Reservoir of Trust

James Comey/FBI Gestern erschien „Nichts als die Wahrheit“, ein leidenschaftlicher Appell gegen die Rechtsbeugung und die Unterwanderung der Justiz von EX-FBI Direktor James Comey
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Lieber Cop als so ein krimineller Pippijunge, der sich auf die taffe Nachbarschaft seiner Kindheit was einbildet. Das sagt sich James Comey. Noch ist er jung und seine Verhältnisse sind dürftig. Er engagiert sich auf dem Parkett der Untouchables im Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

“He pulls a knife, you pull a gun: that’s the Chicago Way”

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Es gibt keine funktionierende Demokratie ohne einen mehrheitsfähigen Wahrheitsstandard. Wir brauchen ein Reservoir des Vertrauens in unsere Institutionen. “You can’t have a working democracy without an agreed-upon standard of truth. You need a reservoir of trust in our institutions if the government’s truth-work is to proceed.”

Vor allem darf die Macht nicht das Recht okkupieren.

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Irgendwo bemerkt Comey, wie viel Zeit Mobster alter Schule haben. Die Spielfiguren der Mafia gliedern sich vor den Hauptmarken ihrer Territorien zu Ensembles der Macht. Sie stellen Langeweile aus und verachten so nebenbei die Müsamen und Beladenen. Sie schauen auf jene herab, die sich bewegen müssen, um ihre Familien in Gang zu halten.

James Comey, „Nichts als die Wahrheit, Der Ex-FBI-Direktor über die Unterwanderung des amerikanischen Justizsystems“, auf Deutsch von Pieke Biermann, Elisabeth Liebl, Karl Heinz Siber, Karsten Singelmann, Dr. Hella Reese, Christiane Bernhardt, Gisela Fichtl, Stephan Kleiner, Monika Köpfer, Droemer-Knaur, 278 Seiten, 20,-

Verbrecher flüstern viel im Freien. Sie hängen auch gern am Festnetz, einer Einrichtung, die sich in der Gangster-Ästhetik bald überlebt haben wird. Noch ist das stationäre Telefon ein Dreh- und Angelpunkt kriminellen Engagements.

„Die Erlaubnis, jemandes Telefon abzuhören oder eine Wanze in seinem Auto, Haus oder Büro zu verstecken, ist sehr schwer zu bekommen.“

Comey findet die hohe Hürde richtig. Er dient zwar als Staatsanwalt an einem New Yorker Bezirksgericht dem Recht auf die harte Tour, doch bleibt er auch an der Front ein Mann der Verfassung, deren Garantien sich in der Smartphone- und Facebook-Ära wie von selbst auflösen werden. Heute installiert die Verbraucherin selbst die Spy-Ware, mit der sie als Consumer Target ausgespäht wird. Mehr Virulenz steckt ohnehin nicht in ihr. Wir hängen alle so ein bisschen wie Würste in der Luft.

Aber in den Achtzigern weiß noch jeder, wo die Grenzen verlaufen. Vor allem wissen es die Mafiosi. Sie pochen auf ihre Rechte und sind auch sonst im Vorteil.

Will Comey einem Gangster ans Leder, muss er „im Rahmen einer längeren Aussage unter Eid glaubhaft machen, dass hinreichend Verdacht besteht, die potentielle Zielperson könne … schwere Straftaten begehen und sich dabei“ – jetzt kommt es und wie kurios erscheint es uns – „eines bestimmten Telefonapparats bedienen“.

Unter Brüdern heißt sans papiers, keinen Einfall auf Papier zu bringen. Beim Abhören dürfen nur die ersten Sekunden eines Gesprächs aufgezeichnet werden, es sei denn, die Ermittler kommen zu dem Schluss, „dass das Gespräch relevant, also wahrscheinlich kriminellen Inhalts … (ist)“.

Gespräche mit „Priestern, Rechtsbeiständen, Kindern und Golfpartnern (dürfen) nicht mitgehört werden“.

Die Investigativen arbeiten unter enervierenden Bedingungen. John Gotti, Boss der Gambino-Familie, kennt die Schwierigkeiten seiner Feinde. Sein Regierungssitz ist der Ravenite Social Club.

“On first glance, 247 Mulberry Street looks like nothing more than another high-end boutique in NoLita, but the cracked tiled floors of the CYDWOQ shoe store offers a glimpse back to the days when the mob ruled New York. Once a mafia nerve center entrenched in the core of Little Italy, the Ravenite Social Club hosted the Anastasia and later Gambino Crime Family for 66 years.” Quelle Hezakya Newz & Films

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Gotti dreht „Rederunden” im Andenken an den verblichenen Paten Carlo Gambino, „der angeblich als freier Mann“ einen natürlichen Tod starb, „weil er nur mit einer Handvoll vertrauenswürdiger Untergebener über Familienangelegenheiten sprach und auch das nur flüsternd unter freiem Himmel“.

Wie alle Nachkommenen achtet Gotti die Regeln der Altvorderen nur, um sie an der falschen Stelle zu übertreten. Gemeinsam mit ‚Sammy the Bull‘ Gravano gibt der Boss immer wieder der eigenen Bequemlichkeit nach. Die Ehrenmänner nutzen eine Wohnung im Clubhaus. Die achtzigjährige Witwe eines bewährten Mannes stellt sie zur Verfügung. Das FBI verwanzt die Bude.

Ich mache an anderer Stelle weiter. 1957 schloss die amerikanische Mafia die Bücher. Das ist eine klassische Formulierung. Sie stellte die Rekrutierungen ein. 1975 wird der Beschluss aufgehoben. Die Cosa Nostra gestattet sich personelle Erweiterungen, die in ihren Einzelheiten allen Familien zur Kenntnis gebracht werden muss.

Die Vorstände informieren sich gegenseitig. Den nächsten Aufnahmestopp perforiert allein die Vorgabe, für verstorbene Soldaten Ersatzmänner zu inkorporieren.

„Da es sich um die Mafia handelt, betrügen die Familien natürlich und verwenden regelmäßig die Namen Verstorbener wieder.“

„Doch man muss aufpassen, dass man nicht denselben Toten zwei Jahre in Folge verwendet.“

Das FBI hört, wie Gotti seine Unterführer instruiert. Es bekommt Kenntnis von Mordaufträgen. Ein Mann soll sterben, weil er „nicht den notwendigen Respekt an den Tag gelegt hat“.

Godfather Gotti: „Er wird sterben, weil er nicht kommen wollte, als ich ihn gerufen habe.“

Gleich mehr.

„Je klüger der Mensch, desto weniger ist er darauf gefasst, dass eine simple Kleinigkeit ihm zum Verhängnis wird.“ Dostojewski

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Notdürftig abgedeckte russische Regierungsstellen bringen via Facebook in Erfahrung, was Leute in Ohio oder Indiana von Putin halten. Jedes Dorf wird global gedacht. Wir entdecken pro-russische Hillbilly-Nester, denken Sie an Deer Hunter, und so abgesunkene Migrationsgeschichten ...

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Ex-FBI-Direktor James Comey erzählt, wie er zum ersten Mal Trump am Resolute Desk im Oval Office wahrnimmt. Der frisch Inthronisierte lässt seinem Hass auf Obama freien Lauf. Er steht im Begriff die persönliche Note des Vorgängers zu killen. Comey sitzt ihm gegenüber und hört sich an, wie Trump in Erinnerungen an Putin schwelgt, der angeblich mit ihm auch über Sexarbeiterinnen sprach.

„Wir haben ein paar der schönsten Huren der Welt“, soll Putin zu Trump gesagt haben.

Wen interessiert das. Entscheidend bleibt, dass Putin dazu beitrug, Trump an die Macht zu bringen. „Ein aggressives Russland“ installierte ein politisches Irrlicht auf dem amerikanischen Thron mit den Methoden vonCambridge Analytica (CA).

Christopher Wylie, der CA als sein Baby empfand, erklärt:

„Um eine nicht-kinetische Waffe zur … Dekonstruktion (einer) allgemeinen Wahrnehmung zu entwickeln, muss man zuerst genau wissen, was Menschen motiviert.“

Wylie unterscheidet die Nutzlast von Träger- und Targeting-Systemen. Im Informationskrieg ist die Nutzlast nicht kinetisch wie etwa der Sprengstoff einer Rakete. Sie kann ein Gerücht sein, das mit einem mehrheitsfähigen Narrativ koinzidiert. Jemanden unanständig, zynisch, misogyn und/oder homophob zu nennen, entspricht dieser Kombination von Mutmaßung und Kultur. Optimierung bedeutet, jenen Text zu destillieren, der die größte Sprengwirkung erzielt.

„Ich denke, es ist immer noch das Beste für das Land, Donald Trump nicht jeden Tag für die nächsten drei oder vier Jahre auf unseren Fernsehbildschirmen zu haben.“ J.C.

Staubsturm der Ungenauigkeiten

Die größten Kritiker der Elche ... “It was Comey’s epic mishandling of the Hillary Clinton email case in 2016 that, arguably, gave Donald Trump the presidency.” New York Times

Hillary Clinton email controversy

“James Comey Still Feels The Pain Of The Clinton Email Decision”

In einem Gespräch mit Stephen Colbert zitiert Comey aus dem Ulysses ... „history is a nightmare from which I'm trying to awake“, um dann doch nicht zu finden, dass seine Einschätzungen im Hillary Clinton Case so gravierend neben der Realität lagen. Joyce hätte auch an dieser Stelle etwas für den Juristen gehabt: „I fear all those big words which make us so unhappy“.

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Zwar wurde Comey vor Vorwurf einer politischen Justizhandhabung freigesprochen. Trotzdem bleibt eine Ungeheuerlichkeit im Raum stehen.

Macht vor Recht

Trump verlangt von seinen Leuten Loyalität. Er siedelt Loyalität über Ehrlichkeit an. Er korrumpiert das System und stört das Gefüge von Checks & Balances.

“The national descent from strict, fact-based truth into a feckless mirage oftruthiness, to use Stephen Colbert’s brilliant formulation.” New York Times

Es gibt keine funktionierende Demokratie ohne einen mehrheitsfähigen Wahrheitsstandard. Wir brauchen ein Reservoir des Vertrauens in unsere Institutionen. Im Original: “You can’t have a working democracy without an agreed-upon standard of truth. You need areservoir of trustin our institutions if the government’s truth-work is to proceed.”

Vor allem darf die Macht nicht das Recht okkupieren.

Aus der Ankündigung

Nichts als die Wahrheit - Der Ex-FBI-Direktor über die Unterwanderung des amerikanischen Justizsystems - Trump-Kritiker Nummer Eins über Recht und Gerechtigkeit in Amerika - Der amerikanische Rechtsstaat ist nach vier Jahren Donald Trump am Abgrund. Jetzt zeigt der Ex-FBI-Direktor James Comey, wie eine gerechte Justiz funktionieren muss. Egal, ob der Gegner die Mafia, Drogendealer oder die Führungszirkel im Staatsapparat sind: Nur die Wahrheit kann die USA noch retten. Beeindruckende Fälle aus der Laufbahn des großen Juristen und Kriminalisten James Comey.

Die Rechtsstaatlichkeit ist das Fundament der Demokratie, sie schützt ihre Bürger. Doch nach vier Jahren Trump hat dieses Fundament tiefe Risse - der Rechtsstaat steht auf dem Spiel. James Comey, Ex-Direktor des FBI und einer der bekanntesten Kritiker des US-Präsidenten Donald Trump, ist überzeugt: Nur der unbedingte Wille zur Wahrheit und Transparenz kann das Land nach den Trump-Jahren noch retten. So zeigt James Comey anhand seiner spektakulärsten Fälle als Staatsanwalt und FBI-Chef ganz konkret, wie Ermittlungsbehörden, Strafverteidiger, Richter und Jurys in den USA gemeinsam für Gerechtigkeit kämpfen. Zugleich legt er offen, wie die Trump-Administration dieses Justiz-System angreift und die Wahrheit bekämpft - mit undurchsichtigen Manövern, alternativen Fakten und Hinterzimmer-Deals. Comeys Buch ist nicht nur eine mitreißende Darstellung von Kriminalfällen, sondern ein leidenschaftlicher Appell gegen die Rechtsbeugung und die Unterwanderung der Justiz: das Vertrauen in das Recht muss nach Trump wieder zum Fixstern allen staatlichen Handelns werden.

“Dieses Buch ist der Versuch, uns daran zu erinnern, wie unsere Justiz funktionieren sollte und wie sich die führenden Köpfe verhalten müssen.” - James Comey

Zum Autor

James B. Comey, geboren 1960, arbeitete nach seinem Jurastudium bei der New Yorker Staatsanwaltschaft. 2003 stieg er zum stellvertretenden Justizminister auf, 2013 wechselte als Direktor zum FBI. 2017 feuerte Trump ihn, weil Comey nicht bereit war, die Russland-Ermittlungen gegen Trumps Mitarbeiter einzustellen. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder, sein erstes Buch »Größer als das Amt« war ein weltweiter Bestseller.

05:18 16.01.2021
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