Schmauch

#Schmauch Das große Verscherbeln hat schon begonnen, aber die DDR gibt es noch in ihrer Agonie. So wie Bürger*innen, die in einem starken Trennungsschmerz mit ihrem Land ...
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Auf dieser Lichtung bat mich Akira Thorne im Namen der Bundesregierung um Unterstützung.

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Feindliche Fahnenstange

Schmauch nennt die Fachwelt jene Spuren, die ein Kampf nach sich zieht. Vorn, wo die Kegel fallen, ist Schmauch unvermeidlich. Hinten, wo die Geheimnisse geheim gehalten werden, ist Schmauch eine Katastrophe. Da darf es keinen Schmauch geben.

Doch in diesem Kampf war Schmauch am Ende der feindlichen Fahnenstange womöglich nachweisbar. Es gab eine Chance, den alten Puppenspieler aus dem Spiel zu nehmen. Eines Tages sah ich seine Beine, er radelte rüstig in Shorts: legerer Schnitt, teilelastischer Bund, heraustrennbare Unterhose mit Sitzpolster, Oberschenkeltasche und Reflektoren – auch das eine Strampelhose aus dem Gaga-Outfit-Sortiment für den solventen Greis. Ich sah die Beine (aus ermittlungstechnischen Gründen kann ich keine weiteren Informationen geben) und wusste, der Mann will nichts mehr für sich. Der alte Verbrecher war am Ende, noch bevor ich richtig wach geworden war.

In der VUCA-Welt

Sandras Lieblingswort ist ein Akronym aus Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity.

Seit dem Niedergang des Warschauer Pakts leben wir in der VUCA Welt. Sandra hat sich als Resilienz-Forscherin einen Namen gemacht. Wir unterhalten uns leicht angeödet in einem Café am Wasserturm über posttraumatischen Benefit und sein prominentes Gegenteil: die posttraumatische Belastungsstörung. Was manche stabilisiert, destabilisiert andere. Noch immer werden Gründe für die unterschiedlichen Reaktionen gesucht.

Die Tapete passt zu den Vorhängen. Die Motive sind floral. Sie haben einen Fin de Siècle-Stich und waren modern in der letzten Gründerzeit des Industriezeitalters. Diese Gründerzeit verpasste der Erde einen Stahlgürtel, der schon lange als Rost Belt von sich reden macht.

Der Feuerlöscher situiert sich als Fremdkörper auf der Täfelung. Neben uns mümmelt der Spiegelredakteur Fredo Murksel (Name von der Redaktion geändert). Als Häuptling einer Putztruppe, die von vielen Leuten als reguläre Ordnungsmacht wahrgenommen wird, hält er die Gegend in Atem. Wer ihn gegen sich hat, wird als Nazi geächtet, von allen Listen gestrichen und von allen möglichen Zusammenschlüssen heimgesucht. Ich nenne nur den Kinderwiderstand, das Institut für militanten Humanismus, die Profa, die Real Hater und das Zentrum für soziale Ächtungen. Sandra und ich migrierten gemeinsam aus der Kindheit, um den Kontinent der körperlichen Liebe zu besiedeln. Wir knüpften keine zarte Bande. Vielmehr holzten wir durch das Morgenland. Die Bettwäsche unserer vom Kinder- zum Jugendzimmer aufgestockten Labore roch in beiden Häusern nach Lenor Aprilfrisch. Frühlingsduft auch im Herbst. Jahre sollten ins Land gehen, bis man das, jeder für sich, wieder hatte: die sich im Geruch aussprechende häusliche Sorgfalt.

Sandra und mir glückten sofort die Stunts; die Sprungturmvarianten. Saltos und Schrauben. Übersteiger, Ausheber und Achselwurf.

Wir voltigierten in unseren Volieren; behütet von der Kraft der zwei (Mutter)-Herzen. Wir hatten alles im Doppelpack: Mutter und Vater, Großmutter und Großvater und außerdem mit unseren Eltern befreundete/verwandte Erwachsene, deren Vorräte grenzenlos zu sein schienen.

Die Garagen der Männer waren Werkstätten. Convenience Food machte Träume wahr. Überall wurde einem die Fertigpizza offeriert. Das war gesunde Ernährung auf der Höhe der Zeit.

Wir bedauerten alle, die nicht wir waren. Wir waren Führer*innen auf dem Markt, den man im Verlauf der Pubertät als Umschlagplatz jedweder Relevanz zu begreifen lernt. Wo man lernt, an einer Lüge vorbei zu schrammen, indem man jemanden noch schnell den Laufpass gibt, für den es wichtig ist, nicht einfach ausgetauscht worden zu sein. Zwischen der Liebeskündigung und dem nächsten heißen Versprechen liegen vielleicht nur Stunden voller Sehnsucht, aber man ist doch bei der schonenden Wahrheit geblieben.

Auch Sandra und ich tauschten uns aus. Alles andere wäre lächerlich gewesen. Was außerordentlich kränkend sein könnte, nämlich sich in einem Reigen wie von Schnitzler im Dutzend billiger zu finden, kam in den pubertär-adoleszenten Erkundungskorridoren eigenen Vorbehalten sogar entgegen. Die Kandidatin (der Kandidat) würde sowieso nicht kleben bleiben, aber ich werde mich immer wieder an ihr gepierctes Meerschwein (an die Dartscheibe in seinem Zimmer) erinnern.

Unsere Generation begann ihre Aus- und Umzüge. Sie vagabundierte/Wir vagabundierten.

Dieser Skilauf der auf- und abgleitenden Blicke. Ich unterhielt mich mit Technikerinnen, für die Gaffer Tape Bordüren so etwas wie The Basement Tapes der ultimativen Kompetenz waren. Die rasierten Achselhöhlen straften Attitüden der gesellenhaften Berufsausübung Lügen.

Fast analytisch beschrieb Sandra in langen Briefen, wie verschoben sexuelle Ladungen aufeinander reagieren; wie einfach es sein kann und wie kompliziert. Eine leise Störung bestimmter Erwartungen löscht Programme der Erfüllung. Manchmal bewegt sich die Lust auf einem Grat über dem Ekel oder in einer Mulde äußerster Gewöhnlichkeit. Der Kaffee danach (zum Beispiel auf einem Supermarktparkplatz oder in einer total heruntergedogten, von Pakistanern betriebenen Dönerbude) geht in die Bewertung ein.

Dann ist wieder alles ganz anders/einfach und familiär.

Wir folgten rasch verwitternden Spuren der Leidenschaft. Wir blieben am Ball, es war eine Mission mit Sex in der U-Bahn und Zwischenstopps in Pilsstuben und Barracuda Bars. Doch behielt die Arbeit in der Morgenröte unserer Aktivitäten - die Modellierung der Neigungen - dreißig Jahre eine erotische Bedeutung. Sandra und ich gingen an unseren Ehen und allem vorbei solange immer wieder miteinander ins Bett, bis wir in unseren Vierzigern gleichzeitig unser körperliches Selbstvertrauen verloren. Von der Warte eines überschrittenen Höchststandes wollen wir uns nicht mehr genau erinnern. Unregelmäßigkeiten im Gedächtnisbetrieb empfinden wir als Gnade. Nicht mehr alles parat zu haben: das ist doch gut. Manchmal werden die Bilder der Erinnerung in zufälligen Überblendungen zu Kunstwerken. Sandra verausgabt sich in einer Langzeitstudie mit Veteranen. Es gibt dazu auch eine Laienpoststelle, die Sandra verwaltet. Die Empörungsindustrie produziert auch an dieser Stelle den aktivistischen Anklagetenor. Mentale Stärke dürfe keine angemessene Antwort auf Gewalt sein. Besonders nervig, so Sandra, sei die Vorsitzende der Shimano-Closer-To-Nature-Stiftung; auch das ein großer Millionärsunfug, aufgezogen als sperrige Nicht-Regierungsorganisation. Einfach nur Sand im Getriebe. Dann fällt der Name der Vorsitzenden. Mareike Angelika Schwolz.

Das große Verscherbeln

Zurück auf Los. Ich gehe auf die dreißig zu, unterrichte Deutsch für Ausländer in Frankfurt-Hoechst nach lächerlichen Vorgaben, frequentiere einen Waschsalon, sehe französische Krimis in der kommunalen Filmwerkstatt, reagiere euphorisch auf die Wiedervereinigung und verliebe mich in Mareike Schwolz.

Die Brandungsgeräusche von Neunundachtzig … Mareike liegt das andere Deutschland ferner als Amerika. Sie wünscht sich eine ethnologische Annäherung. Sie liegt auf meinem Futon und geht in Gedanken spazieren. Sie sieht sich in Weimar die Gewohnheiten der Eingeborenen studieren und manchen Stein gewordenen Widerhall deutscher Klassik mustern.

Der Ostblock bleibt eine Dystopie. In dieser Ignoranz-Fasson statten Mareike und ich der sich gerade übergebenden DDR einen Besuch ab.

Man muss aufpassen, dass man die Ereignisse rund um „die friedliche Revolution“ nicht auf der Kehrichtschaufel der eigenen Geschichtsvergessenheit zur Tonne der eigenen Einfalt trägt.

Das große Verscherbeln hat schon begonnen, aber die DDR gibt es noch in ihrer Agonie. So wie Bürger*innen, die in einem starken Trennungsschmerz mit ihrem Land verbunden sind. Leute, die ahnungslos ihre lebensgeschichtlichen Brüche herbeidemonstriert haben, betrachten uns fassungslos. Jeder hat sich das und den anderen ganz anderes vorgestellt.

Wieder in Frankfurt verknüpft Mareike völlig monomanisch die kaputte DDR mit ihrer kaputten Familiengeschichte. Sie macht ihren Vater für den frühen Tod der Mutter verantwortlich. Während sie ihrem Vater den Tod wünschte, verlor sie die Mutter.

Alles schien verkehrt eingerichtet.

Der Vater ist in Mareikes Wahrnehmung ein … und ein … Die Aufzählung kommt ohne originelle Sprachschöpfungen aus, so als verböte sich jedwede Kreativität an dieser Stelle. Gewaltphantasien flankieren die Tirade und vernebeln Mareikes Gehirn.

In der Einsamkeit ihres Schwanheimer Dachstuhls geht Mareike mit mir ihr Leben durch. Ein Erinnerungs-Wir schließt den Vater nicht immer nur negativ ein. Manchmal schimmert Stolz auf den Kotzbrocken durch die Ablehnung. Ein paar Mal mehr als selten hat man etwas gemeinsam erlebt, dass positiv zu Buche schlug, so wie die Suche nach Gold in der Eder und eine Einweisung in die Kunst der Salzgewinnung.

In einem Verhau aus kruden Darstellungen verbirgt sich eine Heranwachsende, die im Herrschaftsbereich der väterlichen Verwahrlosung ständig sprungbereit auf der Hut war.

Bald mehr.

22:42 18.07.2019
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