Schicksalhafte Topografie

Literatur Geovani Martins' Geschichten lassen an Schnappschüsse denken. Das Personal mag bewaffnet sein, heroisch ist es nicht. Martins schildert Eckensteherpittoresken ...
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In einer Absteige bringt der „Lötkolben am Himmel“ den privaten Winkel eines kriminellen Laufburschen zum Schmelzen. Die Niete schwitzt dem nächsten Kick entgegen. Sich zudröhnen, ist alles, was geht.

In den Favelas von Rio de Janeiro gibt es für keinen eine Chance, in Würde unterzugehen. Die Staatsgewalt ahmt das faustrechtliche Repertoire der Banden nach. Auf beiden Seiten genießen nur die Krassesten einen guten Ruf, der ständig von Herausforderungen gefährdet wird. Der Rest duckt sich in den Abwasserrinnen.

Davon berichtet Geovani Martins in kurzen Geschichten, die an Schnappschüsse denken lassen. Sein Personal mag bewaffnet sein, heroisch ist es nicht. Martins schildert Eckensteherpittoresken aus allen möglichen Perspektiven.

Geovani Martins, „Aus dem Schatten“, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner, Geschichten, Suhrkamp, 124 Seiten, 18,-

Ein Junge spielt mit der Pistole seines Vaters, der als Wachmann die Familie kaum ernähren kann, und bildet sich dazu einiges ein. Er ist nicht mehr jung genug, um nicht zu wissen, dass er den Verliererschatten nirgendwo abstreifen kann. Zu gern würde er als potenter Täter wahrgenommen. Doch auf den Flächen seiner Kindheit sind alle auch Opfer und viele nichts als das.

Geografie ist Schicksal, soll Napoleon gesagt haben. Wie viel mehr gilt das für Topografie. In den Verlierervierteln wird immer weiter verloren. Für Alternativen fehlt das Vokabular. Auch Martins beschränkt sich auf die Valeurs der Selbstsicht seiner Protagonist*innen. Vanessa findet es selbstverständlich, den Polizeileutnant Roberto de Souza, genannt „Affengesicht“, mit frauenspezifischen Methoden (Stasi-Sprech) in eine tödliche Falle zu locken. Souza, der notorisch nach der Devise ohne Süchtige keine Dealer*innen auf die Verbraucher*innen eindrischt, folgt Vanessa arglos mit der Aussicht auf einen leidenschaftlichen Augenblick.

Er könnte klüger sein. Wie kann er glauben, dass eine Braut des Elends ihre Entscheidungen am Kiez-Komment vorbeitrifft. Nicht nur die innere Freiheit fehlt ihr. Von ihrer Schönheit hängt ab, wer über sie verfügt. Wenn sie Souza kurz vor seiner Ermordung ins Gesicht spuckt und sich so herabsetzend wie phantasielos äußert, gehorcht sie doch nur.

Den Lockvogel in der Hand hat „Wellensittich“ – eines Platzhirschen Schießhund. Wellensittich führt die groben Geschäfte eines Herren über ein paar Straßenzüge. Während die Rivalitäten der Banden Generationen einschließen und den Kampfgeist von Greisen und ihren Enkeln prüfen, sind räumliche Hegemonien im Vergleich mit anderen Faktoren verschwindende Größen.

11:09 30.04.2019
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