Scham und Schweigen

Literatur Megha Majumdar, „In Flammen“ - „Der Roman, den Sie in diesem Jahr gelesen haben müssen.“ Washington Post
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Leseprobe

„Du riechst nach Rauch“, sagte meine Mutter zu mir.

Also rieb ich mir mit einem Seifenoval das Haar ein und kippte mir einen ganzen Eimer Wasser über den Kopf, bevor sich ein Nachbar beschweren konnte, dass ich den Morgenvorrat verschwendete.

An jenem Tag gab es eine Ausgangssperre. Auf der Hauptstraße kroch alle halbe Stunde ein Polizeijeep vorbei. Tagelöhner, die zum Arbeiten gezwungen waren, kamen mit erhobenen Händen nach Hause, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren.

Im Bett, das nasse Haar übers Kissen gebreitet, nahm ich mein neues Smartphone zur Hand, von meinem eigenen Gehalt bezahlt, die Schutzfolie noch auf dem Display.

Auf Facebook gab es nur ein einziges Thema.

Diese Terroristen haben das falsche Viertel angegriffen #KolabaganZugAnschlag #WirGebenNichtAuf

Leute, wenn ihr fünfzig Rupien übrig habt, verzichtet heute auf eure Samosas und spendet sie an …

Je weiter ich nach unten scrollte, desto mehr ließ Facebook mich wissen.

*

Wann beginnt das Unglück, das Jivan nach einem Facebook-Post einholt? Jedenfalls nicht erst, als die junge Frau sich nach einem Terroranschlag, der vor ihren Augen stattfand, dazu hinreißen lässt, ihrem Offenbarungsdruck nachzugeben. Im Augenblick der, wie Jivan sofort erkennt: törichten, auf eine unterlassene Hilfeleistung der Polizei reagierenden Mitteilung, bricht ein Damm aus Scham und Schweigen. Jivan schreibt wie unter Hypnose:

„Wenn die Polizei einfachen Leuten wie euch und mir nicht geholfen hat, wenn die Polizei zugesehen hat, wie diese Menschen starben, heißt das dann nicht... dass die Regierung auch ein Terrorist ist?“

Megha Majumdar, „In Flammen“, Roman, aus dem Englischen von Yvonne Eglinger, Piper, 335 Seiten, 22,-

Ein paar Nächte später erfolgt Jivans Verhaftung. In Aussicht stellt man der Inhaftierten eine Wartezeit von einem Jahr bis zum Prozess. Im Gefängnis wähnt sie sich „auf dem Grund eines Brunnens“. Sie fügt sich ein und geht auf im Teig der Verzweiflung. Ich assoziiere mit Majumdars Schilderungen einen gesichtslosen Schmerz.

*

Zwei weitere Akteure spielen in diesem weltweit gefeierten Romandebüt entscheidende Rollen. Da ist Lovely, eine Hijra, die als Schauspielerin Karriere machen will. Vorläufig verdient Lovely Geld, indem sie Neugeborene segnet.

„Die Leute glauben, wir Hijras hätten eine besondere Telefonleitung zu Gott.“

Von Jivan erhielt Lovely Englischunterricht. Das erklärt die Verbindung. Im Weiteren gehört PT Sir zu Jivans Unterstützern. Der Sportlehrer und Hausmeister nimmt als einziger Mann an einer Mädchenschule eine Sonderstellung ein.

Aus der Ankündigung

„Selten wurde das Schicksal so facettenreich, so kraftvoll und launenhaft und hypnotisierend dargestellt.“ The New York Times Book Review

Jivan hat es vom Kohlfresser zum Hühnchenfresser gebracht. Doch ein Brandanschlag hebt ihr Leben aus den Angeln, und die Muslimin gerät ins Visier der indischen Regierung.

Lovely träumt von den ganz großen Rollen als Bollywood-Star. Die lebensfrohe Hijra könnte Jivans Unschuld bezeugen. Aber will sie ihren Durchbruch als Schauspielerin wirklich gefährden?

PT Sir erinnert sich noch gut an Jivans athletisches Talent. Nun macht der Sportlehrer Karriere in einer rechtskonservativen Hindu-Partei. Und soll an der jungen Muslimin ein Exempel statuieren ...

Mit bestechender Dringlichkeit zeigt Megha Majumdar das moderne Indien: ein gespaltenes Land, in dem Ambition, Klasse und Religion all jene zu Feinden machen, die auf ein besseres Leben hoffen.

»›In Flammen‹ besitzt eine stille Schönheit und ist doch verheerend. Dieses Buch wird Sie nicht mehr loslassen.« Tommy Orange

„Erst am Ende dieses mutigen Romans wird einem vollends klar, wie weitreichend sein Urteil ist, wie entschieden und absolut die Anklage.“ The New Yorker

„In ihrem einnehmenden Debüt entwirft Megha Majumdar ein wirkmächtiges Korrektiv zu den politischen Narrativen, die das heutige Indien dominieren.“ Time Magazine

»Der Roman, den Sie in diesem Jahr gelesen haben müssen.« The Washington Post

Zur Autorin

Megha Majumdar, geboren und aufgewachsen in Kolkata, Indien, zog mit 19 Jahren in die USA, um ein Studium der Sozialanthropologie in Harvard und an der John Hopkins Universität aufzunehmen. Heute arbeitet sie als Lektorin bei dem New Yorker Indie-Verlag Catapult. „In Flammen“ zählte zu den erfolgreichsten US-Debüts 2020 und wurde von Buchhandel und Kritik gleichermaßen begeistert aufgenommen.

17:13 02.09.2021
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