Riesiges Leck

Lizzie Doron Die israelische Autorin sagt: „Ich habe stets über Opfer geschrieben.“ Deshalb sei die Verlängerung der Verlustliste mit arabischen Namen folgerichtig gewesen.
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Lizzie Doron und Shelly Kupferberg in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung

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Lizzie Dorons literarische Anstrengungen, die Verluste und Hoffnungen der Palästinenser zu dokumentieren, siehe „Who the Fuck is Kafka“ und „Sweet Occupation“, hat die israelische Schriftstellerin Freundschaften gekostet. Verbindungen wurden gekappt. Einladungen blieben aus. Das Interesse von Verlegern nahm dramatisch ab. Das berichtet Doron bei einer von Shelly Kupferberg und Ofer Waldman ergänzten Veranstaltung in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung. Grandios wie ein Schlachtschiff schildert sie die Widrigkeiten ihres Daseins als Fürsprecherin der Anderen infolge eines biografischen Bruchs. Bis dahin war Doron ein Medium mit transformatorischer Kompetenz der zweiten Generation europäischer Einwanderer in Israel. Sie bereicherte das Andenken der Überlebenden des Holocaust, bis sie der Zufall schicksalhaft mit einem Araber aus Jerusalem kollidieren ließ.

„Daran gewöhnt, jeden Araber für einen Lügner zu halten, glaubte ich ihm zuerst kein Wort.“

Bald glaubten Verwandte und Bekannte, Doron sei verrückt geworden. Das entsprach mitunter dem Versuch einer Exkulpation. Andere beschimpften sie als Kollaborateurin. Ob man mit dem Feind ein Buch schreibt, mit ihm ins Bett geht oder sonst wie Verständnis für ihn aufbringt, ist in einer aufgewühlten Gesellschaft ziemlich egal. Die Protagonisten in „Sweet Occupation“ charakterisieren sich selbst als Friedenskämpfer und sind in der israelisch-palästinensischen Organisation „Combatants for Peace“ zusammengeschlossen. In der israelischen Mehrheitsgesellschaft werden sie als Terroristen und Verräter wahrgenommen. Doron beschreibt den Übersprung mit anschließendem Kollaps:

Ein Passant erscheint auf dem Bildschirm und fragt aufgebracht, wie es sein könne, dass man demonstriere, während die Siedlungen im Süden mit Raketen beschossen werden und unsere Soldaten kämpfen und für uns sterben.

„Diese beschissenen Typen, schaut sie euch an. Sie weinen wegen denjenigen, die uns umbringen.“

Doron konkretisiert den Nahostkonflikt als „Tragödie für beide Seiten“; als tragische Begegnungen Traumatisierter. Die Holocaust Generation grundierte die israelische Gesellschaft mit Erfahrungen ohne historische Beispiele. Der Staat bezog seine Dynamik aus der Verdrängung. Viele waren mit leeren Händen gekommen. Keine Fotos, keine Kindheitsreliquien – Erinnerungen an das Schweigen der Eltern waren oft alles, was sich als Erbe begreifen ließ. Ein riesiges Leck.

Doron sagt:

„Ich habe stets über Opfer geschrieben.“

Deshalb sei die Verlängerung der Verlustliste mit arabischen Namen folgerichtig gewesen. Doron kontert ihre Stigmatisierung mit Heiterkeit. Sie weiß, dass sie nicht zu jenen, die sie unterstützt, ins Boot steigen kann. Sie verbringt viel Zeit in Berlin, um sich nicht ständig vor Augen führen zu müssen, dass auch im Boot der israelischen Mehrheitsgesellschaft für sie kein Platz mehr ist. „First Class Refugee“ heißt der Arbeitstitel ihres nächsten Buches. Noch hält sich Doron für privilegiert.

Lizzie Doron, Sweet Occupation, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, dtv, 202 Seiten, 16.90,-

14:34 14.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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