Scheitern als Ansporn

Feminismus Am Ende des Buchs ist Platz „für deine eigene Geschichte“. Man kann sich auch malerisch selbst darstellen und sich so in eine Reihe produzieren mit Rosa Parks ...
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Wenn aus der Stille die Stimmen kommen

Ihr erstes Flugzeug nennt sie Kanarienvogel. Die Pilotin Amelia Earhart (1897 – 1937) stellt 1922 einen Höhenrekord auf, zum Beweis, dass Frauen das können. Sie erlebt sich als Verkörperung von Mut und Tatkraft zur Beschleunigung der Emanzipation. Earhart will „die Frauen aus dem Käfig ihres Geschlechts herauszuholen“. Was sie unternimmt, hat Signalcharakter. Als erste Frau überfliegt sie allein den Atlantik. Nun will sie die Welt in einer Lockheed Electra umfliegen. Ihrem Testament setzt sie die Zeile voran: „Ich will es machen, weil ich es will.“ Im Bewusstsein des Risikos notiert sie: „Wenn Frauen scheitern, muss ihr Scheitern anderen Frauen als Ansporn dienen.“

Elena Favilli, Francesca Cavallo, Good Night Stories for Rebel Girl, Hanser, 223 Seiten, 24,-

Malala Yousafzai hat wahrscheinlich noch nie von Amelia Earhart gehört. Die Pakistanerin des Jahrgangs 1997 wurde zum Idol bevor sie alt genug war, um Vorbilder außerhalb ihrer Umgebung haben zu können. An ihrem sechzehnten Geburtstag hielt sie eine Rede vor den Vereinten Nationen (UNO). Die UNO erklärten daraufhin den 12. Juli zum Malala-Tag.

Aus der Rede:

Liebe Freunde, am 9. Oktober 2012 haben die Taliban auf mich geschossen und meine linke Stirn getroffen. Auch auf meine Freunde haben sie geschossen. Sie haben gedacht, dass die Kugeln uns zum Schweigen bringen würden, aber sie sind gescheitert. Denn aus der Stille kamen tausend Stimmen. Die Terroristen dachten, sie könnten meine Ziele verändern und meinen Ehrgeiz stoppen. Aber in meinem Leben hat sich nichts verändert mit einer Ausnahme: Schwäche, Angst und Hoffnungslosigkeit sind verschwunden, Stärke, Kraft und Mut sind geboren.

Ich bin gegen niemanden, auch bin ich nicht hier, um aus persönlicher Rache gegen die Taliban oder irgendeine andere terroristische Gruppe zu sprechen. Ich bin hier, um meine Meinung zu sagen für das Recht auf Bildung für alle Kinder. Ich wünsche mir Bildung für die Söhne und Töchter der Taliban und aller Terroristen und Extremisten.

Sechzig Jahre im Verlauf des Holocaust-Jahrhunderts liegen zwischen Tod und Geburt von Amelia Earhart und Malala Yousafzai. Das Beispielhafte und Vorbildliche erscheint so verschieden wie Wüste und Meer. In den hundert Gutenachtgeschichten für rebellische Mädchen fügt es sich wie in ein Mosaik. Elena Favilli und Francesca Cavallo liefern mit heroischen, die Selbstermächtigung in sämtlichen Spielarten feiernden Kurzbiografien ein Prägungsmodell für Heldinnen der Zukunft. Die Autorinnen korrigieren eine gleichermaßen überkommene und überholte Perspektive. Sie ordnen ihrem Geschlecht maximale Gestaltungskraft auf allen möglichen Feldern zwischen Paläontologie, Raumfahrt, Mathematik, Sport, Aktivismus und Rap zu.

Favilli und Cavallo haben ihr Handbuch für angehende Rebellinnen vor zwei Jahren mit einer rekordverdächtigen Crowdfunding-Kampagne in Gang gesetzt, bei der eine unglaubliche Beteiligungsbereitschaft, -lust und -freude festgestellt wurde. Als die Partizipationsparty ihren Klimax erreichte, entwässerte eine Bombe ein Hallenbad in Damaskus. Das war der Sportplatz von Yusra Mardini, die nach Deutschland schwamm, um weiter trainieren zu können. Sie sagt: „Ich will, dass alle Flüchtlinge stolz auf mich sind.“

Am Ende des Buchs ist Platz „für deine eigene Geschichte“. Man kann sich auch malerisch selbst darstellen und sich so in eine Reihe produzieren mit den Schwestern Brontë, Kleopatra, Simone Biles - und Rosa Parks, die 1955 auf einem Platz für Weiße sitzen blieb. Die antirassistische Intervention startete den schwarzen „Busboykott von Montgomery“ und in seiner Folge die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Es war keine große Sache für Parks, der Aufforderung, einem Weißen Platz zu machen, nicht nachzukommen. Aber dem Establishment gab es einen Stoß, der alles änderte – vor allem die Wortwahl. Das ist eine Lektion dieses Kinderbuchs: Der Kampf beginnt in der Sprache. Sie entscheidet, wer du bist.

10:21 29.07.2018
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