Routinen der Schamverbergung

Ballhaus Ost/Berlin „Shame“ - Ein spielerisches Nachdenken über die Scham von Marie Golüke
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Entsteht Scham nur in der Konfrontation mit einem Versagen? Steht sie allen Gesellschaften als Regulativ zur Verfügung? Wird sie von Tieren empfunden? Gab es sie in der Steinzeit? Fühlt sie sich für Frauen anders an als für Männer? Wie verhält sich die Scham zur Schuld? Darüber denkt Marie Golüke in einem solistischen Spiel nach. Sie beginnt es in einem Anzug, der an Laborkleider erinnert, aber andere Assoziationen zulässt. Lange bleibt es wortlos und gewinnt seine Intensität in mimischen und gestischen Affektdarstellungen. Sofort erkennt man, wie kindlich das Programm ist. Die Beschämte regrediert. Sie entschuldigt sich mit einer zweiten Entblößung, die dem schamverursachenden Verhalten folgt. Wer sich im Griff hat, verkneift sich das. Wir erleben das ständig: die Routinen der Schamverbergung. Endlich nimmt Golüke die Scham beim Wort und spricht sie an. Sie folgt den Konturen sexueller Schamränder, sie weist hin auf Intimitätsscham. Sie erwähnt das Programm der erotischen Gefangennahme. Plötzlich kehrt die Performerin aus der Simulation einer privaten Situation zurück auf den Rummelplatz öffentlicher Ansichten. Sie imitiert weibliche Animation und die Verwandlung von Ohnmacht in (narzisstische) Wut. Sie zeigt den Abstieg von der triumphalen Thronbesteigung (in der Ära der Töpfchenkultur) zum verschwiegenen Klogang.

Golüke bringt ein Gespräch in Gang. Fast alle Zuschauer_innen finden Scham sozial wertvoll. Sie liefern Beispiele für einen Selbstaffekt, der universell erscheint. Eine schamlose Gesellschaft stellen sie sich schrecklich vor.

Ständig hemmt uns Scham, ohne dass dieses Matching im Bewusstsein anklopft. Die Scham ist eine Führerin im Dschungelkampf um Anerkennung. Keine möchte Schamlose in ihrer Nähe haben.

Golüke unterscheidet biografisch zwischen Schamlosigkeit und -freiheit. Sie findet sich frei. Sie stützt sich auf den Sozialwissenschaftler Stefan Marks, der auch deutlich macht, dass man mit der Produktion von Scham Personen und Gruppen „entsorgen“ kann. Marks beruft sich auf Donald Nathansons Schamkompass. Er zitiert Nathanson: Scham ist wie ein „Schock, der höhere Funktionen der Gehirnrinde zum Entgleisen bringt“. Das Verhalten reduziert sich auf Schutzmechanismen: Angreifen, Fliehen, Verstecken. Weil die Scham so schmerzhaft ist, springt der Erfüllte in andere, weniger unerträgliche Verhaltensweisen, um die Scham nicht spüren zu müssen.“

„Shame“ ist das Mittelstück einer Triologie zwischen dem (Bataille gestützten) „Erotism“ und (dem noch nicht aufgeführten) „Instinkt“. Golükes theatralische Untersuchungen wirken einfach und stoßen schnell auf Widerstand. Der Widerstand begrüßt stets eine Verweigerung. Wer kratzt schon freiwillig am Horn auf seinen Narben. Doch dazu regt Golükes Spiel an.

07:40 13.05.2017
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