Reines Erzählgold

Clarice Lispector Die Episoden folgen einander wie in einer elegant inszenierten Serie ... die Detailzeichnungen, die Säume und Bordüren sind reines Erzählgold.
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Er wusste nicht nur, wie es geht, sondern bekam es auch hin. Wieder stellt sich die Frage, was hebt einen aus dem Heer der Besten? Pablo Picasso, Paul Bocuse, Bruce Lee, Keith Kernspecht ... Am ersten Nachmittag eines neuen Jahres feiern wir die Geheimnisse der Einzigartigkeit.

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Eine Vorgeschichte

Die Gastgeberin sprach von sich selbst in der dritten Person. Sie nannte sich eine Beschenkte. Gerda fand das manieriert. Die meisten an der Tafel Zusammengekommene waren Hungerleider*innen von dem Schlag, der die dürftigste Geselligkeit als convivium feiert. Links neben Gerda saß Mathilde, die „unserer Wohltäterin“ eine bukolische Inklination unterstellte.

Das war alles so verblasen. Welche Rolle spielte es, dass Mathilde die Kochschule von Paul Bocuse absolviert hatte? Das Institut residierte in einem Zuckerbäckerschloss wenige Kilometer nördlich von Lyon. Die Gründerzeitgeschmacklosigkeit lieferte einer strengen Erziehung den Raum. Die zone culinaire durfte nur im Einweglaborkittel betreten werden. Die Haare mussten unter einer Duschhaube verborgen bleiben. Mathildes Ehrgeiz, tadellos in Erscheinung zu treten, wurde drei Jahre lang mit Füßen getreten. Das hatte die Köchin strapaziert. Sie schwieg neben Gerda so verstohlen wie eine ertappte Magd vor ihrer Herrin. Sie täuschte Freimütigkeit vor und verbarg ihre gesenkten Augen hinter einem blanken Blick. Gerda schob ihr Gesäß an die Grenze der Tuchfühlung. Eine irre Hitze stieg aus dem Spalt zwischen den Stühlen.

Wenn man bloß wüsste, wo die Schätze und wo die Minen liegen.

Wortlos bat Gerda ihre Nachbarin um Auskunft.

Zur Hauptgeschichte

„Und sie schwang die Hüften wie eine Sambatänzerin aus einem Armenviertel.“ Clarice Lispector

Ich weiß gerade gar nicht, wie ich auf die Vorgeschichte gekommen bin. Vielleicht entstand sie in Vorfreude auf eine weitere Geschichte von Clarice Lispector, mit deren Werk wir uns nun schon so lange beschäftigen.

Die Episoden folgen einander wie in einer elegant inszenierten Serie. Man verarbeitet keine großen Stoffe, das ist nicht Tolstoi, Dostojewski, Conrad oder Proust, aber die Detailzeichnungen, die Säume und Bordüren sind reines Erzählgold.

Maria ‚Cidinha‘ Aparecida, eine jungfräulich-ledige Englischlehrerin von geringer Herkunft und großem Fleiß, betritt die Arena „tadellose gekleidet“. Sagen wir, ein bisschen zu gut angezogen für ihre Verhältnisse erscheint die Person aus Minas Gerais, da sie sich anschickt nach Rio zu reisen.

Es ist kalt im Zug, das vermutlich gebuchte Abteil beinah leer. Halt, das ist gar kein Abteil, sondern ein Waggon, also ein Großraumwagen, in dem die einzige andere Passagierin bald eingeschlafen ist.

Maria will nicht bloß nach Rio, sondern weiter nach New York, um da ihr Englisch zu veredeln. Dem Fernziel nähert sie sich mit drei Koffern.

Nun hält der Zug zum ersten Mal, seit Maria zugestiegen ist. Zwei zwielichtige kaltäugige Zeitgenossen platzieren sich so, dass sie die Frau mit den Augen schamlos angehen können. Sie sprechen mit verhehlenden Absichten ihr Rotwelsch.

Atavistischer Sog/Mörderische Totalität

Lispector spricht von der „B-Sprache“. So heißt auch die Geschichte. Ich habe zur B-Sprache zwei Quellen aufgetan.

„Das Tool übersetzt einen eingegebenen Text in die geheime B-Sprache, die vor allem Kinder und Jugendliche nutzen. Die B-Sprache verdoppelt jeden Vokal oder jeden Doppellaut mit einem führenden b“. Quelle

„Spielsprachen bzw. Sprachspiele - auch Ludlings genannt - sind spielerische Modifikationen vorhandener Sprachen nach bestimmten Regeln.“ Wikipedia

Die bösen Männer machen Maria frösteln; zumal sie sich gegenseitig das Übelste versichern. Die Angestierte sitzt in der Falle, „sie würden sie rannehmen, im (nächsten) Tunnel“. Sollte sie sich sträuben, wollten sie ihr Opfer umbringen.

Lispector erzählt das so. Das aufgeräumte Leben einer tüchtigen, ihren Platz genau kennenden Bürgerin gerät in Minuten aus den Fugen. Es verliert seine Fasson und seine Ordnung in einem atavistischen Sog.

Die männliche Perspektive bildet eine mörderische Totalität. Der zweifachen Vergewaltigung könnte komplikationslos ein Raubmord folgen. Die Grauenhaften besprechen Einzelheiten, Maria dreht am Rad.

Was soll sie jetzt nur tun?

Heutzutage entnähme Maria ihrer Handtasche einen Colt Trooper Double-Action Revolver, um entspannt zu sagen:

„Touch me and I’ll show you hell.”

Doch ist Marias Defensiv-Performance noch nicht in den For-Those-About-To-Rock-Modus geschaltet. Stattdessen geht sie auf dem Sockel folgender Überlegung ein hohes Risiko ein: „Wenn ich so tue, als ob ich eine Prostituierte wäre, dann lassen sie mich in Ruhe, auf eine Schlampe sind sie nicht scharf.“

Sie hebt den Rock, entblößt die Brust, „räkelt sich lasziv“.

Mittelprächtige Brautbürgerlichkeit/Soziale Hinrichtung

Das ist superkontraintuitiv. Die Gemeinen fürchten, an eine Irre geraten zu sein. Sie lassen ab von ihrem Vorhaben. Ein Schaffner, der Marias Manöver falsch versteht, sorgt dafür, dass die Ärmste an der nächsten Haltestelle den Strafverfolgungsbehörden überstellt wird. Ihr Weg in den Knast kreuzt die Bahn einer hochmütig vorpreschenden Rivalin auf dem Parcours mittelprächtiger Brautbürgerlichkeit. Maria empfängt die Deklassierung auf einem Vorhof konsequenter Verachtung. Es folgt die soziale Hinrichtung. Doch am Ende des Tages erfährt die Erniedrigte, dass die Arrogante vergewaltigt und ermordet wurde: just von jenen Übelwichten, denen Maria vielschichtig zu entgehen den Einfallsreichtum besaß.

Das ist nicht das Ende. Einem niederschmetternden Fazit folgt wie ein letzter Tropfen, der lange zäh an der Rinne festhing, um dann doch läppisch zu fallen, das Geständnis einer verbotenen Erregung. Ich melde keine Einzelheiten. Allerdings sage ich Ihnen, so kann man das heute nicht mehr erzählen, ohne einen Shitstorm zu provozieren. Und das ist auch gut so.

14:01 01.01.2021
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