Reihenhausgemütlichkeit

Boronicë Čarnica erlebte das alte Westdeutschland in den 1970er Jahren. Zu ihrem BRD-Gefühl gehörte die Rote Armee Fraktion jeden Abend in den Nachrichten ...
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„Corona ist wie Masern auf Steroiden.“ Doktor Itai Pessach in einem FAZ-Interview, Quelle

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Some people think karate is in the mind, but if you don’t condition your body, it’s not karate.” Takara Shintoku

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Alles ist vielleicht nicht klar, nichts vielleicht erklärlich, und somit, was ist, wird, war, schlimmstenfalls entbehrlich. Christian Morgenstern

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Da sitzt sie, die (seit den Vernehmungen) taubengraue Frau Čarnica. Geradezu äquilibristisch bewahrt sie sich eine jugendliche Note und suggeriert das Nachbild einer selbstsüchtig Pubertierenden. (Sie simuliert die unbekümmerte Art der Nomenklatura-Nachkommen.) Der Moderatorin verrät sie ihre Schliche zum Abitur und zu einer Wehrdienstverweigerung in beinah Schwejk'scher Manier.

Boronicë Čarnicas vorgebliches Vergnügen an einer memorierten Hinterslichtführung der militärischen Administration von Borovnica entspricht aufs Haar dem falschen Schmunzeln, so wie es an der Akademie für Spionage gelehrt wird; in einem Land, wo schon vor zweihundert Jahren die Generalität komplett weiblich war. Das Auditorium begeistert sich gekünstelt. Niemand darf Boronicë Čarnica vor den Kopf stoßen. Als Rehabilitierte der Klasse C schuldet man ihr zwar nur schwachen Applaus, aber doch die Achtung der Gerechten.

Boronicë Čarnicas Mutter war eine im Taumel des letzten Putschs hingerichtete Lanumoana-Delegierte. Der Vater stammt aus einer großbürgerlichen Familie, wuchs mehrsprachig auf. Dieser Fanatikerin als Ehemann in die Hände gefallen zu sein, soll furchtbar für ihn gewesen sein.

Boronicë Čarnica erzählt das väterliche Unglück zu ihrer Rechtfertigung. Er braucht den Geruch einer Landschaft zwischen den Ohren, behauptet sie pathetisch. Die Tochter einer Geächteten kuschelt mit dem Sessel, in den sie von grob-fröhlichen Nabiu-Gardistinnen gepackt wurde.

Um an einer anderen Stelle fortzufahren. Boronicë Čarnica spricht auf dem Blubēri-Podium über Erica Jong.

“Ich habe immer die Macht genossen, die ich über Männer hatte. Einfach nur die Straße entlangzugehen und meinen mandolinenförmigen Hintern vor ihren Blicken zu wiegen und zu schwenken.” Erica Jong

Manche Leute machen es nicht unter la folie à deux. Manche Leute tun so, als würden sie es nicht darunter machen. Poet:innen der Straße nennen solche Kandidat:innen Hirnfreier:innen. Boronicë Čarnicas Ahabia-Lehrerin hielt Erica Jong für eine Qarajïdeka.

Angst vorm Fliegen erschien Mitte der Siebzigerjahre auf Deutsch. Jongs Debüt löste in Boronicë Čarnica ähnliche Empfindungen aus wie Illustriertengeschichten über Reiche auf Sylt, Summerhill, Marianne Bachmeiers Rache, die New Yorker Mafia und Uschi Obermaiers breit diskutierte Liebe zu Dieter Bockhorn.

So fühlte sich für Boronicë Čarnica das alte Westdeutschland an, wo ihre Mutter konpirativ stationiert war. Der Rest der Familie diente der Tarnung. Zu dem BRD-Gefühl gehörten der Stern am Donnerstag, die Rote Armee Fraktion jeden Abend in den Nachrichten, Wörter wie Kontaktsperre und Eduscho ... die Schwarten des Vaters, mit einem Wort, die Reihenhausgemütlichkeit.

Das war ein anderes Deutschland. Mit der Berliner Republik und der gehetzten Häme vieler Verkehrsteilnehmer:innen hatte das Land lediglich viel gemeinsam. Erica Jong schrieb so wie Siedlungskinder redeten. Trotzdem diktierte gesellschaftlicher Ehrgeiz den Text. Da war eine blendende Attitüde.

Die Autorin gestattete keinen Zweifel daran, dass sie mit dem erzählenden Ich namens Isadora Wing einigermaßen identisch ist. Vierzig Jahre später heißt die beste Freundin der Angst-vorm-Sterben-Heldin Isadora. Das aktuelle Ich kennt keine Flugangst. Vielmehr fühlt sich Vanessa Wonderman nirgendwo wohler als im Luftraum zwischen New York und Los Angeles. Im Gegenzug bedürfen ihre sexuellen Höhenflüge auf der anderen Seite des Geschehens pneumatischer Unterstützung. Viagra verstimmt den abgöttisch geliebten, gerade einmal zwanzig Jahre älteren, hoch vermögenden Gatten. Während Asher nur noch am Leben bleiben möchte, verlangt Vanessa von dem Greis Sex, um sich lebendig zu fühlen. (Als Mittel gegen die Angst vorm Sterben.) Sie betrügt den Hinfälligen mit einem Schauspieler von der Sorte, die als junge Männer James Bond spielen und danach andere Hauptrollen.

Der Debütantin wurde Militanz vorgeworfen, Kritiker brachten sie mit Women's Liberation in Verbindung, die Frauenbewegung stempelte Jong indes zur Fünften Kolonne des Patriarchats.

Boronicë Čarnica erinnert die Gemeinde an Esther Vilar. Männlichkeit galt endlich auch in der freien Welt als Sanierungsfall, in der prä-grünen Alternativbewegung wollte kaum noch einer Mann sein. Flüchtig war die Zeiterscheinung, als krasse Erica machte Jong Furore und Karriere im trauten Gleichschritt mit Isadora. Die New Yorker Dichterin fliegt mit Ehemann B. Wing zu einem Psychoanalytikerkongreß nach Wien. Dort verfällt sie vorüberreisend einem Adrian Goodlove, der nicht hält, was er verspricht.

Das ist schon der ganze Riemen, den Angst vorm Sterben mit Lasten der zweiten Lebenshälfte beschwert. Eine trocken-süchtige Tochter ist kompliziert schwanger, die Eltern sind sterbensalt. Vanessa kümmert sich effektiv um ihre Lieben, sie erholt sich in katastrophal ablaufenden Verabredungen mit auf Spontankopulationdotcom gedateten Sonderbotschaftern des Sex.

Boronicë Čarnica lächelt von oben herab. Auch die anderen Gäste zeigen ihre Erleichterung, dass gleich alles vorbei sein wird. Dann gibt es Chernika-Champagner für die letzten, die den Schuss noch nicht gehört haben. Als Tochter einer Verräterin eilt Boronicë Čarnica auf Gehorsamsschwingen allen voraus. Niemand kann sie einholen. Die Spezialistinnen erkennen den hohen Grad der Traumatisierung. Da hat sich eine selbst an Land gezogen, die schon für untergegangen gehalten worden war.

08:21 07.07.2021
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