Retrospektiver Überflug

Stephen Crane Erste Bemerkungen zu dem Erzählband „Die tristen Tage von Coney Island“
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Im ausgehenden 19. Jahrhundert präsentiert sich Coney Island als traditionsreicher Kurort mit Seebadflair. Während die Erschließungswalze die Superdiversity des Westens zugunsten des anglo-pietistischen Einerleis planierte, war man an der Ostküste früh zur europäisch-analogen Tagesordnung übergegangen. Wie ungemein urban das amerikanisch-atlantische 19. Jahrhundert bereits war, als man noch mit der Ausrottung der First Nation befasst war, erzählt Stephen Crane nebenbei. Als Zeitgenossen erlebt er den Status quo ohne die Überflugsgenehmigungen der Retrospektive.

Kein Gast hält sich mit der historischen Dimension des Schauplatzes auf. Wer weiß, dass Coney ein niederländisches Wort ist und von dem alten Johannes Vingboon zum ersten Mal auf einer Karte eingetragen wurde. 1643 nahm Deborah Moody ihren Mut und ihr Money zusammen und gründete Gravesend.

Stephen Crane, „Die tristen Tage von Coney Island“, Geschichten, übersetzt von Bernd Gockel, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Hochbruck, Pentragon Verlag, 271 Seiten, 24,-

Den Ich-Erzähler der Titelgeschichte deprimiert die Stimmung am Saisonende. Die „leerstehenden Paläste, von krankhaft optimistischen Architekten in die Landschaft gesetzt“, stehen in einem schwermütigen Dunstkreis.

Crane beschreibt Halbstarke seiner Ära.

„Eine Prise Angeberei, gemischt mit dem Bewusstsein, gesellschaftliche Normen zu verletzen, reichen … aus, um die … Männer in Hochstimmung zu versetzen.“

Wie modern, möchte man ausrufen; zumal der Autor die genetische Dummheit mit den Zielen des Universums verknüpft.

Aus der Ankündigung

Humorvoll und mit feinsinniger Beobachtungsgabe: 13 von ­Stephen Cranes wichtigsten Erzählungen sind in ­diesem Band versammelt. Hier entfaltet er seine ganze Schaffensfreude, beschreibt spannende, ­tragische, teils auch absurde Situationen wie in Seefahrer wider Willen.

Stephen Crane gilt als einer der Wegbereiter der modernen amerikanischen Literatur. Seine Geschichten sind gerade ­deshalb so authentisch und mitreißend, weil er als ­Abenteurer und Reporter vieles davon selbst erlebt hat. Die ­großartige Darstellung eines Schiffbruchs inDas ­offene Bootund die in Nebraska angesiedelte GeschichteDas blaue Hotel­zählen zu den Meisterwerken der Weltliteratur.

Zum Autor

Stephen Crane wurde 1871 in Newark geboren. Als Journalist und Kriegsberichterstatter erlebte er zwei Kriege in Griechenland und Kuba. Er schuf in seinem kurzen Leben ein enormes Werk: Lyrik, Erzählungen und Romane. 1898 siedelte Crane nach England über und freundete sich mit Joseph Conrad, H.G. Wells und Henry James an. Anfang Juni 1900 starb Stephen Crane mit nur 28 Jahren in Badenweiler an den Folgen einer Tuberkuloseerkrankung.

16:59 13.09.2021
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