ich sah mich in Italien glücklicher als Bernward Vesper.

Wir kamen auf Heides Berg, zuerst fielen mir Trockenmauerkuppelbauten wie in Istrien auf. Sie dienten Hirten zum Unterschlupf. Miniaturausgaben standen zwischen Ruinen. Sie widerstanden dem Verfall.

In Heidis Garten wuchsen Feigen. Klapprige Campingmöbel aus Kollektionen der 1970er Jahre deuteten Verwahrlosung an. In der Spätzeit, als der Preisgabe und dem Niedergang des Dorfes noch Widerstand entgegengebracht worden war, gehörte das Dorf zu den bevorzugten Zielen halbetablierter Frankfurter Ex-Spontis. Sie waren lange mit dem Wind gewesen und teilten die Erfahrung, dass der Rahm von der alternativen Milch abgeschöpft war. Ehemalige Kollektivisten gingen in der Vereinzelung seltsame Wege. Sie wollten koalieren, aber kollidierten und kollabierten nur noch. Für ihre Verkehrsformen gab es keinen Raum mehr. Heidi riet zur SPD. Sie antizipierte den temporären Niedergang der Volkspartei, den Aufstieg der NGO’s und wusste sogar, was danach kommen würde. Die Rückkehr zu einer förmlichen Politik.

11:10 11.02.2019
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