Schließt das Heft

Deniz Utlus Studio ЯReihe "Berlin Calling Ankara" widmete sich dem Gedicht als Straßenfeger
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“Es geht nicht darum gefangen zu sein. Sondern darum, dass man sich nicht ergibt.” - Nazım Hikmet ist nicht allein zum Paten der Gezi-Park-Proteste von 2013 und anderen landesweit florierenden Gartenpartys im Kampf gegen die Regierung Recep Tayyip Erdoğans geworden. Die Türkei liebt ihre Dichter.

In der von Deniz Utlu kuratierten Studio ЯReihe Berlin Calling Ankara heißt heute der Termin “Şiir Soktakta – Das Gedicht liegt auf der Straße”. Heute ist der dreiundfünfzigste Todestag von Nazım Hikmet, der Dichter starb an einem dritten Juni in Moskau. Utlu rotiert in Georgien, Aleksandar Radenković und Çiğdem Teke federn durch eine von Achim Wagner zusammengetragene Protestgeschichte am Beispiel ihrer poetischen Niederschläge und Aufschwünge. Der Offenbacher Poetikstar Safiye Can leiht Gedichten ihre Stimme und das Glück des transkontinentalen Überblicks. Can schöpft mit der großen Kelle und verhilft jedem Vers zu schöner Wirkung.

Der Abend gehört auch einer Erinnerung an die Anschläge in Ankara vom 10. Oktober 2015. 102 Menschen starben. Radenković und Teke transportieren die Aufstandspoesie auf den 2013er-Schauplätzen der Hauptstadt, zu finden waren sie u.a. auf dem Kızılay-Platz und im Kuğulu Park.

Man habe den öffentlichen Raum mit Lyrik beschriftet und sich auf ein französisches Vorbild berufen: La poésie est dans la rue. Ein Anschluss lautete: “Schließt das Heft. Das Gedicht ist auf der Straße.” Hikmets “Leben einzeln und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald” bot sich zum Fanal an, wurde doch geholzt.

“Eine Regierung, die ihre Parks nicht achtet, wird vor der Geschichte nicht bestehen”, stand auf Putz.

Die Straßenkunst machte als Hashtag-Phänomen Karriere. Universitäten wurden zu “begehbaren Lyrik-Anthologien” (Wagner). Man berief sich auf Tevfik Fikret (1867 - 1915) genauso wie auf Ahmed Arif (1927 - 1991) und auf den von Can übersetzten Cemal Süreya (1931 - 1990). Ich nenne noch Orhan Veli und (1914 - 1950) Turgut Uyar (1927 - 1985). Epochemachende Kunst in die Pflicht zum Straßenkampf genommen - Wagner entdeckte Symbiosen zwischen malerisch maroden Fassaden und ihren Aufschriften. Sogar Rilkes Grabsteininschrift “Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern” wurde Parole.

Die Aktivisten standen im Wettbewerb mit übermalenden Kolonnen im Dienst der Stadtverwaltungen. Flüchtigkeit war der zweite Name jeder lyrischen Maßnahme. Wagner muss wie der Teufel hinter der armen Seele den Schriftbildern nachgejagt sein. Das hat sich gelohnt. Can steht auf und legt los. Ich denke an die verdichtete Unterschiedlichkeit von Offenbach - “Geboren als Kind tscherkessischer Eltern in Offenbach am Main”, so steht es geschrieben in einer biografischen Bemerkung. Die Sultane hatten eine Vorliebe für tscherkessische Odalisken. Die Sklavinnen wurden Stammmütter mächtiger Istanbuler Geschlechter. Die Gebirgsherkunft blieb noch zweihundert Jahre später in physiognomischer Eigenart der Nachfahren markant.

06:46 04.06.2016
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