Schamloser Optimismus

Literatur Lotta Elstad hat einen sozialdemokratischen Roman geschrieben. Sollte sich die europäische Sozialdemokratie je wieder aus dem Staub erheben, dann nur, weil ihr ...
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Lotta Elstad hat einen sozialdemokratischen Roman geschrieben. Sollte sich die europäische Sozialdemokratie je wieder aus dem Staub erheben, dann nur, weil ihr klargeworden ist, was Elstad schon weiß. Elstad erzählt in „Mittwoch also“ von einem Abstieg im Wohlfahrtsstaat. Die Geschichte einer Verliererin in einer Gesellschaft, die das Verhalten von Verlierern sanktioniert, sobald sie die Rollen von regressiv gedimmten, mit Bauklötzen spielenden Stuhlkreisexperten verweigern, ist aufschlussreich. Die Krisen der Heldin folgen gesellschaftlichen Krisen.

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Sie heißt Hedda Møller, ist dreiunddreißig, ledig und arbeitslos. Ihre Wohnung, ein illegaler Dachausbau in Oslo, und ihre letzte geldwerte Beschäftigung sind nicht der Rede wert. Dem Ende einer Affäre folgt ein Aufbruch nach Athen sowie eine (unter dramatischen Umständen zustande gekommene) Reiseunterbrechung in Sarajewo. Da wirft Hedda ihre ursprünglichen Absichten über Bord. Von nun an improvisiert sie. Sie fährt mit dem Bus nach Split und strebt, eingeschränkt von plötzlicher Flugangst, weiter zurück nach Oslo. Unterwegs vermisst sie Gegenstände, die sich in einem in Athen gelandeten Koffer befinden. Zum Ausgleich trifft sie Milo in Berlin. Milo findet, dass Hedda Ulrike Meinhof ähnlich sieht. Es entspannt sich ein Dialog, der seinen dürftigen Witz aus einer Verwechslung oder Gleichsetzung von Meinhof mit Gudrun Ensslin zieht. Milo schwängert Hedda und streunert ihr nach. Zu seinem filterlosen, alles auf einer Betrachtungsstufe egalitär bis zum Blödsinn abhandelnden Wesen gehört ein „schamloser Optimismus“.

Lotta Elstad, „Mittwoch also“, Roman, aus dem Norwegischen von Karoline Hippe, Kiepenheuer & Witsch, 291 Seiten, 18,-

Lotta Elstad erzählt von großartigen Schwierigkeiten. Jugendschmelz überzieht ein doppeltes Desaster, obwohl Hedda den Apperzeptionsapparat einer Greisin hat. Einerseits. Andererseits wirkt sie so absurd abgeklärt wie eine strebsame Adoleszentin. Ihr männerfreundlicher Feminismus ist erschreckend selbstkritisch. Aus ihrer Eitelkeit macht Hedda keinen Hehl.

Elstad beschreibt den norwegischen Sozialstaat als gleichgültigen Griesgram. Die Preise gehen überall durch die Decke. Hedda trainiert ihre Bedürfnislosigkeit. Sie erfreut sich an den Finten des harmlosen Lowlife-Heros Milo. Er ist der Garant einer Gewöhnung. Hedda gewöhnt sich an ihr Elend. Mir fällt dazu ein Beckett-Zitat ein. Dem Sinn nach:

Ein Bettler zu sein ist nicht so schlimm wie einer zu werden.

Elstads Geschichte von Verlierern in einer Gesellschaft, die von ihren Verlierern nichts wissen will, sobald sie die Rollen von regressiv gedimmten, mit Bauklötzen spielenden Stuhlkreisexperten verweigern, ist auf einen einnehmenden Ton gestimmt. Die unüberhörbare Gesellschaftskritik zielt auf die institutionalisierte Entmündigungspraxis nicht allein. Heddas abschüssige Karriere spiegelt ein von den eigenen Ansprüchen überfordertes, an die Forderungen der akuten Gegenwart schlecht angepasstes Gemeinwesen. Heddas persönliche Krisen, Hedda weiß, „Krise heißt Entschluss“ sind Abbaufolgen gesellschaftlicher Krisen. Elstad hat einen sozialdemokratischen Roman geschrieben. Sollte sich die europäische Sozialdemokratie je wieder aus dem Staub erheben, dann nur, weil ihr klargeworden ist, was Elstad schon weiß.

09:56 20.09.2019
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