Rettender Albtraum

Die Ära Achtundsechzig Jutta Winkelmann: Schuld und Verantwortung allen Ernstes zu erfahren, ist besser, als sich die Nägel rosa zu lackieren.
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Weiter aus der Entstehungsgeschichte der Biografie von Gisela Getty und Jutta Winkelmann - Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen.

Jutta: Ich habe in der Zwillingsaufteilung die Funktion der Sinnbeschaffung und Innenwelterforschung. Dafür steht mir auch keine Limousine zur Verfügung. Alte Autos manchmal, mein Fahrrad und eben die Streetcar of Desire.

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Lieber Jamal,

wusstest du, dass ich gern Straßenbahn fahre. Auch U-Bahn & Bus. Gerade in Frankfurt. Ich find es gut, in einem öffentlichen Verkehrsmittel am allgemeinen Gezeter vorbei Teilnehmerin zu sein. In einem vermeintlich passiven Modus. Man ist doch sehr engagiert als anonyme Verkehrsteilnehmerin. In gewisser Weise ist das Arbeit, das Beobachten und Fintieren. Diese vielen sozialen Täuschungs- und Vermeidungsbewegungen setzen diverse Kompetenzen voraus. Du kommst ja vom Boxen und hast eine besondere Ahnung und einen eigenen Zugang von/zu diesen Dingen. Das spürt man und das wundert einen schon, wie abgedeckt und gecovert du durchs Leben gehst. Da ist eine unglaubliche Wucht, die man nicht sieht und von der man nicht unfreundlich getroffen werden möchte.

Ich habe in der Zwillingsaufteilung die Funktion der Sinnbeschaffung und Innenwelterforschung. Dafür steht mir auch keine Limousine zur Verfügung. Alte Autos manchmal, mein Fahrrad in München, es gibt Städte, in denen ich überhaupt nicht Fahrrad fahren kann, und eben die Streetcar of Desire. Die materielle Ressource zieht Gisela aus dem All. (Sie ist meine andere Seite, die ich zum Überleben brauche. Das ist manchmal fatal und muss ständig abgeklärt werden.)

Anmerkung des Autors. Gisela wurde im Vergleich mit anderen Frauen in ihrer Eheposition abgespeist. „Das ist viel, wenn man wenig hat“, fand Jutta. Aber in Relation zum Getty Reichtum nähern sich die Zuwendungen dem Affront.

Wir haben gerungen, die Schwestern und ich. Ich verstand nicht, warum sie von ihren transkontinentalen Kicks und den Kontakten zu Aggregaten der Alphaklasse nicht entspannt worden waren. Sie hatten ein paar Gipfel des Geistes und des Geldes bestiegen und waren in der dünnen Luft nicht ohnmächtig geworden.

Ich wollte die Essenz, die Zwillinge wollten alles ausbreiten. Sie glaubten, illuminiert worden zu sein in einer italienischen Strandsituation. Sie hatten eine Vision gehabt und wünschten sich dafür einen besonderen Rahmen und ein außerordentliches Gepräge. Vor allem bestanden sie auf eine Doppelansicht. Ich durfte die Texte nicht verschmelzen.

Jutta vergegenwärtigt sich in einem Brief:

Letztlich ging es um unsere Vision, um die Tage am Meer. Und es wurde ein Albtraum. Das stimmt schon. Ich suche den Sinn hinter dem Desaster, um mich zu retten. Schon die Suche hilft. Und besser ist es, Schuld und Verantwortung allen Ernstes zu erfahren, als sich die Nägel rosa zu lackieren. Ich wollte alles kennenlernen, auch den Schmerz.

Haben Männer Schuldgefühle? Und wenn ja, wie gehen sie damit um?

Ruh dich aus. Dieses Pflügen von Text ist wirklich hart.

Du nennst uns „Wohlstandskinder“. Die Tierheimleuchter in unserer Kindheitsnachbarschaft konnten das glauben, aber du solltest es nicht. Nur mal unter uns, wir waren sogar arm (jedoch mit adligem Hintergrund). So etwas wie höhere Töchter waren wir eher theoretisch oder ansatzweise. Wir teilten die Geldsorgen und andere Nöte der Eltern. Wie es weitergehen sollte, stand ständig in den Sternen. Daher kommt, glaube ich, die Goldtalerphantasie. Wir waren zierlich und hübsch und nicht so stumpf wie viele in diesem verkohlten Nachkriegsmiefland. Wir passten nicht ins Bild. Dass wir nicht so pragmatisch und rumpelig zu verarzten waren, stellte die Eltern vor Probleme. Unsere Schönheit war wie ein Anspruch, dem Leute wie Mutti und Pappi nicht genügten. Uns war das aber nicht klar. Wir erschienen anspruchsvoll und ein bisschen hoheitlich, ohne es zu merken. Für andere sah das nach Hochmut und Reichtum aus. Das war unser innerer Reichtum.

Anmerkung des Autors. Von daher passt dann wieder Wohlstandskinder. Den Wohlstand erwirtschafteten die Schwestern mit ihrer Phantasie und dem, was ihre Erscheinung im Doppelpack auslöste. Wann immer wir zu dritt auftraten, vermuteten die Experten von Matussek bis Wondratschek bei mir ein erotisches Interesse an Jutta und Gisela. Auch die Zwillinge waren an das männliche Interesse so gewöhnt, das sie es gleichsam blindlings verwalteten. Es gab eine Registratur und Ablagen. Es war ein Markt.

Jutta

Vor dem Krieg war es Vater gut ergangen. Mutter kam aus gehobenen Verhältnissen. Nach dem Krieg ging der familiäre Wohlstand glatt an uns vorbei. Vater war ein Aussteiger, für den neuen Staat wollte er nichts tun. Den verlorenen Krieg hat er nicht verwunden. Er lebte in einem Schmollwinkel, seine Abneigungen interessierten keinen. Die Menschheit streckte sich nach der Decke und hatte kein Verständnis für den Wirtschaftswunderverweigerer. Gisela und ich hatten auch kein Verständnis. Wir liebten diesen Pappi als großes Rätsel.

Anmerkung. Während ich versuchte, die Schwestern zu begreifen und mich für sie so aufschloss, dass meine Freundin sich in eine Zwillingsabneigung flüchtete, um mir keine Vorwürfe machen zu müssen, beschäftigten sie sich kaum weniger intensiv mit mir. Ich beobachtete ein echtes Interesse. Jutta und Gisela wollten mich nicht nur so begreifen wie ich sie, sondern mir auch meinen spirituellen Platz in der Welt ansagen. Unsere Beziehung war in ihren Augen schicksalhaft. Ich hintertrieb alles, was in diese Richtung ging. Mein magischer Kreis hatte keine Schnittmenge mit dem Zwillingskreis. Bei mir kam alles aus der Region und hessischen Provinz, auch wenn ich in Frankfurt am Main lebte, war ich ein Waldläufer wie Lederstrumpf, und mein Zauberwort war Suhrkamp.

Ich lebte da, wo der Verlag war. Der Verlag erschien mir wie ein Weltmotor. Mehr Welt brauchte ich jedenfalls nicht. Meine städtische Statur stattete ich mit einem genazino’esken Habitus aus. Die Schwestern nahmen mir das nicht ab.

Jutta

Ich sehe dich überhaupt nicht als trottelige Romanfigur. Ich kenne Genazino zu wenig, und behaupte trotzdem, dass du in seinem Kosmos nicht vorkommst, also da auch keinen Platz hast. Da gibt es nichts für dich. Die Genazino Avatare sind doch Langweiler, die über ihren Hosenbund schielen. Kraftlose Lebensverweigerer, verkappte Depressive, Obdachlose, deren Wohnungen das Zufluchtsvermögen von Parkbänken haben. Ich kenne das gut. Erst orientiert man sich mutwillig falsch und dann findet man nicht mehr zurück. Stell dir den Vorgang als Ehe vor. Dann weißt du, was ich meine. Du bist ganz anders.

Anmerkung. Eine andere Macke verlangte von mir, als Kneipenkurt oder Buffet-Joe aufzutreten. Buffet ist das hessische Wort für Tresen. Das Gasthaus als Lebensmittelpunkt hatte seine Frankfurter Verkörperung in dem Edelwirt Klaus Trebes gefunden. Ich kopierte eine Trash Variante des Modells Leben in der Kneipe. Jeder kannte den Namen meines Stammlokals. Da verkehrten rustikale Typen, vor allem Sachverständige und Gutachter, denen ich mich verbunden fühlte. Vermutlich lachten sie mich aus, wenn ich mich angelacht und eingeladen fühlte.

Jutta

Du bist viel empfindsamer als du zugibst und als es diese Berufstrinker sind. Die haben sich alle schon einmal ganz anders zurechtgefunden als du. Die betreiben Kneipenakrobatik nicht ohne Netz. Zu denen gehörst du nicht. Du bist so virtuell und phantasievoll, ein Schriftsteller, deine Spielplätze sind zwar andere als unsere ...

Ich hörte nicht auf sie. Ich wollte Klotz unter Klötzen sein.

Morgen mehr.

12:17 02.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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