Schawarma-Babe

Literatur Gavin Ford Kovite und Christopher Gerald Robinson erzählen die Ungleichzeitigkeit von technischem Overkill und wegdämmerndem Bewusstsein
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“Come on in!” yelled Lieutenant Watts. “Put the coffee on the table.” He turned to Captain Byrd und Lieutenant Montauk, his replacement.

“That’s Monkey”, he said. “He’s one of the checkpoint kids. Gets your coffee and shawarmas and shit.”

Für die Befreier Bagdads von der Tyrannei ist der Bote ein Affe, für Mohammed Faisal sind amerikanische Soldaten außer Hörweite “Schwuchteln”. Negative Erwartungen auf beiden Seiten. 2004 gerät Mickey Montauk aus der Grunge-Hochburg Seattle in dieses Reizklima. Bis eben war er ein routinierter Abtaucher in künstliche Paradiese und ein als Partykünstler mit dem titelstiftenden Label “Enzyklopädist” originell camouflierter Abschlepper. Nun gibt er den platoon leader in einer von Sprengfallen gepflasterten Gegend. Der Witz in dieser Volte wurde von den Literaturkollaborateuren Kovite & Robinson einer grotesken Wirklichkeit zwischen akademischem Chachacha, Stützpunktlangeweile und schweißtreibenden Ausflügen in M2 Bradley Infantry Fighting - und High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicles abgenommen. Montauk könnte Frisch anspielen, die Autoren reiten den “Faust”: So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element.

Mickey taugt nicht zum Mephisto unserer Tage. In erster Linie ist er korrekt - ein Pfadfinder und Kümmerer. Die von ihm angeregte Scheinehe mit der ein Migrantenschicksal abliefernden Mani Saheli garantiert der versponnen freischwebenden Ex(?)-Freundin seines besten Freundes, dem Bummelstudenten und Co-Enzyklopädisten Halifex Corderoy, genannt Hal, eine von der Armee finanzierte Grundversorgung. Auch im Einsatz möchte Second Lieutenant Montauk bei allem gebotenen, von seinen Männern erwarteten Zynismus die Gerechtigkeit wider den Befreiten nicht ganz aus den Augen verlieren, mit fatalen Folgen für alle Mohammeds der Schawarma-Schwadron.

In einem Fahrzeug, das nach einem verschrammten Krieg-der-Sterne-Raumfrachter (im Besitz des Corellianers Han Solo) Millennium Falke heißt, fährt Montauk auf eine Mine.

Auch in der Heimat regieren die Widersprüche. Hal bezichtigt sich nicht grundlos der Oberflächlichkeit und denkt über die Vorzüge von Boxershorts nach, während seine Aufmerksamkeit das Jahrhundertwerk “Ulysses” verfehlt. Hal verlangt es danach, eine MySpace-Bekanntschaft namens Sylvie aus der Virtualität in die Realität zu führen. Doch trifft er vorher Tanya, die mit ihm “Kontakt-Impro” macht.

“Der Krieg der Enzyklopädisten” gewinnt den Leser in Darstellungen von Gleichzeitig- und Ungleichzeitigkeiten. Dem Tod und der Gefahr im Irak gegenüber steht die öde Dependenz an den Rechnern in den Vereinigten Staaten. Es gibt keine Lösung von der Banalität einer Existenz, die im Konsum einbricht. Aus der Krise (egal welcher) kriecht kein Existenzialismus als rettender Gedankenwurm. Die zum Bildschirm verflachte Welt flackert nur noch in der Ungleichzeitigkeit von technischem Overkill und gedimmtem Bewusstsein. Im Sturm der Maschinenevolution baut jedermann ab. Er kapituliert in der Regression. Was ein Zwölfjähriger nicht begreifen kann, das lässt sich keinem Erwachsenen befehlen und damit kann man auch niemand animieren.

Der Roman versammelt Wikipedia-Einträge, grafisch aufgesetzt und den Text durchbrechend vermutlich nur als Modernitätszeichen. Man liest eine um Mani kreisende, leicht vorhersehbare Dreiecksgeschichte. Die Tochter iranischer Einwanderer ist Mohammed in begehrenswert - ein Schawarma-Babe. Sie nimmt künstlerische Anläufe, die ein weitreichendes Orientierungsdesaster verschleiern. Alles scheint dazu geeignet, aus ihr eine Zerrissene zu machen (oder ihre Zerrissenheit zu spiegeln). Das wird schließlich monoton, das Buch ist zu lang. Die Autoren haben eine gute Geschichte einem langen Atem geopfert.

Gavin Ford Kovite & Christopher Gerald Robinson, Der Krieg der Enzyklopädisten, Roman, Berlin Verlag, 608 Seiten, 24,70,-

11:01 31.08.2016
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